<b>von Hanna Platzer</b><BR /><BR /><b>Sie sind mittlerweile im Ruhestand. Mit welchen Gefühlen blicken Sie dem Ruhestand entgegen – überwiegt die Vorfreude oder eher der Abschiedsschmerz?</b><BR /><BR />Jakob Willeit: Es ist eine sehr große Umstellung, das muss ich ehrlich sagen. Man kommt aus einer jahrelangen Überbeschäftigung und tritt plötzlich in diesen Ruhestand ein. Das ist erst einmal gewöhnungsbedürftig. Grundsätzlich bin ich aber sehr froh, dass ich diesen großen Dienst und vor allem die enorme Verantwortung abgeben konnte. Als Priester und Pfarrer hat man eine Verantwortung gegenüber den Pfarreien und den Menschen. Mir ging es vor allem um die juridische Verantwortung: Dass ich diese jetzt abgeben konnte, hat mir richtig gutgetan. Mit 80 Jahren muss man realistisch sein und daran denken, dass man jeden Moment nicht mehr so fähig sein könnte, diesen Dienst so gut zu schaffen. Deswegen habe ich mir gesagt: Mit 80 ist es gut, dass abgeschlossen wird. Von daher war ich wirklich froh. Ich klebe nicht an Posten. Deshalb mache ich auch nicht mehr als Pfarrer in eigener Regie weiter.<BR /><BR /><embed id="dtext86-76337151_quote" /><BR /><BR /><b>Das heißt, Sie ziehen sich nicht völlig zurück, sondern bleiben als Seelsorger aktiv?</b><BR /><BR />Willeit: Genau. Ich übernehme keine Pfarrei mehr selbst, helfe aber dort aus, wo ich gebraucht werde und wo man mich darum bittet. Vor allem geht es dabei um die Sonntagsgottesdienste, für die ich eingeteilt werde, um als Seelsorger in verschiedenen Pfarreien auszuhelfen. Das mache ich sehr gerne. Auch wenn noch Hochzeiten, Primizen oder Taufen anstehen, helfe ich mit.<BR /><BR /><b>Ist Ihnen dann das „Loslassen“ der gewohnten Aufgaben schwergefallen?</b><BR /><BR />Willeit: Das funktionelle Loslassen nicht, da war ich gefasst und hatte das für mich schon sozusagen „einkalkuliert“. Aber im Konkreten betrifft es natürlich das Menschliche. Die Leute, denen man alltäglich begegnet ist, sieht man nicht mehr so oft. Auch die vertrauten, schönen Kirchen und die Messfeiern mit den Gemeinden zu verlassen, ist ein echter Abschied. Das ist menschlich nicht ganz einfach, aber es gehört zum Leben nun einmal dazu. <BR /><BR /><b>Worauf freuen Sie sich jetzt besonders, wofür während des aktiven Dienstes oft die Zeit fehlte?</b><BR /><BR />Willeit: Zunächst war ich mit dem Wohnungswechsel und dem Einrichten beschäftigt. Aber ich habe auch schon ein neues Hobby für mich entdeckt! Ich hatte früher ab und zu einen Jesuitenpriester zu Gast, mit dem ich viel gesprochen habe. Dadurch entstand der Wunsch, nachzuforschen, wie es damals überhaupt dazu kam, diese sogenannten „Volksmissionen“ in den Pfarreien durchzuführen. Diese wurden ja historisch vor allem von den Jesuiten propagiert. In fast allen unseren Dörfern und Pfarreien stehen heute noch diese Missionskreuze zur Erinnerung. Die letzte Volksmission bei uns war, glaube ich, 1995. Ich möchte dieser Sache jetzt genauer nachgehen, in die verschiedenen Pfarreien hineingehen und in den Dokumenten und Archiven forschen, was darüber noch da ist. Das tut mir zwischendurch richtig gut. Und ansonsten freue ich mich darauf, etwas mehr fischen zu gehen, in der Natur zu sein und Bergwanderungen zu machen, solange ich noch dazu imstande bin.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1360290_image" /></div> <b>Wenn Sie auf Ihre Dienstzeit zurückblicken: Welche Momente bleiben Ihnen besonders in Erinnerung?</b><BR /><BR />Willeit: Es gab im Laufe meines Lebens so viele Ereignisse und Momente, die einfach wunderschön gewesen sind. Ein einzelnes herauszugreifen, fällt mir schwer. Sehr schön war für mich immer ganz allgemein der direkte Umgang mit den Mitmenschen – besonders die Arbeit mit der Jugend in der Schule, die Jugendarbeit vor Ort und die vielen gemeinsamen Feiern, wie Hochzeiten und andere große Feste im Jahreslauf. Das hat mich immer tief gefreut.<BR /><BR /><embed id="dtext86-76337153_quote" /><BR /><BR /><b>Wie haben sich das Gemeindeleben und das Verständnis von Glauben im Laufe Ihrer Dienstzeit verändert?</b><BR /><BR />Willeit: Sehr stark. Ich bin ja noch ganz am Rande mit der vorkonziliaren Zeit in Berührung gekommen. Die Neuerungen und der Aufbruch durch das Zweite Vatikanische Konzil haben mich damals sehr gefreut! Aber zum Schluss war mir der Wandel dann doch fast zu viel. Früher war die Gemeinde viel enger an den Priester und die Kirche gebunden. Man hat sich gegenseitig getragen und unterstützt. Heute gehen die Menschen nach dem Gottesdienst schnell wieder ihre eigenen Wege; der persönliche Austausch ist seltener geworden. Das lässt einen als Priester manchmal auch etwas einsam zurück. Das gegenseitige Gehör und das Interesse an der Gemeinschaft sind stark zurückgegangen. Bei den Erwachsenen zeigt sich dieser Rückgang oft sogar noch deutlicher als bei der Jugend. Die Familien sind anderweitig beschäftigt und der Kontakt ist schwächer geworden.<BR /><BR /><b>Vor welchen großen Herausforderungen steht die Kirche vor diesem Hintergrund in den nächsten Jahren?</b><BR /><BR />Willeit: Die größte Herausforderung ist es, überhaupt noch einen unbeschwerten Kontakt zu den Menschen aufzubauen. Die Möglichkeiten zum echten Austausch schwinden. Zudem wird das Glaubenswissen geringer. Auf der anderen Seite sehe ich viele engagierte Laien, die merken, dass sie jetzt gefragt sind und Verantwortung übernehmen. Das Problem ist nur, auch wieder jüngere Menschen für dieses Mitgestalten zu begeistern, wenn die Bindung zur Gemeinschaft insgesamt schwächer wird.<BR /><BR /><BR /><BR /><b>Gibt es trotz dieser Entwicklung auch Dinge, die Ihnen Hoffnung für die Zukunft machen?</b><BR /><BR />Willeit: Ja, absolut! Ich sehe sehr viele gute, engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Mir fällt auf, dass sich die Laien heute noch viel mehr reinhängen. Sie merken ganz genau, dass sie gefragt sind und dass sie wichtig sind. Die Herausforderung dabei ist allerdings wieder dieselbe: Es ist schwer, junge Menschen in die Pfarrgemeinderäte zu bekommen.<BR /><BR /><b>Wie lässt sich die Begeisterung für den Glauben heute wieder wecken?</b><BR /><BR />Willeit: Ich vergleiche das gerne mit dem Kochen. Du kannst das beste Essen zubereiten und aufplatten – wenn den Leuten jedoch der Appetit fehlt, nützt es nichts. Wir müssen also wieder den „Appetit“ auf die frohe Botschaft wecken. Eine allgemeine Sehnsucht nach Gott oder der Natur ist bei vielen Menschen durchaus da, aber der persönliche Bezug zu Jesus Christus geht verloren. Wir Priester sind heute oft so in der Organisation gefangen, dass kaum Zeit für das Wesentliche bleibt. Wir müssen als Christen wieder einander begeistern.<BR /><BR /><b>Mit welchem Gefühl schauen Sie persönlich in die Zukunft?</b><BR /><BR />Willeit: Nachdem ich in letzter Zeit schon einige Altersgenossen begraben habe, blicke ich recht gelassen nach vorne. Ich nehme die Jahre, die der Herrgott mir noch schenkt, mit großer Mitgelassenheit an.