Mittwoch, 10. Juni 2020

Mafia will in Südtirol Fuß fassen

Wer geglaubt hat, Südtirol sei auf der Landkarte der Mafia ein weißer Fleck, der wurde spätestens am gestrigen Dienstag eines Besseren belehrt. Da wurden in Bozen im Zuge einer staatsweiten Polizeiaktion 9 Personen festgenommen, denen unter anderem kriminelle Bandenbildung zwecks Drogenhandels und mafiöser Machenschaften vorgeworfen wird.

In Bozen wurden im Zuge einer staatsweiten Polizeiaktion 9 Personen festgenommen.
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In Bozen wurden im Zuge einer staatsweiten Polizeiaktion 9 Personen festgenommen. - Foto: © shutterstock
Als die Sonne am gestrigen Dienstag aufging, geschah in Kalabrien und Südtirol dasselbe: Die Trienter Antimafia-Staatsanwaltschaft ordnete die Verhaftung von insgesamt 20 mutmaßlichen Mitgliedern der kalabrischen kriminellen Organisation 'Ndrangheta an – 9 davon sollen einem Bozner Clan mit Sitz in der Reschenstraße angehören.

„Kannst du jemanden finden, einen Ausländer oder irgendjemanden, der uns 2 Pistolen aus einer Wohnung besorgt? Ein paar Kaliber 7,65... ich schwöre, ich habe keine mehr... eine haben sie mir schon genommen.“

Diese Worte wurden in der Reschenstraße in Bozen aufgenommen – und sie sind mit ein Grund, weshalb am Dienstag bei Sonnenaufgang in Südtirol und in Kalabrien dasselbe geschah: Finanzwache, Carabinieri und Staatspolizei von Trient haben im Zuge der staatsweiten Antimafia-Operation „Freeland“ 9 Personen in Südtirols Landeshauptstadt verhaftet. Im selben Moment kam es zu 8 weiteren Verhaftungen in Kalabrien, 2 in Venetien und einer im Trentino.

Den Verhafteten wird eine breite Palette an Straftaten vorgeworfen, unter anderem kriminelle Bandenbildung zwecks Drogenhandels und mafiöser Machenschaften, Beihilfe an einer Mafia-ähnlichen Vereinigung, Freiheitsberaubung, Erpressung und Handel mit Heroin und Kokain.

De facto sollen die mutmaßlichen Kriminellen jeden Monat 5 Kilogramm Kokain nach Südtirol geschmuggelt haben – angeblich hatte der Clan Kontakte zum kolumbianischen Kartell, bei dem sie sich mit Rauschgift versorgt hätten. Die Drogen seien aus Kalabrien nach Bozen transportiert worden. Im Bozner „Coffee Break“ sollen sich die Kriminellen getroffen haben und Gespräche wie das von der Finanzwache aufgenommene geführt haben. Von dort aus habe eine 'Ndrina gearbeitet – ein Clan, der als Teil der kalabrischen kriminellen Organisation 'Ndrangheta relativ kleine Gebiete „verwaltet“.

Ganz oben in der Hierarchie des Clans in Bozen sollen den Ermittlungen zufolge Francesco Perre, der in den 90er Jahren für den Gründer eines „Ablegers“ in Südtirol gehalten wurde, und Mario Sergi, der weiterhin in Bozen wohnhaft ist, stehen.

Perre lebt heute nämlich nicht mehr hier, sondern in Platì – wo der Clan Papalia aus der Taufe gehoben wurde. Gemeinsam mit weiteren Clans aus den kalabrischen Ortschaften Natile und Delianuova hätten die Papalia eine als eigenständig angesehene 'Ndrina in Bozen hinterlassen.

Die Ermittler gehen davon aus, dass Perre seine führende Rolle an Mario Sergi abgetreten habe; darüber hinaus sei die Lebensgefährtin des 60-jährigen Sergi die Betreiberin des „Coffee Break“ in der Bozner Reschenstraße, das von den Fahndern beschlagnahmt wurde.

2 Bozner (32 und 45 Jahre alt) gehören zu den 20 Personen, die seit Dienstag Früh in Untersuchungshaft sitzen – sie stehen unter dem Verdacht, mit Drogen gehandelt zu haben, sie hätten aber keine relevante Rolle bekleidet, erklärten die Ermittler am Dienstag bei der Pressekonferenz in Trient.

d

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