Wohnungsnot, extrem hohe Mieten und steigende Nebenkosten: In Bozen geraten immer mehr Mieter unter Druck – viele verlassen die Stadt. Der Präsident des Mieterschutzes erklärt, mit welchen Problemen die Menschen am häufigsten zum Verein kommen, welche Initiative der Mieterschutz ergriffen hat und was Wohnungseigentümer nicht verstehen (wollen).<BR /><BR /><b>Wie viele Wohnungen gibt es in Bozen auf dem freien Mietmarkt?</b><BR />Adolfo Detassis: Rund 80 Prozent der Boznerinnen und Bozner leben<BR /> in Eigentumswohnungen, ca. 20 Prozent (ca. 11.000; Anm.d.Red.) sind Mietwohnungen. Dem Wohnbauinstitut Bozen gehören 6.485 Wohnungen, also deutlich mehr als die Hälfte.<BR /><BR /><b>Wie viele Wohnungen von Privaten in Bozen stehen leer?</b><BR />Detassis: Die Schätzungen variieren. Aktuelle Zahlen gehen von rund potenziell verfügbaren 300 Wohnungen aus. Um diese auf den Mietmarkt zu bringen, setzen wir uns vom Mieterschutz gemeinsam mit anderen Verbänden für eine Vermittlungsagentur ein. Diese soll die Eigentümer der 300 Wohnungen und Mieter zusammenbringen. Ein Garantiefonds soll Mietausfälle und Schäden abdecken und klare Fristen für die Rückgabe der Wohnung nach Ende des Mietvertrags regeln. Wir haben bereits Gespräche mit dem Land aufgenommen, das sich grundsätzlich bereit zeigt und wir stehen auch mit der Gemeinde in Kontakt. Seit einigen Wochen organisieren wir eine Unterschriftensammlung, damit wir dem Gemeinderat den Vorschlag zur Gründung einer solchen Agentur für Mietwohnungen vorlegen können. Das wird das Wohnungsproblem in Bozen klarerweise nicht lösen, aber es könnte ein erster Schritt in die richtige Richtung sein. Leerstehende Wohnungen gibt es in Bozen aber natürlich deutlich mehr. Manche Eigentümer wollen nicht vermieten, andere halten die Wohnung für die Kinder frei.<BR /><BR /><b>Mit welchen Problemen wenden sich Mieter am häufigsten an den Mieterschutz?</b><BR />Detassis: Immer häufiger geht es um Streitigkeiten über die Nebenkosten. Die Mieter beanstanden vor allem, wie diese Kosten aufgeteilt und berechnet werden. Denn in den vergangenen Jahren sind die Mietnebenkosten stark gestiegen. Wir stellen häufig fest, dass Vermieter – auch in bester Absicht – Fehler bei der Kostenaufteilung machen. Außerdem kommen sehr viele Menschen zu uns, die einen Antrag auf eine Wohnung des Wohnbauinstituts stellen möchten. Angesichts des derzeitigen Mietmarktes ist das für viele die einzige Hoffnung, eine Wohnung zu finden. Dann gibt es die üblichen Probleme mit Zwangsräumungen, die meisten davon wegen Mietrückständen. Diese Fälle stellen uns vor die größten Herausforderungen, aber wir versuchen, die Betroffenen bestmöglich zu begleiten. Und dann gibt es noch Zwangsräumungen wegen des Endes des Mietverhältnisses. In Bozen sind diese nicht besonders zahlreich: Rund 80 Prozent der Zwangsräumungen sind auf Mietrückstände zurückzuführen. <BR /><BR /><b>Wie hat sich der Bozner Mietmarkt in den vergangenen Jahren verändert?</b><BR />Detassis: Bozen bietet als Stadt mit besonderem Wohnungsbedarf Vermietern steuerliche Vorteile, wenn sie Mietverträge mit vereinbartem Mietzins abschließen. Dabei entspricht die zulässige Maximalhöhe der Mieten mittlerweile weitgehend den Marktpreisen. Für die Eigentümer passt das so, sie wollen keine Vereinbarungen zu niedrigen Konditionen. Aber hohe Mieten gefährden letztlich das Mietverhältnis. Wer keine Unterkunft findet, unterschreibt zunächst alles, um eine Wohnung zu bekommen. Im Laufe der Zeit stellt sich dann oft heraus, dass die Miete nicht tragbar ist. Was wir den Wohnungseigentümern nicht vermitteln können, ist: Man kann zwar eine hohe Miete verlangen, aber man muss sie auch jeden Monat kassieren können.<BR /><BR /><b>Die Mittelschicht leidet?</b><BR />Detassis: Für mich gehört zur Mittelschicht, wer arbeitet und etwa 2.000 Euro netto im Monat verdient. Schon für diese Menschen wird es zunehmend schwierig. Bei einem Einkommen von 2.000 Euro im Monat ist eine Miete von 1.000, 1.100 oder 1.200 Euro einfach nicht mehr leistbar. Alle Berechnungen gehen davon aus, dass eine tragbare Miete nicht mehr als 30 Prozent des Haushaltseinkommens ausmachen sollte. Vor etwa 20 Jahren lagen die Mieten in Bozen ungefähr in diesem Bereich. Sie machten etwa 30 bis 35, höchstens 40 Prozent des verfügbaren Einkommens aus und waren damit leistbar. Heute liegen sie darüber – unter anderem, weil die Mieten weiter gestiegen sind, aber die Gehälter nicht im gleichen Maß. Dadurch ist das Verhältnis zwischen Einkommen und Mieten völlig aus dem Gleichgewicht geraten.