Vorab haben wir sie zum Interview getroffen.<BR /><BR /><b>„Toxisch oder explosiv? Einblicke in die Beziehungskiste Genderforschung und katholische Ethik“, lautet der Titel ihres Vortrags. Was kann man sich denn darunter vorstellen?</b><BR />Angelika Walser: Ich werde die Genderforschung und die katholische Ethik zu einem Paartherapeuten „mitnehmen“ und sie dort sozusagen einen fiktiven Dialog miteinander führen lassen. <BR /><BR /><b>Und diese Beziehung ist ganz schön explosiv...</b><BR />Walser: Das stimmt. Aber sie ist auch uralt und dieses Paar hat gute Zukunftschancen, wenn einige Schritte berücksichtigt werden.<BR /><BR /><embed id="dtext86-66511957_quote" /><BR /><BR /><b>Inwiefern?</b><BR />Walser: Es gibt nicht mehr nur die traditionelle Familie mit Vater, Mutter, Kind, sondern Patchworkfamilien, Regenbogenfamilien usw. Die Kirche muss sich öffnen und hierbei geht es in erster Linie um einen wissenschaftlichen Dialog. Die katholische Ethik sollte in Kontakt mit den Humanwissenschaften treten.<BR /><BR /><b>Was sagen die Humanwissenschaften?</b><BR />Walser: Es gibt keine strikte Binarität. Menschen können sich ein bisschen weiblich und ein bisschen männlich erleben oder auch weder weiblich noch männlich. Die Mehrheit der Menschen definiert sich als Mann und als Frau. Das wird sich auch nicht ändern. Aber es wird immer Menschen geben, die sich nicht eindeutig einem Geschlecht zuordnen können – eine Minderheit, die anders tickt. Die Dinge sind nicht so eindeutig. Frauen z.B. verändern sich auch, weil sie hormonellen Schwankungen unterlegen sind – von der Pubertät bis zu den Wechseljahren. <BR /><BR /><embed id="dtext86-66511959_quote" /><BR /><BR /><b>Diese Aussagen sind aber heiße Eisen in der katholischen Kirche und sehr kontrovers...</b><BR />Walser: Fragen, welchem Geschlecht man angehört, machen den Leuten Angst. Ich lehre an der Universität Salzburg und bekomme dort immer wieder Anfragen von jungen Menschen, die transsexuell sind. Sie identifizieren sich nicht mit dem ihnen bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht. Nachdem sie das bewusst öffentlich gemacht hatten, kamen sie mit den Reaktionen aus ihrem Umfeld nicht zurecht. Man eckt an, es gibt viel Unverständnis. Der Leidensdruck ist enorm, die Suizidalität hoch. <BR /><BR /><embed id="dtext86-66513510_quote" /><BR /><BR /><b>Welchen Beitrag könnte die katholische Kirche leisten?</b><BR />Walser: Die katholische Kirche sollte sensibel auf die Leiden von Menschen reagieren und sie begleiten. Menschen, die bereits fragil sind, sollten nicht verurteilt werden. Es braucht die wissenschaftliche Auseinandersetzung um auch einen innerkirchlichen Dialog zu erreichen.<BR /><BR /><b>Wie wird die Gleichstellung von Frau und Mann in der Kirche gelebt?</b><BR />Walser: Frauen wurde stets der untergeordnete Part auferlegt. In diesem Bereich muss sich deshalb noch viel ändern, auch wenn ich schon Fortschritte beobachtet habe. Das hängt vor allem mit Papst Franziskus zusammen. So hat er viele hohe Ämter im Vatikan mit Frauen besetzt. Ich hoffe, dass der Papst auch die Möglichkeit öffnet, dass sich Frauen zu Diakoninnen weihen lassen dürfen. Es geht hier vor allem um machtpolitische Fragen – wer im Vatikan mehr Einfluss hat. Schauen wir mal. In Österreich haben sich große Teile der Kirche ganz klar für die Gleichstellung der Frauen ausgesprochen und die Einführung von Diakoninnen. <BR /><BR /><embed id="dtext86-66513511_quote" /><BR /><BR /><b>Sind queere Menschen, wie Homosexuelle, in der katholischen Kirche nicht willkommen?</b><BR />Walser: Papst Franziskus erlaubt die Segnung von homosexuellen Einzelpersonen. Homosexuelle Veranlagung ist nicht frei gewählt und daher gilt auch laut den amtskirchlichen katholischen Texten seit langem ein offizielles Diskriminierungsverbot gegenüber homosexuellen Personen. Das Ausleben dieser Neigung in sexuellen Handlungen gilt aber sehr wohl als „in sich nicht in Ordnung“ und daher als Sünde. Stellen in der Bibel, die das Gegenteil belegen, müssen neu bewertet werden: Sie verbieten nämlich nicht Homosexualität, wenn es sich um eine Beziehung handelt, in der die Partner Gleichberechtigung, Treue und Liebe ausleben.<h3> Brixner Philosophietage</h3><b>Geschlechtergerechtigkeit im Fokus Brixen</b><BR /><BR />Über Rollenbilder, Machtgefälle und Gestaltungsoptionen wird heute und morgen bei den Brixner Philosophietagen diskutiert. Was heißt es heutzutage, eine Frau, ein Mann oder divers zu sein? Veranstaltet wird die Tagung von der Philosophisch-Theologischen Hochschule Brixen.