Donnerstag, 06. August 2015

Mehr als 200 Tote an der "tödlichsten Grenze der Welt"

Es könnte eines der schlimmsten Flüchtlingsunglücke im Mittelmeer sein: Ein Boot mit mindestens 600 Migranten ist vor der Küste Libyens gekentert. Etwa 400 Menschen brachten die Einsatzkräfte bisher in Sicherheit.

Foto: © APA/EPA

Die Überlebenden werden ebenso wie die bisher geborgenen 26 Leichen im Laufe des Tages im sizilianischen Palermo erwartet. Sie stammten nach Angaben der italienischen Behörden großteils aus Syrien. Sechs Gerettete waren bereits in der Nacht per Hubschrauber aufs italienische Festland geflogen worden, weil ihr Zustand lebensbedrohlich war.

Die italienische und die irische Marine sowie „Ärzte ohne Grenzen“ setzten den Rettungseinsatz am Donnerstag mit sieben Schiffen, zwei Hubschraubern und einer Drohne fort. Die Chancen, noch Überlebende zu finden, schwanden aber von Minute zu Minute.

 

Foto: APA/epa

Der Fischkutter mit laut UNHCR rund 600 Menschen an Bord hatte am späten Mittwochvormittag einen Notruf abgesetzt und war 15 Seemeilen vor Libyen gesunken, als sich das erste Rettungsschiff – die irische „Le Niamh“ – näherte und alle Insassen auf eine Seite drängten.

Das Boot sank laut Berichten von Augenzeugen auch deshalb so schnell, weil es aus Metall war. Zahlreiche Menschen seien zum Zeitpunkt des Unglücks im Inneren eingeschlossen gewesen und hätten sich nicht mehr befreien können.

Kritik: Rettung klappt immer noch nicht

„Es war ein schrecklicher Anblick. Menschen klammerten sich verzweifelt an Rettungswesten, Boote und alles, was sie erreichen konnten und kämpften um ihr Leben. Um sie herum waren andere Menschen dabei zu ertrinken, andere waren schon ertrunken“, sagt Juan Matias, Projektkoordinator von Ärzte ohne Grenzen auf der „Dignity 1“, die kurz nach dem irischen Marineschiff den Unglücksort erreichte.

Die „Dignity 1“ war bereits auf dem Weg zum havarierenden Fischkutter, als sie kurzfristig zu einem anderen Unglücksort beordert wurde. Für „Ärzte ohne Grenzen“ ein Zeichen dafür, dass die Kapazitäten der EU-Mission „Trition“ weiterhin nicht ausreichend sind. Dem stimmte am Donnerstag auch der Vize-Chef der EU-Grenzschutzagentur „Frontex“, die „Trition“ koordiniert, zu.

 

Foto: APA/epa

„Wir haben das nötige Geld, aber bekommen nicht genügend Schiffe, Flugzeuge und Personal, in das wir das Geld investieren könnten“, sagte Gil Arias der spanischen Zeitung „El Mundo“. „Die Antwort der EU-Mitgliedsstaaten reicht nicht aus, um unseren Bedarf zu decken.“

Mittelmeer "tödlichste Grenze der Welt"

Bessere Nachrichten kamen unterdessen am Donnerstag von einem anderen Unglücksort, 30 Seemeilen vor Libyen. Auch dort war ein Flüchtlingsschiff in Seenot geraten, alle 381 Menschen an Bord konnten jedoch von der italienischen Marine gerettet werden.

Das Mittelmeer gilt aktuell als die tödlichste Grenze der Welt. Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) von Dienstag starben heuer bereits mehr als 2.000 Menschen beim Versuch, so nach Europa zu gelangen. Das neue Unglück vor Libyen könnte das mit den meisten Todesopfern seit April sein, als mehr als 800 Flüchtlinge im Mittelmeer ertranken.

apa

stol