Während sich viele Chinesen nur mit Mundschutz auf die Straße trauen und Luftfilter für ihre Wohnungen kaufen, stört sich in Indien noch kaum jemand an der dreckigen Luft. Die Menschen in Neu Delhi sprechen denn auch von „Nebel“ statt von „Smog“.Alarmierende WerteDabei sind die Werte in beiden Städten alarmierend. Der Luftindex der US-Botschaft in Peking zeigte im Jänner an zehn Tagen einen Wert von mehr als 300 für den gefährlichen Feinstaub PM2,5. Das sind die besonders kleinen, bedrohlichen Partikel, die über die Lunge direkt ins Blut gehen können.Bei diesem hohen Wert riet die US-Botschaft: „Jeder sollte jegliche Anstrengung draußen vermeiden.“ In Indien kam das Verschmutzungs-Kontroll-Komitee Delhis am Standort Punjabi Bagh sogar an der Mehrzahl der Jänner-Tage auf diese dramatischen Werte.„Delhis Luft ist schlechter als die von Peking“, meint denn auch Barun Aggarwal, der die Selbsthilfegruppe „Breath Easy“ leitet. Aggarwal hat ein eigenes, kalibriertes Messgerät, und damit vor einigen Tagen am Nehru Place vor seinem Bürogebäude einen Feinstaubwert von 700 Mikrogramm pro Kubikmeter gemessen.Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt im Durchschnitt am Tag einen Wert von unter 25.Luftverschmutzung führt laut WHO zu Entzündungen der Atemwege, Herzproblemen und Lungenkrebs. Als die Organisation im Jahr 2010 die Luft in Städten überall auf der Welt maß, landete Delhi mit durchschnittlich 198 für Partikel kleiner als PM10 in der traurigen Spitzengruppe. „Ich sehe die Folgen davon jeden Tag. Meine Kinder haben Asthma, seit wir aus den USA hergezogen sind“, erzählt Aggarwal.Bürohaus mit riesiegem Gewächshaus schafft AbhilfeWenigstens ein paar Menschen in Delhi atmen gute Luft – dank des Forschers und Geschäftsmanns Kamal Meattle. Ihm sagten Ärzte vor 20 Jahren, dass ihn die Luft in Delhi umbringen werde. „Da begann ich zu experimentieren, wie die Luft gereinigt werden könnte. Und kam durch die US-Raumfahrtbehörde NASA auf die Idee: Warum nicht mit Pflanzen arbeiten?“Nun steht auf seinem Bürohaus in Delhi ein riesiges Gewächshaus voller Goldfruchtpalmen, Bogenhanf und Efeutute. Alle Luft für das Gebäude wird dort hineingesaugt, gefiltert, durch die Pflanzen angereichert und dann in die Stockwerke gepumpt.„Wir bauen unsere eigene frische Luft an“, sagt er lächelnd. Die 300 Menschen, die im Haus arbeiten, hätten messbar weniger trockene Augen, Atembeschwerden, Kopfschmerzen und seien auch produktiver.Die meisten anderen Bewohner von Delhi aber atmen weiter den toxischen Mix. Darin vermischt sind die Abgase von Millionen von Autos, Rückstände der Feuer, an denen sich die Armen der Stadt im Winter wärmen, und vom Diesel, mit dem die Bessergestellten ihre Generatoren bei einem der häufigen Stromausfälle betreiben.Auch außerhalb der indischen Hauptstadt können die Menschen kaum frei atmen. Laut einer jüngst veröffentlichten Studie der Yale-Universität liegt Indien bei der durchschnittlichen Belastung mit Feinstaub auf Platz 177 von 178 Ländern. Den letzten Platz hat China inne. Dafür führt Indien die WHO-Statistik mit den meisten Toten durch chronische Atemwegserkrankungen an.Nachdenken beginntImmerhin: Seit die indischen Medien in den vergangenen Tagen die Yale-Statistik entdeckten, beginnt ein lautes Nachdenken. Doch gehandelt wurde noch nicht, im Gegenteil: Statt Fahrverbote zu erlassen oder die Industrie zu einem geringeren Schadstoffausstoß zu verpflichten, sucht das zuständige Ministerium für Geowissenschaften die Schuld woanders. Für die Feinstaub-Spitzenwerte spielten „unübliche Wetterbedingungen eine zentrale Rolle“, heißt es in einer Stellungnahme.Vielen Menschen in Delhi liegen auch noch die Worte der bisherigen Ministerpräsidentin des Stadtstaates im Ohr. Sheila Dikshit sagte der Zeitung „The Hindu“ im vergangenen Jahr: „Wir haben herausgefunden, dass der meiste Rauch, der über der Stadt hängt, in Wirklichkeit vom Verbrennen der Reisstängel in den benachbarten (Bundesstaaten) Haryana, Uttar Pradesh und Punjab kommt. Es ist, als würden sie das absichtlich tun, um Delhi zu ersticken.“dpa