Alles begann am 4. Juli 1776, als sich 13 britische Kolonien in Nordamerika von ihrem Mutterland Großbritannien lossagten und sich für unabhängig erklärten. Das war die Geburtsstunde der <b>„Vereinigten Staaten von Amerika“</b>. von Rolf Steininger<BR /><BR />Begründet wurde das damit, dass ein Volk das Recht habe, eine Regierung zu ändern oder abzuschaffen, wenn diese seine Rechte verletze. Das war offensichtlich so, klang wie ein Fanal und wurde Vorbild für andere Revolutionen. Genauso wie das in der Erklärung verkündete Prinzip, dass <i>„alle Menschen gleich geschaffen“</i> und von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten wie Leben, Freiheit und das Streben nach Glück ausgestattet seien. Nach damaligem Verständnis kein Problem, dass weder Schwarze noch Indianer dazugehörten. Der Bruch mit Großbritannien war ein Risiko, das 1783 nach gewonnenem Krieg mit der Anerkennung durch London als souveräner Staat endete.<h3> Expansion, Bürgerkrieg, Großmacht </h3>Das 19. Jahrhundert war geprägt durch eine territoriale Expansion durch Käufe und Kriege. Berühmt sind der <b>Louisiana Purchase</b>1803 (Verdoppelung der damaligen Fläche der USA, der die Expansion nach Westen ermöglichte), Florida 1819, Texas 1845, Alaska 1867. Nach verlorenem Krieg musste Mexiko 1848 etwa die Hälfte seines Landes abgeben: die heutigen Staaten Kalifornien, Nevada, Utah, Arizona, große Teile von New Mexico, Colorado, Wyoming. Indianer wurden rücksichtslos<i> „umgesiedelt“,</i> was bei den Schwarzen nicht ging. Die Sklavenfrage führte 1861 zum Bürgerkrieg, die wohl einschneidendste Erfahrung in der Geschichte der USA mit am Ende 750.000 Toten. 1865 siegten die Nordstaaten, die Einheit blieb erhalten, die Sklaven wurden offiziell befreit, aber Bürgerrechte bekamen sie dennoch erst 1965.<BR /><BR />1869 wird die transkontinentale Eisenbahn fertiggestellt, das Land <i>„vereint“. </i>Es folgt ein massiver wirtschaftlicher Aufschwung, massive Einwanderung aus Europa (Irland, Deutschland, später Südeuropa), allerdings vollkommene Abschottung gegen Chinesen (1882). Am Ende des Jahrhunderts erleben wir den Übergang zur imperialen Macht mit Ambitionen im Pazifik.<BR /><BR />Das begann mit dem nur 112 Tage dauernden <b>„splendid little war“</b> gegen Spanien 1898, mit dem die USA durch den Gewinn von Kuba und den Philippinen Kolonialmacht wurden und bis zum Ersten Weltkrieg eine gewaltige Entwicklung erlebten. So stieg etwa die Einwohnerzahl von 75 Millionen im Jahr 1900 auf 92 Millionen im Jahr 1913.<BR /><BR />Im selben Jahr waren die USA zum größten Stahlproduzenten der Welt aufgestiegen. Sie besaßen eine starke Flotte, aber beschränkten ihre militärischen Aktionen auf Interventionen in Lateinamerika: Kuba, Panama, Kolumbien, Nicaragua, Dominikanische Republik. Sie vermittelten 1905 den Frieden zwischen Russland und Japan und 1906 auf Bitten Deutschlands im Streit zwischen Frankreich, Italien, Spanien, Großbritannien und Österreich-Ungarn wegen Marokko. Sie waren eine Großmacht geworden, aber noch keine Weltmacht, auch noch nicht am Ende des Ersten Weltkrieges, den sie entschieden.<BR /><BR />Bei dessen Ende waren sie wirtschaftlich und finanziell die führende Macht und auf dem Weg zur Weltmacht, aber sie waren nicht bereit, die damit verbundene Verantwortung zu übernehmen. Sie bevorzugten Isolationismus und Neutralität und waren vornehmlich im finanziellen Bereich tätig. Sie waren keine Weltmacht, geschweige denn eine globale Führungsmacht. Das wurden sie erst mit dem Zweiten Weltkrieg. <h3>Globale Führungsmacht</h3>An dessen Ende 1945 waren sie zu der Weltmacht schlechthin geworden. Drei Viertel des auf der Welt investierten Kapitals und zwei Drittel ihrer Industriekapazität befanden sich in den USA. Die USA waren die stärkste Militärmacht der Welt – und für ein paar Jahre die einzige Atommacht. Washington übernahm Londons Rolle als Zentrum von Kapital und Diplomatie. Für viele war die amerikanische Hauptstadt bereits die <i>„neu geschaffene Hauptstadt der Welt am Potomac“,</i> mit der Aufgabe, die zerstörte Welt neu aufzubauen. Dafür gründeten sie die Weltbank und den <i>„Internationalen Währungsfonds“</i>. Der US-Dollar wurde die neue Leitwährung. Fast selbstverständlich wurde New York der Sitz der <i>Vereinten Nationen.</i><BR /><BR />Als Hauptakteur im globalen Spiel der Mächte übten sie von nun an in ihrem Sinne den entscheidenden Einfluss auf die übrigen Länder dieser Welt aus – mit <b>hard power:</b> militärisch, wirtschaftlich, politisch und verdeckten CIA-Operationen, mit <i>soft power:</i> Hollywood, (Pop-) Musik, <i>American way of life</i>. <BR /><BR />Nach außen wurden die Jahre bis 1990/91 durch den Kalten Krieg bestimmt, dem <i>„Kampf von Demokratie und individueller Freiheit gegen Diktatur und absoluter Konformität“,</i> wie das der stellvertretende US-Außenminister <b>Dean Acheson</b>1947 einmal formulierte. Die <i>„Eindämmung“,</i><i>„containment</i>“ des Kommunismus, führte zu zahlreichen (Stellvertreter-)Kriegen und Krisen in Europa, im Nahen und Fernen Osten, in Afrika und Lateinamerika. Im Innern gab es die kommunistische Hexenjagd eines <b>McCarthy,</b> die Bürgerrechtsbewegung und massive Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg. <BR /><BR />Es gab eine <b>Pax Americana</b>, in deren Schutz die im Krieg zerstörten Länder, allen voran Westdeutschland und Japan, wieder aufgebaut wurden. Man bewunderte dort fast alles, was Neues aus Amerika kam und imitierte so viel wie möglich die amerikanische Wohlstandsgesellschaft mit ihren Annehmlichkeiten. <BR /><BR />Mit dem <b>Krieg in Vietnam</b> begann ein neues Kapitel in den USA, an dessen Ende das Land sich im Innern und nach außen verändert hatte. Dieser Krieg bleibt eines der größten Desaster in der amerikanischen Geschichte seit dem Bürgerkrieg und ein Trauma für die Weltmacht. Mit ihm verloren die USA auch ihren Anspruch, moralische Führungsmacht des Westens zu sein. Amerika war nicht mehr das erstrebenswerte Vorbild für die westliche Welt, Antiamerikanismus war mehr denn je en vogue. Die USA, <i>„der Leuchtturm der Freiheit“, </i>wie es oftmals hieß, hatte unwiederbringlich an Strahlkraft verloren, der <i>American way of life</i> an Attraktivität. <BR /><BR />Und dennoch konnte sich niemand der Faszination dieses Landes entziehen. Das <i>„Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ </i>war nach wie vor groß und reich; die Menschen voller Dynamik, für viele ein Märchenland. Irgendwie glaubten selbst die Amerikaner weiter an den <i>American dream</i>, wonach jedes Individuum durch harte Arbeit, durch eigene Willenskraft sich verbessern und damit sein Glück machen konnte – und was sogar auch manchem Europäer gelang (später wurde ein Immigrant aus Österreich sogar Gouverneur von Kalifornien).<BR /><BR />Auch nach Vietnam blieb die militärische, wirtschaftliche und politische Dominanz der USA erhalten und führte letztlich zum Sieg im <b>Kalten Krieg.</b> Die Terroranschläge vom 11. September 2001 führten zum <i>„Krieg gegen den Terror“</i>, dem im Innern und nach außen fast alles untergeordnet wurde. Mit dem nachfolgenden <b>Irakkrieg</b> gerieten die USA gleichzeitig in die Falle des imperialen <i>overstretch</i>. Dieser Krieg markiert definitiv einen Wendepunkt. Er kostete die USA mindestens zwei Billionen US-Dollar, Geld, das im eigenen Land besser angelegt gewesen wäre. <BR /><BR />Die USA waren von nun an nicht mehr Führungsmacht und wollten von nun an auch nicht mehr Weltpolizist sein.<h3>Ein gespaltenes Land</h3><b><BR />Donald Trumps</b> Wahlsieg im November 2016 markierte für jeden sichtbar diesen Wendepunkt. Die USA als globale Führungsmacht und Hüterin einer Weltordnung, die sie 1945 schufen und in internationaler Kooperation jahrzehntelang sicherten, gibt es definitiv nicht mehr. Die Stabilität der transatlantischen Beziehungen, das Fundament jener Partnerschaft, die z.B. Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges geprägt hat, gibt es damit auch nicht mehr. Internationale Kooperation ist out. Ähnliches gilt für den <i>American way of life</i>, der für viele Menschen, insbesondere in Europa erstrebens- und nachahmenswert war. An vielen Orten gleicht dieses Land heute einem Entwicklungsland, geprägt von Drogenmissbrauch, Massenschießereien, verstärktem Rassismus und einer – von Trump nach seiner Wiederwahl 2024 bewusst vorangetriebenen – Spaltung der Gesellschaft, in dem das Wahl- und Parteiensystem mehr denn je vom Geld abhängt und mit Demokratie immer weniger zu tun hat, in dem die Evangelisten und andere Radikale oftmals das Sagen haben, und gleichzeitig zig Millionen Menschen nach wie vor keine Krankenversicherung haben und die Verfassung und das Justizsystem an ihre Grenzen stießen. Wer den Blick von außen auf die Entwicklung dieses Landes richtet, bei dem ist oftmals aus Bewunderung Skepsis geworden – bis hin zum Antiamerikanismus. <BR /><BR />Aber auch im Land selbst gab und gibt es viel Skepsis und Frustration über die Entwicklung der letzten Jahre. Viele sahen sich abgehängt und vergessen. Donald Trump setzte diese Stimmung erstmals 2016 in Wählerstimmen für sich um. Mit <b>America First</b> demonstrierte er seine Sicht der Dinge. Er ging wie mit einer Abrissbirne durch das Land und sorgte zu Hause und in der Welt für eine nicht enden wollende Serie von Maßnahmen für Irritationen und Empörungen. Die <b>Presse</b> ist der Feind des Volkes, liefert nur <i>fake-news</i>, die <b>NATO</b> eigentlich obsolet, die <b>Europäische Union</b> der Feind der USA. Mit Hilfe von Sanktionen und Zöllen wird Außenpolitik betrieben.<h3>Die USA – noch immer die Nummer 1</h3>Trotz allem: Die USA sind immer noch die stärkste Militärmacht der Welt; ähnliches gilt für die Wirtschaft, für Innovationskraft und Erfindergeist: Ihre viereinhalb Prozent der Weltbevölkerung erwirtschaften 31 Prozent der gesamten Weltproduktion, die Wall Street beeinflusst die Börsen weltweit; zuletzt kamen jährlich die meisten Patentanmeldungen aus den USA, die Zahl der Nobelpreisträger ist größer als in jedem anderen Land.<BR /><BR />Das Informationszeitalter begann in den USA, genauso wie der Prozess der Globalisierung; die globale Abhängigkeit von den USA ist inzwischen größer denn je. Auf Facebook kann notfalls verzichtet werden, aber wohl kaum auf Apple und Microsoft. Und auf Netflix kommen die meisten Filme nach wie vor aus Hollywood, amerikanische Popmusik gehört zur amerikanischen <i>soft power</i>. Und McDonald’s gibt es auch noch. <BR /><BR />Und dann ist da noch China. Schon im Juli 2020 meinte FBI-Chef <b>Christopher Wray</b>: <i>„China ist die größte Gefahr für die USA. China will um beinahe jeden Preis einzige Supermacht werden.“</i><BR /><BR />Die USA mögen noch eine Weile eine globale Macht sein, eine globale Führungsmacht sind sie nicht mehr. Daran wird auch das laut Trump <i>„größte Feuerwerk aller Zeiten“</i> am 4. Juli nichts ändern.<h3> Zur Person:</h3>Rolf Steininger war langjähriger Leiter des Instituts für Zeitgeschichte der Uni Innsbruck<h3> Buchtipp:</h3>Rolf Steininger, Das amerikanische Jahrhundert. Die USA als globale Führungsmacht, hrsg. von der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, Leipzig 2021, 183 Seiten.<BR /><BR />Bestellen: <a href="https://www.athesiabuch.it/" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">www.athesiabuch.it</a>