Am Krankenhaus Brixen werden bereits heute im landesweiten Vergleich die meisten Patienten mit Essstörungen stationär behandelt – Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Auch künftig soll der Standort eine zentrale Rolle spielen: Geplant ist ein eigenes Therapiezentrum für betroffene Erwachsene. <BR /><BR />Dr. Roger Pycha spricht über die Notwendigkeit und konkrete Pläne. Pycha ist Primar des Psychiatrischen Dienstes Brixen sowie seit 2025 Leiter des landesweiten Netzwerks für Essstörungen EATNET.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1297392_image" /></div> <BR /><BR /><b>Wie stellt sich die Situation in puncto Essstörungen im Gesundheitsbezirk Brixen dar?</b><BR /><b>Dr. Roger Pycha</b>: Nach Bezirken getrennt liegt Brixen mit Abstand an erster Stelle: Im Jahr 2023 hatte Brixen 70 stationäre Aufenthalte mit 3.067 Krankenhaustagen. Zum Vergleich: In Bozen gab es 2023 20 stationäre Aufnahmen. In Brixen haben zudem die Koordinationszentrale des Netzwerks für Essstörungen EATNET und das Exzellenzzentrum für Minderjährige ihren Sitz.<BR /><BR /><b>Wie häufig sind heute Essstörungen? </b><BR />Dr. Pycha: Zwischen 2019 und 2022 gab es eine Zunahme von rund 35 Prozent. Das waren die Jahre der Corona-Pandemie. 2023 ging die Zahl der Patienten leicht um etwa 7 Prozent zurück, 2024 kam es wieder zu einem Anstieg von 14 Prozent, darunter fünf Prozent mehr Neuerkrankungen. 2024 wurden in Südtirol 652 Patienten betreut, davon 200 Neuerkrankungen. Das ist viel. <BR /><BR /><b>Warum nimmt Brixen eine zentrale Rolle ein?</b><BR />Dr. Pycha: Wie gesagt – die hohe Zahl in Brixen hängt auch damit zusammen, dass dort zentrale Strukturen angesiedelt sind. Neben der EATNET-Koordinationsstelle befindet sich am Krankenhaus Brixen das Exzellenzzentrum für Minderjährige mit Essstörungen in der Pädiatrie. Zusätzlich gibt es mit Bad Bachgart in Rodeneck ein spezialisiertes Therapiezentrum in unmittelbarer Nähe. Noch etwas zu den stationären Aufnahmen: Diese Zahlen sind nur die Spitze des Eisbergs. Die stationären Fälle betreffen meist schwer Erkrankte, die ohne Behandlung lebensgefährdet wären. Insgesamt ist die Zahl der Betroffenen deutlich höher, wie die südtirolweit 652 ambulant betreuten Personen zeigen.<BR /><BR /><b>Warum der Anstieg? </b><BR />Dr. Pycha: Die Ursachen sind vielfältig. Eine Rolle könnten soziale Medien und die dort vermittelten Schönheitsideale spielen. Sehr schlanke Körper werden oft als Ideal dargestellt, und selbst Zehnjährige – also Kinder – orientieren sich daran. Bei Buben und jungen Männern beobachten wir einen starken Druck in Richtung eines muskulösen Körpers, verbunden mit exzessivem Fitnesstraining.<BR /><BR /><b>Welche Essstörung ist besonders gefährlich?</b><BR />Dr. Pycha: Die Magersucht (Anorexie) ist die gefährlichste Form. Betroffene haben eine panische Angst vor Gewichtszunahme und nehmen sich selbst trotz Untergewicht als „zu dick“ wahr. Paradoxerweise kann Hungern auch ein Gefühl von Euphorie auslösen. Rund 15 Prozent der schwer anorexischen Patienten sterben. Erst vor etwa einem Monat ist am Krankenhaus Bozen eine Patientin verstorben.<BR /><BR /><b>Woran erkennt man Essstörungen frühzeitig?</b><BR />Dr. Pycha: Typische Warnsignale sind extreme Diäten, das Vermeiden gemeinsamer Mahlzeiten und ein deutlich sinkendes Körpergewicht – sprich einen Body-Mass-Index BMI unter 17,5. Weitere Anzeichen sind Leistungsdruck, das Ausbleiben der Regelblutung sowie Schwäche- und Schwindelzustände. <BR /><BR /><b>Wie ist die ambulante Versorgung derzeit organisiert?</b><BR />Dr. Pycha: In Bozen, Meran, Brixen und Bruneck gibt es vier sehr gut arbeitende ambulante Teams, die versuchen, frühzeitig einzugreifen. Der Großteil der Patienten wird ambulant betreut. Bei schweren Fällen ist jedoch eine stationäre Aufnahme notwendig. Gesetzlich ist in Italien seit 2018 festgelegt, dass Personen mit einem BMI unter 12 zwingend im Krankenhaus behandelt werden müssen. Passiert ist das auch deshalb, weil es italienweit eine Reihe von Todesfällen gab.<BR /><BR /><b>Wie viele Patienten werden aktuell am Krankenhaus Brixen mit einer Essstörung stationär behandelt?</b><BR />Dr. Pycha: Derzeit werden auf der Pädiatrie-Abteilung unter der Leitung von Primar Dr. Michael Zöbl sechs Patienten mit Essstörungen stationär behandelt – sie ist somit bereits überbelegt. Die Abteilung verfügt eigentlich über vier für Patienten mit Essstörungen reservierte Betten. In der Psychiatrie werden derzeit zwei Erwachsene stationär behandelt. <BR /><BR /><b>In Brixen soll das Therapieangebot ausgebaut werden. Wie konkret ist das? </b><BR />Dr. Pycha: Seit 2018 plant der Sanitätsbetrieb ein eigenes Therapiezentrum für Erwachsene mit Essstörungen am Krankenhaus Brixen. Die politische Zusage von Seiten des Gesundheitslandesrates liegt vor – es ist also eine Frage der Zeit. Der aktuelle Stand ist, dass die Umsetzung noch etwa acht Jahre dauern wird. Vorgesehen sind derzeit zehn Betten. Aktuell werden erwachsene Patienten landesweit auf den Abteilungen für Subintensiv, Innere Medizin und Psychiatrie verteilt behandelt. Mit dem neuen geplanten Zentrum soll diese Versorgung gebündelt und auf ein spezialisiertes Zentrum gehoben werden – für ganz Südtirol.<BR /><BR /><b>Wo wird das Zentrum genau entstehen? </b><BR />Dr. Pycha: Dieses Exzellenzzentrum für Erwachsene soll an der Psychiatrie Brixen angesiedelt sein. Zusammen mit dem bestehenden Zentrum für Minderjährige an der Pädiatrie würde Brixen damit zu einem landesweiten Schwerpunkt werden. <BR /><BR /><b>Hat der Sanitätsbetrieb dafür ausreichend Personal?</b><BR /> Dr. Pycha: Stand heute werden wir 15 Mitarbeiter zusätzlich brauchen. Bis zur Realisierung des Zentrums wird das Problem meiner Ansicht nach so akut sein, dass sich das Personal finden müssen wird.