Von <b>Miriam Roschatt</b><BR /><BR />Man mag es kaum glauben, aber eigentlich wollte Vera Baumgartner (26) mal Anwältin werden – so wie ihre Eltern, die in Bruneck eine erfolgreiche Kanzlei führen. Doch die Liebe zu Kleidung und Mode war stärker – eine Passion, die tief in ihr verankert ist. Schon ihre 2003 verstorbene Oma Anna Kofler war passionierte Strickerin. Heute führt ihre Enkelin diese textile Leidenschaft auf ganz neuem Niveau fort: Von München aus kleidet sie als „Personal Shopperin“ weltweit Superreiche ein.<BR /><BR /><b>Frau Baumgartner, Sie jagen für Schauspieler, Promi-Kicker und Top-Unternehmer aus aller Welt nach den exklusivsten Kleidungsstücken. Blicken Sie eigentlich oft in ungläubige Gesichter, wenn Sie von Ihrem Job erzählen?</b><BR />Vera Baumgartner: Ich bin jetzt schon seit einigen Jahren in die<?TrVer> ser „Parallelwelt“ unterwegs, und für mich ist es jetzt nicht mehr so krass. <I>(lacht)</I> Aber wenn ich von meinem Job erzähle, dann staunen die Leute schon oft mehr, als ich meinen würde.<BR /><BR /><b>Wie genau sieht Ihre Arbeit als „Personal Shopperin“ aus? <BR /></b>Als „Personal Shopperin“ suche ich für meine Kunden Kleidung aus. Ich mache das ausschließlich online. Die Beratung erfolgt bequem per WhatsApp, Telefon oder E-Mail. Auf Wunsch erstelle ich passende Warenkörbe, unterstütze bei Bestellungen und begleite den gesamten Einkaufsprozess. Darüber hinaus stehe ich bei Fragen zu Lieferungen, Rücksendungen oder Reklamationen zur Seite.<BR /><BR /><b>Sie sind also quasi die digitale „Evolution“ des klassischen „Personal Shoppers“: Statt physisch durch Boutiquen zu schlendern, durchforsten Sie das Netz nach Fashion-Schätzen für Ihre Kunden aus aller Welt?</b><BR />Genau. Ich arbeite für „MyTheresa“, eine der weltweit führenden Online-Plattformen für Luxusmode. Auf unserer Webseite habe ich direkten Zugriff auf Kollektionen von über 200 Top-Designern wie „Gucci“, „Prada“, „Dolce&Gabbana“, „Valentino“ und viele mehr.<BR /><BR /><b>Wer sind denn Ihre Kunden?</b><BR />Diskretion ist in meinem Job extrem wichtig. Natürlich kennt man einige Namen meiner Kundenliste, wenn ich sie nennen würde. Es sind deutsche Unternehmer, Fußballer, Schauspieler, aber nicht nur. Ich habe auch Privatpersonen ohne öffentliche Präsenz. Was ich sagen kann, ist, dass meine Kunden vorwiegend in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Italien leben. Ich habe aber auch ziemlich viele Kunden aus dem Nahen Osten und einzelne aus Schweden, Norwegen und Frankreich.<BR /><BR /><b>Wie viel geben Ihre Kunden im Schnitt für einen Einkauf aus?</b><BR />Manche Kunden geben zwei- bis dreitausend Euro für ein entspanntes Alltags-Outfit aus, also für eine gute Jeans und ein Paar Sneakers. Ich habe aber genauso Kunden, bei denen ein einziges Outfit weit über 50.000 Euro kostet.<BR /><BR /><b>Was war der verrückteste Wunsch, den ein Kunde je an Sie herangetragen hat?</b><BR />Verrückte Dinge passieren in meinem Job extrem viele. <I>(lacht)</I> Ein Beispiel: Ich habe eine Stammkundin, die in drei verschiedenen Städten lebt und dort jeweils ein Haus besitzt. Da sie am liebsten mit leichtem Gepäck reist, muss ich ihr jedes Kleidungsstück dreimal bestellen. So findet sie in allen drei ih<?TrVer> rer Häuser exakt denselben, perfekt gefüllten Kleiderschrank vor.<BR /><BR /><b>Was ist die Herausforderung bei der Betreuung Ihrer Kunden? <BR /></b>Natürlich muss ich den individuellen Geschmack des jeweiligen Kunden verstehen, aber grundsätzlich sind die Wünsche wohlhabender Kunden dieselben wie die von „normalen“ Leuten: Jeder möchte sich in sei<?TrVer> nem Outfit wohlfühlen sowie Selbstbewusstsein ausstrahlen. Der eigentliche Unterschied liegt im Service und den damit verbundenen Erwartungen. <BR /><BR /><b>Wie sehen diese Erwartungen in der Praxis konkret aus?</b><BR />Bei meinen Kunden muss alles extrem schnell gehen – sie erwarten unmittelbare Reaktionen. Wenn ein Kunde auf der Stelle ein spezielles Kleidungsstück haben möchte, dann setze ich alles daran, das zu organisieren. Zusätzlich wird erwartet, dass ich die kommenden Kollektionen von Häusern wie „Gucci“, „Prada“ & Co. kenne und für meine Kunden „vorreserviere“, noch bevor sie auf unserer Webseite online gehen. <BR /><BR /><b>Sie bieten also einen „Rund-um-die-Uhr-Service“ an?</b><BR />Ja, ich bin praktisch immer und überall erreichbar – auch an den Wochenenden. Natürlich haben wir Bürozeiten, aber ich kann und möchte meine Kunden in dringenden Momenten nicht unbetreut lassen.<BR /><BR /><b>Ihre Kundschaft bewegt sich in einer sehr exklusiven Welt – einer, mit der die meisten Menschen kaum Berührungspunkte haben. Wie schaffen Sie es, diesen Kunden auf Augenhöhe zu begegnen, ohne sich von ihnen einschüchtern zu lassen?</b><BR />Ich unterhalte mich mit allen Menschen auf dieselbe Art – ganz egal, wer mir gegenübersteht. Das Wichtigste dabei ist: so authentisch wie möglich zu sein. Dass mir das so leichtfällt, ist eine Mischung aus meiner Erziehung – meine Eltern haben immer großen Wert darauf gelegt, dass wir uns benehmen – und dem festen Vorsatz, mir selbst treu zu bleiben. Denn am Ende des Tages sind das auch einfach ganz normale Menschen. Das kann ich garantieren. <BR /><BR /><b>Treffen Sie Ihre Kunden eigentlich auch mal persönlich oder läuft alles online ab?</b><BR />Natürlich spielt sich die Hauptarbeit online ab, aber der persönliche Kontakt zu meinen Kunden ist mindestens genauso wichtig. Deshalb besuche ich mit ihnen regelmäßig Fashion-Shows in Mailand und Paris oder wir treffen uns auf exklusiven Events. Ein ganz besonderes Erlebnis war ein Event in Riad, noch vor dem Irankrieg. Ich durfte im privaten Zuhause einer Gastgeberin ein Event für 40 arabische Frauen veranstalten und ihr Haus für diesen Tag im Grunde in einen kleinen „MyTheresa“-Store verwandeln. Es war interessant zu sehen, wie die Frauen ihre Hidschabs ablegten und es genossen, in die wunderschönsten, glamourösesten Kleider zu schlüpfen. Dass man mir einen so privaten Einblick in diese Kultur gewährt hat, ist ein großes Privileg.<BR /><BR /><b>Südtirolern eilt oft ein Sympathiebonus voraus. Spüren Sie diesen Vorteil auch im Umgang mit Ihrer exklusiven Klientel?</b><BR />Oh ja, definitiv! Wenn ich mit meinen deutschen Kunden spreche, ist mein Südtiroler Akzent der absolute „Icebreaker“. <I>(lacht)</I><BR /><BR /><b>Was würden Sie Menschen antworten, die sagen, dass diese Luxus-Modewelt oberflächlich ist?</b><BR />Klar ist Mode in gewissen Punkten oberflächlich und sicher nicht das Wichtigste auf der Welt. Aber solange man sich durch Mode ausdrücken kann, ist sie für mich eine Kunstform – und sie hat oft sogar eine gesellschaftliche oder politische Dimension. Was wir tragen, setzt Signale, bricht mit Konventionen oder nimmt Stellung – und muss gar nicht immer viel kosten. Ich finde das total spannend, denn diese Kraft kann man definitiv für sich und die eigene Persönlichkeit nutzen und damit etwas vermitteln.<BR /><BR /><b>Über Stil lässt sich bekanntlich streiten. Wie definieren Sie ihn für sich?</b><BR />Für mich hat Stil nichts mit Marken oder dem Budget zu tun, sondern mit Authentizität. Wenn jemand Kleidung mit Selbstbewusstsein trägt und sich darin wohlfühlt, strahlt man Natürlichkeit aus – und das zählt.