Mittwoch, 18. März 2020

Lügen über Corona: Warum gerade jetzt Fake News florieren

Derzeit verbreitet sich im Netz viel Unsinn über das Coronavirus. Selbst Menschen, die sonst gegenüber Falschnachrichten misstrauisch sind, halten so einiges für glaubhaft. Doch warum ist das so?

Zahlreiche Falschmeldungen und gefährliches Halbwissen zum Coronavirus kursieren im Netz.
Zahlreiche Falschmeldungen und gefährliches Halbwissen zum Coronavirus kursieren im Netz. - Foto: © APA/Symbolbild / BARBARA GINDL
Es ist ein wenig wie bei der Pandemie: Fake News über das Coronavirus verbreiten sich derzeit offenbar genauso schnell wie der Erreger selbst. Über soziale Medien und in privaten Chatgruppen werden Gerüchte befeuert – teils wohl aus Ahnungslosigkeit oder auch einer (verständlichen) naiven Hoffnung, oft aus Bosheit.

Der kruden Fantasie derjenigen, die die Lügen erfinden, scheinen kaum Grenzen gesetzt. Dabei deuten manche Fakes auf eine geschlossene Verschwörungstheorie hin: Etwa dass das Virus in einem Labor im chinesischen Wuhan gezüchtet und dann freigesetzt wurde, oder dass die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung die Entwicklung von Sars-CoV-2 finanziert haben soll.

Doch nicht immer wird das große Rad gedreht. Auch vermeintliche Heilmittel gegen die vom Coronavirus ausgelöste Krankheit Covid-19 machen die Runde. So wird geraten, die ätzende Bleich-Chemikalie Chlordioxid zu trinken, um das Virus abzutöten, oder eine aufgeschnittene Zwiebel in die Wohnung zu legen, die den Erreger wie ein Magnet aus der Luft zieht. Alles vollkommener Unfug, zum Teil sogar gesundheitsgefährdend.

„Kleine“ Falschmeldungen sind oft gravierender

„Die kleinen Falschmeldungen halte ich für gravierender als die großen Verschwörungstheorien“, sagt Kommunikationswissenschaftler Tilman Klawier von der Universität Hohenheim. Denn sie berühren den Alltag.

„Vom Coronavirus kann potenziell jeder betroffen sein“, erklärt die Stuttgarter Medienwissenschaftlerin Katarina Bader. Wenn es um die Gesundheit gehe, hätten News rund um den Erreger in hohem Maße Einfluss auf das eigene Leben. Das Problem allerdings: „Es gibt das Gefühl, dass herkömmliche Kanäle nicht genug Informationen bieten“, so die Fake-News-Expertin. „Das liegt einfach daran, dass aktuell so vieles ungewiss ist.“

Und so wird manches Gerücht ungeprüft weitergereicht. Viele bekommen derzeit so viel Unsinn untergejubelt wie noch nie – selbst von Bekannten, die kruden Theorien eigentlich misstrauen. „Angst macht anfälliger für Falschnachrichten – auch bei Leuten, die sonst keinen Fake News glauben“, sagt Journalismus-Professorin Bader. Viele hätten derzeit ein diffuses Gefühl, was wahr und was unwahr ist. „Ich glaube schon, dass unser Gehirn ein Stück weit aussetzt.“

Wo kommen die Lügen her?

Aber wer steckt dahinter? Für Fake-News-Forscher Klawier ist die Absicht derzeit nicht immer deutlich. Wurden Lügen in der Vergangenheit häufig verbreitet, um mit Klicks Geld zu verdienen oder die eigene Ideologie unter die Leute zu bringen, so ist die Motivation im Fall des Coronavirus seiner Ansicht nach nicht unbedingt erkennbar. „Vielleicht ist es ein individuelles Geltungsbedürfnis, Langeweile oder einfach ein gestörter Erfindungsreichtum.“

Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel: Ist die eine Lüge von seriösen Quellen aus der Welt geräumt, steht schon die nächste in den Startlöchern. Sogar die Spitzen der Politik schlagen Alarm.

Die EU-Kommission rät, „sich vor arglistigen und irreführenden Fake News und Desinformationen in Acht“ zu nehmen. Die deutsch Justizministerin Christine Lambrecht (SPD) hält deren Verbreiter für „völlig verantwortungslos“. Und mit Blick auf einen erfundenen Zeitungsartikel, nach dem alle Supermärkte in Deutschland während der Woche nur wenige Stunden geöffnet hätten, twittert Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU): „Das ist kein Spaß, Ihr spielt mit der Angst der Leute.“

„Es gibt eine hohe Alarmbereitschaft seitens der Politik und der Behörden“, sagt Klawier. „Das wird zum Glück sehr ernst genommen.“ Allerdings hat der Forscher wenig Hoffnung, dass Fake News absehbar abebben. Um nicht auf die Stimmungsmache hereinzufallen, gelten Wachsamkeit und Aufklärung. Oder, wie der Weilheimer HNO-Arzt Christian Lübbers auf Twitter formuliert: „Viren und Fake News lassen sich nur stoppen, wenn man diese nicht weitergibt.“



dpa

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