Donnerstag, 06. August 2020

Luttach: Neue Erkenntnisse zu Unfallhergang

Gab es – neben dem Verhalten von Pkw-Lenker Stefan Lechner – noch externe Faktoren, die dem tragischen Verkehrsunfall von Luttach zugrunde liegen bzw. mögliche Mitverantwortlichkeiten? Der Amtssachverständige Luigi Cipriani soll in seinem Gutachten auf Aspekte hinweisen, die – falls sie bewiesen werden – das potenzielle Strafmaß für Lechner deutlich reduzieren könnten, berichtet das Tagblatt „Dolomiten“ am Donnerstag.

Die Ermittlungen nach dem verheerenden Unfall in Luttach im Jänner 2020 gehen weiter.
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Die Ermittlungen nach dem verheerenden Unfall in Luttach im Jänner 2020 gehen weiter. - Foto: © mt
Wie berichtet, waren bei dem Verkehrsunfall am 5. Jänner dieses Jahres 7 junge Menschen getötet und 10 weitere verletzt worden.

Unfalllenker Stefan Lechner befindet sich auch nach Aufhebung seines Hausarrestes Mitte Juli weiterhin im Kloster Neustift.

Im September werden die technischen Gutachter Richter Emilio Schönsberg im Rahmen des Beweissicherungsverfahrens ihre Erkenntnisse zum Unfallhergang darlegen. Einiges aus dem kürzlich hinterlegten Amtsgutachten von Ingenieur Luigi Cipriani ist aber bereits durchgesickert und könnte sich als entscheidend erweisen.

Mit 90 km/h unterwegs?

Lechner werden bekanntlich fahrlässige Tötung im Straßenverkehr („omicidio stradale“, Art. 589bis StGB) und fahrlässige schwere bzw. schwerste Körperverletzung im Straßenverkehr (Art. 590bis StGB) vorgeworfen – mit 3 Erschwernisgründen: Alkohol am Steuer (1,97 Promille), Missachtung der Pflicht, in unmittelbarer Nähe von Zebrastreifen zu verlangsamen und überhöhte Geschwindigkeit.

Dieser Vorwurf könnte aber – sollte die Erkenntnis des Gutachters bewiesen werden – fallen: Den Berechnungen zufolge soll Lechner in der 50 km/h-Zone mit 90 km/h unterwegs gewesen sein – zwar viel schneller als erlaubt, aber erst ab dem Doppelten der erlaubten Geschwindigkeit kann diese erschwerend vorgehalten werden.

Ein weiterer Aspekt, der untersucht wurde, sind die Sichtverhältnisse an der Unglücksstelle. Eine Überkopfleuchte erhellt den Zebrastreifen, dieser liegt in einer Art Lichtkegel. Was sich außerhalb bzw. hinter dem Kegel befindet, soll von der anderen Seite des Zebrasteifens – jener, aus der Lechner kam – nur schemenhaft sichtbar sein.

Abgesehen davon, dass immer die Pflicht besteht, vor Zebrastreifen die Geschwindigkeit zu drosseln, steht die Frage im Raum, wo genau die Fußgänger überquert haben.

War der Bus anders geparkt als angenommen?

Der Amtssachverständige soll davon ausgehen, dass der Shuttle-Bus, aus dem die Urlauber stiegen, nicht innerhalb der gelben Markierung der Haltestelle, sondern jenseits des Zebrastreifens angehalten haben könnte. Unabhängig davon, ob für nicht öffentliche Busse auch die Verpflichtung besteht, ausschließlich an einer Haltestelle zu stoppen oder nicht: Es könnte darauf hindeuten, dass die Fußgänger oder zumindest einige davon den direkten Weg zur Brücke in Richtung ihres Urlaubsquartiers genommen und demnach abseits des Zebrastreifen gegangen sein könnten.

Sollte sich eine mögliche Mitverantwortung Dritter herauskristallisieren, könnte sich dies erheblich auf die potenzielle Haftstrafe für Stefan Lechner auswirken: Externe Faktoren, die nicht dem Lenker anzulasten sind, gelten im Sinne von Art. 589bis, Absatz 7, als mildernd, was eine Strafmaßreduzierung von bis zur Hälfte ausmachen kann.

Angesichts dieser neuen Erkenntnisse könnte die Staatsanwaltschaft erwägen, einen eigenen Gutachter zu ernennen oder beim U-Richter eine ergänzende Expertise beantragen.

rc

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