<BR /><b>Wenn Sie an Ihren Vater denken, welches Bild haben Sie vor Augen?</b><BR />Siegfried Frizzi: Mein Vater war ein netter und geduldiger Mensch. Manchmal konnte er natürlich auch streng sein. Der Krieg hat seine Spuren hinterlassen. Zeit seines Lebens litt er an einer Granatsplitterverletzung und unter Schlafproblemen, Ohrensausen und Magenschmerzen. <BR /><BR /><embed id="dtext86-66958070_quote" /><BR /><BR /><b>Hat er jemals über seine Vergangenheit gesprochen?</b><BR />Frizzi: Von bestimmten Episoden im Krieg hat er erzählt, meistens waren das besondere Erlebnisse. So sah er die Nordlichter, das beeindruckte ihn. Er war auch viel mit den Skiern unterwegs. So wie er es erzählte, war es ein aufregendes Abenteuer. <BR /><BR /><b>Wann haben Sie das erste Mal erfahren, dass er im Krieg war?</b><BR />Frizzi: Als ich 14 oder 15 Jahre alt war, haben wir im Atlas etwas gesucht und mein Vater zeigte mir Finnland. Da sei er gewesen, sagte er, und holte spontan die ganzen Briefe hervor, die er nach Hause geschrieben hatte. <BR /><BR /><embed id="dtext86-66958074_quote" /><BR /><BR /><b>Wussten Sie, dass er bei der Waffen-SS war?</b><BR />Frizzi: Ich habe ihn nie damit konfrontiert. Ich wusste, dass er im Krieg war. Aber erst nach seinem Tod habe ich begonnen, mich intensiv mit seiner Jugend auseinanderzusetzen. Ich suchte nach den Briefen, las sie und begann vieles zu hinterfragen. Erst dann wurde mir klar, dass mein Vater bei der Waffen-SS war. Ich hatte auch Angst. <BR /><BR /><b>Warum?</b><BR />Frizzi: Im Krieg erlebt man schreckliche Dinge. Was hat mein Vater bei der Waffen-SS getan? Ich habe recherchiert und war beruhigter, als ich erfahren habe, dass er als Soldat an der Front eingesetzt war und nicht in einem Konzentrations- oder Vernichtungslager.<BR /><BR /><b>Was haben Sie noch herausgefunden?</b><b> War er an Juden-Massaker beteiligt?</b><BR />Frizzi: Es war eine Kriegssituation und mein Vater war Soldat. Ich oder der eine, erzählte er mir mal. Es war ein Überlebenskampf. Beim Rückzug setzten sie Dörfer in Brand. Beweise, dass mein Vater Menschen Zivilisten ermordet hat, habe ich keine gefunden. <BR /><BR /><embed id="dtext86-66958078_quote" /><BR /><BR /><b>In seinen Briefen an seine Familie schreibt er, dass er den „Walschen, den Kopf einschlagen möchte“. Wie war die politische Haltung Ihres Vaters?</b><BR />Frizzi: Das zu lesen hat mich schockiert. Bis heute habe ich Schwierigkeiten die Bilder zu kombinieren: Da ist der 20-Jährige Mann, indoktriniert, und da ist mein Vater, der immer zu allen freundlich war. Er hat niemanden diskriminiert, auch keine Italiener. <BR /><BR /><b>Hat er sich jemals antisemitisch geäußert?</b><BR />Frizzi: Nein. Ich erinnere mich, dass mein Vater Adolf Hitler in einer Dokumentation im Fernsehen gesehen hatte, und als Schwein bezeichnete. Wie er das gemeint hat, weiß ich nicht. Vielleicht hat er verstanden, dass das nicht in Ordnung war, was damals passiert ist.<BR /><BR /><b>Hatte er später noch Kontakt zu anderen Soldaten?</b><BR />Frizzi: Er war beim Frontkämpferverband und nahm an den regelmäßigen Treffen teil. Er wollte nach Finnland und Deutschland fahren, hat das aber dann doch nie getan. <BR /><BR /><embed id="dtext86-66958122_quote" /><BR /><BR /><b>Hat ihn die Zeit im Krieg später eingeholt, im Alter?</b><BR />Frizzi: Das weiß ich nicht. Er hatte sicher Schuldgefühle. Mein Vater besuchte ganz oft die Hl. Messe, besonders in seinen letzten Lebensjahren. Vielleicht um am Ende leichter gehen zu können.<BR /><BR /><b>Belastet einen auch die Vergangenheit?</b><BR />Frizzi: Es ist nicht einfach. Es gab intensive Phasen der Auseinandersetzung, wo ich gespürt habe, dass ich ein bisschen Abstand brauche, um mich dann später wieder mehr damit auseinanderzusetzen. Am meisten beschäftigte mich die Frage, ob mein Vater freiwillig in den Krieg gegangen ist oder nicht. Wenn er freiwillig gegangen wäre, hätte das noch weniger mit dem Bild zusammengepasst, dass ich von ihm habe. Es stellte sich dann aber heraus, dass er rekrutiert worden war. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1084650_image" /></div> <BR /><b>Zur Person:</b> 20 Jahre alt war Gottfried Frizzi, als er im April 1943 zur Waffen-SS eingezogen wurde. In Hallein bei Salzburg wurde er ausgebildet, diente an der Front in Finnland. 1944 begann der Rückzug der Truppen, Frizzi kam im April 1945 in Deutschland in französische Kriegsgefangenschaft, 1947 wurde er freigelassen.<h3> 6 Fragen an den Buchautor Thomas Casagrande</h3><b>Was kennzeichnet die Waffen-SS?</b><BR />Thomas Casagrande: Die Waffen-SS war eine bewaffnete Formation der Nationalsozialisten, die mit schwersten Waffen und modernsten Panzern für das Deutsche Reich im Zweiten Weltkrieg gekämpft hat. Sie stellte auch das Wachpersonal in den Konzentrations- und Vernichtungslagern. Das Besondere an der Waffen-SS ist, dass sie aus einer Schutzstaffel (SS) für den Führer der nationalsozialistischen Partei, Adolf Hitler, hervorging. Zunächst war sie also für den Schutz von Hitler zuständig. Schrittweise wurde sie dann zu einem paramilitärischen Verband ausgebaut. Die Wehrmacht und die Waffen-SS bildeten die kämpfende Truppe des Deutschen Reichs. Insgesamt dienten fast eine Million Männer bei der Waffen-SS. <BR /><BR /><embed id="dtext86-66958153_quote" /><BR /><BR /><b>Wie viele davon waren Südtiroler?</b><BR />Casagrande: Schätzungsweise zwischen 3500 und 5000 Südtiroler waren in der Waffen-SS. Über 80 Prozent der Bevölkerung stimmten bei der Option für die Abwanderung. Männer im wehrpflichtigen Alter optierten für das Deutsche Reich, weil sie so deutsche Soldaten wurden und nicht italienische. Nachdem die Nationalsozialisten im September 1943 Norditalien besetzten, mussten alle noch verbliebenen Männer für Deutschland einrücken. Die meisten Männer traten der Waffen-SS freiwillig bei, manche wurden eingezogen. <BR /><BR /><b>Was ist der Grund dafür, dass sich die Männer der Waffen-SS anschlossen und nicht der Wehrmacht?</b><BR /><BR />Casagrande: Die SS hatte bei der Organisation der Volksdeutschen in Europa, durch die Personalunion von Heinrich Himmler als Reichsführer-SS und Reichskommissar zur Festigung des deutschen Volkstums, die führende Rolle. Darüber hinaus stand die SS im Widerspruch zu den alten konservativen Eliten. Für viele junge Südtiroler war es ein Akt der Abgrenzung von den „Altvorderen“ zur SS zu gehen. Dem entsprach, dass viele katholische und konservative Eltern ihren Söhnen untersagten sich zur „antiklerikalen“ SS zu melden. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1084653_image" /></div> <BR /><BR /><b>Ihr Buch ist mutig. Krieg und Option waren in Südtirol lange Zeit Tabuthemen…</b><BR />Casagrande: Der Titel der Einleitung heißt „The past is never dead, it isn’t even past“ (Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen, Anm. d. Red.). Nur wenn wir unsere persönliche Familiengeschichte kennen und sehen, welche Konsequenzen das Leben der Väter für ihre Kinder hat, können wir auch besser unsere Gegenwart und unsere Handlungen in der jetzigen Zeit verstehen. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit muss zwangsläufig bei einem selbst beginnen. <BR /><BR /><embed id="dtext86-66958155_quote" /><BR /><BR /><b>Was bedeutet der Titel „Schatten“?</b><BR />Casagrande: Mein Vater war in der Waffen-SS. Aus den Gesprächen im Buch wurde mir klar: Unser Leben wird durch die Mitgliedschaft unserer Väter in der SS beschattet oder überschattet. Das zeigt sich unterschiedlich: Einige der von mir interviewten Kinder und Enkelkinder haben körperliche Gewalt und Missbrauch erlebt, viele autoritäre Härte. Deshalb war Rebellion schwer, viele hatten Angst vor dem Vater. Schatten entstand auch durch Vorwürfe anderer, wo Kinder oder Enkelkinder sich dann verteidigend vor den Vater oder Großvater stellten. <BR /><BR /><embed id="dtext86-66958156_quote" /><BR /><BR /><b>Welche Botschaft möchten Sie mit Ihrem Buch vermitteln?</b><BR />Casagrande: Wir waren damals nicht dabei, aber wir müssen uns in die DNA stempeln, dass wenn wir einmal in eine vergleichbare Situation kämen, wir die Stärke hätten uns der Herrschaftslogik zu widersetzen. Immer wieder beweisen Menschen solchen Mut und zeigen, dass das möglich ist. Für mich ist es klar: Es ist würdiger Opfer zu sein, als Täter zu werden.