Freitag, 21. Juni 2019

Massenhafte Vergewaltigung: Prozess im Fall Lüdge startet

Es geht um barbarische, grausame und menschenverachtende Taten: Der Prozess vor dem Detmolder Landgericht nach jahrelangem sexuellen Missbrauch von Kindern auf einem Campingplatz in Lügde (Nordrhein-Westfalen) wird brutale Gewalt gegen Mädchen und Buben zutagefördern. 3 Männer – allesamt seit Monaten in Untersuchungshaft – werden am 27. Juni auf der Anklage Platz nehmen.

3 Männer sollen in Deutschland für massenhaften Missbrauch zur Rechenschaft gezogen werden.
3 Männer sollen in Deutschland für massenhaften Missbrauch zur Rechenschaft gezogen werden. - Foto: © shutterstock

Die jüngsten Opfer sollen erst 4 Jahre alt gewesen sein. Einem heute 56-jährigen Dauercamper werden 298 Straftaten vorgeworfen. 23 Mädchen sollen Opfer seiner Quälereien im Sommer 1998 und von Anfang 2008 bis Ende 2018 geworden sein. Bei 10 Kindern wirft ihm die Staatsanwaltschaft vor, mehrfach unter anderem „Beischlaf“ vorgenommen zu haben. Das sei dem Grunde nach Vergewaltigung, sagt Rainer Becker, Vorsitzender der Deutschen Kinderhilfe.

Ein 34-Jähriger soll der Staatsanwaltschaft zufolge in 162 Fällen 8 Mädchen und 9 Buben missbraucht haben, manche schwer. Über einen Zeitraum von 20 Jahren – 1999 bis Anfang 2019. Auch er soll vergewaltigt haben. Dem Vorwurf zufolge filmten beide Männer manche Gewalttaten. Zu den Übergriffen soll es auf der Campingplatz-Parzelle des 56-Jährigen in Lügde (Nordrhein-Westfalen) gekommen sein, aber auch in der Wohnung des 34-Jährigen bei Höxter.

Der dritte Angeklagte (49) soll teilweise zu den Taten angestiftet haben. Alle 3 Männer sind Deutsche.

Im Prozess hat das Gericht hat insgesamt 27 Nebenkläger zugelassen, die von 17 Anwälten vertreten werden.

"Warum hat keiner was gemerkt?"

„Wir haben es nicht mit einem singulären Tatgeschehen zu tun, sondern wir reden von einem massenhaften, jahrelangen Missbrauch von Kindern auf öffentlichem Grund“, betonte betonte der Bielefelder Opferanwalt Peter Wüller. Er könne nicht nachvollziehen, dass so lange niemand etwas bemerkt haben soll.

Der unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, schildert: „Wenn Missbrauch aufgedeckt wird, lautet eine der ersten Fragen immer: Warum hat keiner etwas bemerkt? Wir haben oft – wie auch im Fall Lügde – eine Täterstrategie des netten, beliebten, scheinbar kinderfreundlichen Menschen, der alle damit blendet und manipuliert.“ Eltern sollten viel größere Sensibilität entwickeln und realisieren, dass Missbrauch auch das eigene Kind treffen könne. „Die unangebrachte Sorglosigkeit, mit der manche Eltern ihre Kinder anderen anvertrauen, ist erschreckend.“

Im Fall Lügde gab es aber erste Hinweise. Polizei und Jugendämter stehen in der Kritik, weil sie Hinweisen auf den Hauptverdächtigen nicht nachgegangen sein sollen. Auch bei den Ermittlungen gab es Pannen, unter anderem verschwanden Beweismittel.

apa/dpa 

stol