Dienstag, 08. Oktober 2019

Massensterben von Bienen in Russland

In Russland dürfte die Honigernte in diesem Jahr geringer ausgefallen: Imker beklagen, dass im Sommer Milliarden Bienen gestorben sind. Damit brechen Einnahmen weg. Wer ist verantwortlich

Derzeit gibt es ein massives Bienensterben in Russland.
Derzeit gibt es ein massives Bienensterben in Russland. - Foto: © APA/dpa / Frank Rumpenhorst

Die Nachrichten vom massenhaften Bienensterben in Russland treiben Michail Alexandrow um. Zehntausende seiner Insekten hat der junge Hobby-Imker zuletzt verloren. Die Imker im größten Land der Erde beklagen in diesem Jahr besonders große Verluste. Für die Russen ist das bitter: Sie lieben Honig. Die russische Regierung schätzt, dass allein bis Ende Juli mehr als 39 600 Bienenvölker gestorben sind. Das sind Milliarden einzelner Bienen und etwa 1,5 Prozent aller Völker in Russland.

„Inoffizielle Statistiken gehen von noch höheren Zahlen aus“, sagt Jelena Saltykowa vom Institut für Biochemie und Genetik. Sie und ihre Kollegen stünden mit vielen Imkern in Kontakt. „Der Tod jedes Bienenvolkes ist für sie eine große Tragödie.“ Oft biete die Imkerei nicht nur ein zusätzliches, sondern das einzige Familieneinkommen.
Hobby-Imker Alexandrow hält seit fast zehn Jahren Bienen. 30 Bienenvölker mit mehr als 600.000 Insekten hat er derzeit noch – und Sorge, dass er sein Hobby aufgeben muss. Er behandle seine Stöcke mehrmals im Jahr mit schützenden Medikamenten, sagt der 22-Jährige. So will er Schädlingen wie der Varroa-Milbe zu Leibe rücken, die zu den Mitverursachern des Bienensterbens zählt.

Die Milbe gilt als eine große Gefahr für Bienen. Starker Befall führt zu einer Verkrüpplung der Tiere und zum Absterben der Brut. Die Varroose ist eine von mehreren Ursachen für das in vielen Ländern der Welt beobachtete Bienensterben. Die Aufmerksamkeit für das Thema ist groß – nicht zuletzt seit Erscheinen des Bestsellerromans „Die Geschichte der Bienen“ der Norwegerin Maja Lunde.


Russische Imker sehen die Landwirtschaft als große Bedrohung für ihre Tiere, konkret den Einsatz von Pestiziden. „Von meinen 40 Bienenfamilien sind 30 Prozent übriggeblieben“, klagt ein Imker aus der Region Rjasan 180 Kilometer südöstlich von Moskau. „Es wird erzählt, dass sie in diesem Jahr ein neues Pestizid in sehr hoher Dosis verwendet haben, das alles tötet“, sagte er regionalen Medien.

„Das Problem ist, dass wir keine eigenen Pestizide produzieren“, meint die Biologin Saltykowa. Der Großteil komme aus dem Ausland. „Es gibt hier keine strengen Kontrollen.“ Eingekauft werde dort, wo es günstig sei. Landesweit waren vom Bienensterben nach offiziellen Angaben mehr als 25 Gebiete besonders stark betroffen. „Die südlichen und zentralen Regionen Russlands haben am meisten gelitten, also Gebiete mit intensiver Landwirtschaft“, erklärt Saltykowa.

„Wir werden gewarnt, wenn sie anfangen, die Felder zu spritzen“, sagt Wladimir Kortaschew aus Wladiwostok im äußersten Osten Russlands an der Pazifikküste. Die Bienen würden dann weggebracht. „Wenn nicht, sterben sie“, sagt Kortaschew beim Honig-Jahrmarkt in Moskau. Imker aus allen Landesteilen preisen dort bis zum 20. Oktober ihren Honig an. Deutlich wird, wie begehrt Honig bei den Russen ist: Kistenweise wird er nach Hause getragen. Er soll die Abwehrkräfte stärken im langen, harten Winter und den Alltag versüßen. Oft wird er in den Tee gerührt.

Experten gehen davon aus, dass die Honigernte diesmal geringer ausgefallen ist. Die Rede ist von bis zu 20 Prozent Einbuße. Landesweit werden laut Statistik jährlich rund 100 000 Tonnen Honig produziert – viel, aber längst nicht die vom weltweit größten Honiglieferanten China produzierte Menge. Einen merklichen Honigmangel im Land befürchtet der russische Imkerverband wegen des Bienensterbens nicht, betont aber: Die Hauptaufgabe der Bienen sei es, Pflanzen zu bestäuben. Sie gälten deshalb als die wichtigsten Arbeitskräfte der Landwirte.

Wie wichtig die Bienen sind, macht Boecking für Deutschland deutlich: Ihr volkswirtschaftlicher Wert werde auf 1,6 Milliarden Euro pro Jahr beziffert. „Damit stehen die Bienen im Rang gleich hinter den Kühen und den Schweinen.“ Das Artensterben betreffe in Deutschland allein die Wildbienen, erklärt der Fachmann für Bienenkrankheiten. Mehr als 40 Prozent der Arten gelten demnach als bestandsgefährdet. „Das ist in der Tat dramatisch, denn wir benötigen die Artenvielfalt.“


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