s+ hat mit Psychiater Dr. Roger Pycha gesprochen.<BR /><BR />Der Begriff Femizid kommt aus dem Englischen („Femicide“) und wurde 1976 von der Soziologin Diane Russell geprägt. Im Kontext der internationalen Diskussion bezeichnet er die vorsätzliche Tötung von Frauen, weil sie Frauen sind. Femizide sind vor dem Hintergrund geschlechtsspezifischer Macht und Hierarchieverhältnisse zu sehen und werden besonders häufig durch männliche Partner oder Ex-Partner verübt. Weiter gefasste Definitionen beziehen alle Ermordungen von Frauen oder Mädchen mit ein, oder umfassen auch Tötungen von Frauen und Mädchen durch Familienmitglieder und im Kontext sexualisierter Gewalt.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="825776_image" /></div> <BR /><BR /><b>Herr Dr. Pycha, warum töten Männer die Partnerin bzw. Ex-Partnerin? Gibt es da ein Muster?</b><BR />Auf der Welt sterben 5 mal mehr Männer als Frauen durch Mord. Von den 89 ermordeten Frauen sind 2022 46 durch die Hand ihres aktuellen oder ehemaligen Partners gestorben. Das entspricht einem Muster, das wohl drei Grundlagen hat. Eines ist das männliche Hormonmuster. Das viele Testosteron drängt zur raschen Tat und zur einsamen Entscheidung. Männer wenden rohe, direkte körperliche Gewalt eher an, vom Erschlagen über das Erwürgen zum Erstechen. Sie wollen paradoxerweise eigentlich dem Opfer nahe sein, und sind häufig von ihm gerade verlassen worden. Frauen morden viel eher mit Gift, aus der Distanz. Oder aus Notwehr, weil sie bedrängt, geschlagen, gedemütigt werden.<BR /><BR /><b>Wie wichtig ist der Faktor Emanzipation?</b><BR />Das ist die zweite Grundlage: Die typische Männerrolle ist erschüttert. Glückliche Paare wurden in den USA der 1980er Jahre befragt, was für sie Intimität war. Die meisten Männer antworteten: etwas miteinander tun, am liebsten Sex. Die meisten Frauen: Miteinander reden, am liebsten über die eigene Beziehung. Inzwischen machen Frauen gern Karriere, kombinieren sie mit einer sehr aktiven Partnerrolle, sind sozial häufig kompetenter. Das macht Männer tendenziell verletzlicher und ängstlich, komplett zu versagen. Und dann erlauben sie sich nicht, das alles zu zeigen.<BR /><BR /><b>Der Faktor Macht?</b><BR />Ja, die komplette soziale Entmachtung wenn man als Mann verlassen wird, und die Freundschaften und Kontakte pflegt vor allem die Frau. Wenn einem die ganze körperliche Stärke nichts nützt, sondern nur mehr im Weg ist. Männer töten, um die Macht zu behalten, um die Frau zu behalten.<BR /><BR /><b>Gibt es bei solchen Taten einen typischen Ablauf? Passiert der Mord eher im Affekt oder ist er geplant?</b><BR />Die dritte Grundlage für das Muster der männlichen Täter ist der Intimneid. Eine Partnerin, die einen verlässt, kann oft besser als ein Mann allein leben, kriegt die Kinder und ist deshalb gar nicht allein, oder wird rasch am Arm eines anderen glücklich. Es entsteht Neid, verstärkt durch Einsamkeit. Der kann in dauernde Hassliebe umschlagen, immer mehr Hass, immer weniger Liebe. Bei solcher dauernder Anspannung genügen zuletzt kleine Anlässe, um das Fass zum Überlaufen zu bringen. Eine entdeckte SMS des neuen Geliebten der Frau, ein Brief des Anwalts, ein unbedachtes Schimpfwort aus dem Intimbereich. Dann wird nicht mehr lange geplant, sondern eher nach einfachem Schema gehandelt. Partnerinnenmorde werden deshalb auch überdurchschnittlich häufig aufgeklärt.<BR /><BR /><b>Geht einem Frauenmord also nicht unbedingt häusliche Gewalt voraus?</b><BR />Nein, aber häusliche Gewalt ist so etwas wie ein Vorbote oder Warnzeichen und muss unbedingt ernst genommen werden. Da gilt, den Anfängen zu wehren. Wer häuslicher Gewalt vorbeugt, verhindert auch Partnermorde.<BR /><BR /><b>Neigen Männer eher dazu zu morden als sich selbst zu töten?</b><BR />Weitaus häufiger sind Suizidversuche und Suizide. Meist wendet sich die Verzweiflung tatsächlich gegen sich selbst. In Deutschland passieren jährlich mehr Suizide als Tode durch Verkehrsunfall, Drogen, AIDS und Mord zusammengenommen. Drei Viertel davon sind männlich.<BR /><BR /><b>Zeigen Männer Reue nach der Tat?</b><BR />Wenn sie es tun, verpufft sie normalerweise hinter Gefängnismauern, und weckt nicht selten Suizidgefahr. Typischerweise töten Männer ihre Partnerinnen aus unverdauter, unerträglicher Verlustangst. Danach kommen sie ins Gefängnismilieu, wo Reue mit anderen Kriminellen schwer gelebt werden kann. Dennoch versuchen es viele. Vieles misslingt aus Mangel an Ansprechpartnern oder wegen der Härte des Milieus. Da hatte es Jesus mit mindestens einem Schächer, der an ihn glaubte, bei der Kreuzigung psychologisch gesehen noch gut.<BR /><BR /><b>Wie werden diese Männer betreut?</b><BR />Es gibt Gefängnispsychologen und Gefängnispsychiater. Ich habe diesen Job in Innsbruck nur kurz und aushilfsweise gemacht. Man wird von vielen gebraucht, sehr häufig menschlich missbraucht, es ist nicht leicht, da humanitär zu bleiben. Die religiöse und spirituelle Betreuung ist wichtig und gelingt tatsächlich oft. Das Wichtigste an den Gefängnissen sind in meinen Augen die Seelsorger. In Zukunft auch Imame, Gurus etc.<BR /><BR /><b>Was kann die Gesellschaft/das System tun, um solche Taten zu vermeiden?</b><BR />Die Botschaft der Zukunft muss sein: Gewalt ist keine Lösung, vor allem körperliche ist verboten. Wir Männer neigen mehr dazu als Frauen, und müssen mehr zur Vermeidung von solchen Exzessen tun. Wir tragen größere Verantwortung dafür. Wir müssen lernen, uns anders zu wehren. Wir müssen imstande sein, mit Krisen und Provokationen umzugehen. Ganz besonders ist das eine Lektion für die nächsten Generationen. Sie muss in der Schule Allgemeingut werden wie Umweltschutz und Computerkenntnisse. Vom ersten Schultag an.<h3> Wenn Sie Opfer von Gewalt sind, rufen Sie Hilfe!</h3>Notrufnummern: <b>112</b> oder <b>1522</b><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="825557_image" /></div> <BR /><BR /> <a href="https://www.provinz.bz.it/chancengleichheit/gegen-gewalt-an-frauen.asp" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">Hier finden Sie eine Übersicht der verschiedenen Hilfsangebote der Netzwerke gegen Gewalt.</a>