Der maledivische Taucher und Pionier des professionellen Tauchens Shafraz Naeem erhebt nach dem tödlichen Höhlenunglück auf den Malediven schwere Vorwürfe gegen die Organisation des Tauchgangs. <BR /><BR />Der Experte für Meereshöhlen in den Atollen des Inselstaates, der nach eigenen Angaben seit 30 Jahren taucht und die betroffene Höhle „unzählige Male“ erkundet hat, bezeichnet die Tragödie als ein „Unglück mit Ansage“.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1314822_image" /></div> <BR /><BR />Am Donnerstag war Alarm ausgelöst worden, nachdem fünf italienische Taucher – darunter eine Mutter und ihre Tochter – nach einem Tauchgang in etwa 50 Metern Tiefe nicht mehr auftauchten. Die Gruppe hatte versucht, die sogenannte Thinwana-Kandu-Höhle, auch als „Haifischhöhle“ bekannt, zu erkunden. <BR /><BR />Am Freitag wurde die Leiche des lokalen Tauchlehrers Gianluca Benedetti in einem Verbindungsgang nahe dem Höhleneingang in rund 60 Metern Tiefe entdeckt. Die übrigen vier Taucher wurden erst am Montag von einem Team finnischer Taucher gefunden. Sie lagen am Ende eines Tunnels in der dritten Kammer der Höhle – einem vollständig dunklen Bereich tief im Inneren des Höhlensystems. Es handelt sich um eines der schwersten Tauchunglücke in der Geschichte der Malediven.<BR /><BR />„Ich habe diese Höhlen unzählige Male besucht. Dort gibt es keine Strömung. Sie sind bis zur dritten Kammer geschwommen. Sie haben sich bewusst entschieden, dort hineinzugehen“, sagte Naeem der britischen Zeitung Daily Mail. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1314825_image" /></div> <BR /><BR />Der ehemalige Militärtaucher der maledivischen Nationalgarde vermutet, dass Benedetti sich in Panik von der Gruppe getrennt habe. „Vielleicht ist er geflohen, bevor ihm die Luft ausging. Der Rest der Gruppe starb in der dritten Kammer, und Benedetti starb im Korridor, während er versuchte, den Ausgang zu finden“, erklärte er.<BR /><BR />Die Höhle besteht aus drei voneinander getrennten Kammern, die durch enge Passagen verbunden sind. In dem System leben unter anderem Haie, Rochen und Hummer. Trotz seiner jahrzehntelangen Erfahrung habe er die dritte Kammer aus Sicherheitsgründen selbst nie betreten, betonte Naeem.<BR /><BR />Bereits der Einstieg in die Höhle gilt als extrem riskant. Der Zugang befindet sich in rund 50 Metern Tiefe – deutlich unterhalb der gesetzlich zulässigen Grenze von 30 Metern für Sporttaucher auf den Malediven. Selbst für technisches Tauchen gelten solche Bedingungen als anspruchsvoll. „Die Höhle ist unerbittlich“, sagte Naeem. „Sie ist geschlossen, stockfinster, und man sieht nur dort etwas, wo die Lampe hinleuchtet. Wenn etwas schiefgeht, kann man nicht wie im Freiwasser einfach an die Oberfläche aufsteigen. Man ist eingeschlossen, und in Tiefen von über 55 Metern wird das extrem gefährlich.“<h3> Suche forderte weiteres Todesopfer unter den Rettungstauchern</h3>Die schwierigen Bedingungen erschwerten auch die Rettungs- und Bergungsarbeiten erheblich. Tauchgänge in solchen Tiefen seien wegen Sauerstoffmanagement, Dekompressionszeiten sowie widriger Wetter- und Meeresbedingungen ausschließlich erfahrenen Profis vorbehalten. Die Suche forderte ein weiteres Todesopfer: Der maledivische Militärtaucher Mohamed Mahudhee wurde am Samstag nach einem Bergungseinsatz mit Dekompressionskrankheit ins Krankenhaus eingeliefert und starb wenig später. Mahudhee war ein enger Freund von Naeem.<BR /><BR />Der 50-Jährige kritisierte in diesem Zusammenhang auch die Behörden. Seiner Ansicht nach sei Mahudhee nicht ausreichend für einen solchen Einsatz ausgebildet oder ausgerüstet gewesen. „Vielleicht wollte ein Politiker ein Abzeichen“, sagte Naeem mit Blick auf die Entscheidung, seinen Freund in die Höhle zu schicken.<BR /><BR />Neben Benedetti kamen die Ökologin Monica Montefalcone, außerordentliche Professorin an der Universität Genua, ihre Tochter Giorgia Sommacal, der Meeresbiologe Federico Gualtieri sowie die Forscherin Muriel Oddenino ums Leben.<BR /><h3> Taucher hatten keine Führungsleinen</h3><BR />Nach Einschätzung Naeems verfügten einige Mitglieder der Gruppe offenbar nicht über die notwendigen Qualifikationen für einen derart tiefen Höhlentauchgang. Zudem seien grundlegende Sicherheitsstandards missachtet worden. Besonders kritisch bewertet er das Fehlen sogenannter Führungsleinen, auch Ariadnefäden genannt. Diese gelten im Höhlentauchen als unverzichtbar, um den Rückweg zu sichern und die Orientierung in völliger Dunkelheit zu gewährleisten. „Bei der Bergung wurden keine Seile an den Höhlenwänden gefunden“, erklärte Naeem. Für ihn sei dies ein weiterer Hinweis auf mangelnde Vorbereitung.<BR /><BR />Obwohl er selbst häufig in den Höhlen unterwegs gewesen sei und in seiner Laufbahn bereits an Leichenbergungen teilgenommen habe, habe er den Weg in die dritte Kammer niemals riskiert. Die Tragödie der vergangenen Woche sei aus seiner Sicht die Folge fehlender Erfahrung und unzureichender Planung gewesen. „Auf der Insel sagt man, sie müssen es geplant haben, sonst hätten sie es nicht getan“, sagte er.<BR /><BR />Für einen Tauchgang in mehr als 50 Metern Tiefe sei normalerweise spezielle technische Ausrüstung erforderlich. Laut Naeem wurde die Gruppe jedoch lediglich mit gewöhnlicher Sporttauchausrüstung gefunden, die für Tiefen bis maximal 30 Meter ausgelegt ist. „Die Leiche des Guides hatte nur eine einzige Luftflasche bei sich. Wo waren die Reserveflaschen oder Backup-Systeme?“, fragte er.<BR /><h3> Gefahr Stickstoffnarkose</h3>Besonders gefährlich sei in diesen Tiefen die sogenannte Stickstoffnarkose, auch Tiefenrausch genannt. Sie kann das Urteilsvermögen massiv beeinträchtigen oder Panik auslösen und tritt häufig ab etwa 55 Metern Tiefe auf. Menschen ohne entsprechende Ausbildung oder ungeeignete Ausrüstung seien dafür besonders anfällig. Naeem vermutet, dass die Gruppe in der Dunkelheit die Orientierung verlor, vom Tiefenrausch betroffen war oder schlicht keinen Sauerstoff mehr hatte – möglicherweise eine Kombination aller Faktoren.<BR /><BR />Schwere Vorwürfe erhebt Naeem auch gegen den lokalen Betreiber Albatros Top Boats. Das Unternehmen sei auf den Malediven dafür bekannt, regelmäßig tiefe Tauchgänge unter Missachtung der Vorschriften anzubieten. „Dieser Betreiber ist bekannt. Sie machen all diese tiefen Tauchgänge, brechen die Regeln – jeder weiß es, aber niemand unternimmt etwas“, sagte er. Die Verantwortlichen der Boote seien dafür bekannt, regelmäßig unter die erlaubte Grenze von 30 Metern zu gehen und Tiefen von 40 bis 50 Metern anzusteuern.<BR /><BR />Hinzu komme, dass die Malediven eigentlich kein klassisches Ziel für technisches Tauchen seien. Entsprechende Spezialausrüstung sei dort daher nur eingeschränkt verfügbar. Die aktuellen Tauchvorschriften stammen noch aus dem Jahr 1991. Die Regierung arbeitet derzeit an einer Reform, die die erlaubte Tiefe für Sporttaucher von 30 auf 40 Meter anheben soll.<BR /><h3> „Viele tauchen tiefer als erlaubt“</h3>Nach Ansicht Naeems passen viele Tauchzentren ihre Angebote zunehmend den Erwartungen von Touristen an. „Die Einladung lautet oft: „Lasst uns Haie anschauen gehen„“, sagte er. Viele Anbieter würden regelmäßig tiefer tauchen als gesetzlich erlaubt. „Doch das hier war eine lebensgefährliche Situation.“<BR /><BR />Der italienische Reiseveranstalter, der die Expedition organisiert hatte, weist die Vorwürfe jedoch zurück. Die Anwältin Orietta Stella, die Albatros Top Boat vertritt, erklärte, man habe weder von einem geplanten Tauchgang unterhalb von 30 Metern gewusst noch einen solchen genehmigt. Für größere Tiefen sei eine Sondergenehmigung der maledivischen Behörden erforderlich. „Der Reiseveranstalter hätte dies niemals erlaubt“, sagte Stella.<BR /><BR />Demnach habe der Tauchgang die ursprünglichen Ziele der wissenschaftlichen Kreuzfahrt deutlich überschritten. Geplant gewesen sei lediglich die Entnahme von Korallenproben in Standardtiefen. Zwar seien die Opfer erfahrene Taucher gewesen, erklärte Stella weiter, die verwendete Ausrüstung habe jedoch lediglich dem Standard für Sporttaucher entsprochen und sei nicht für technische Erkundungen in tiefen Höhlensystemen ausgelegt gewesen.