<BR /><b>Herr Dr. Conca, kommen Patienten mit selbst erstellter Diagnose zu Ihnen?</b><BR />Dr. Andreas Conca: Der Trend nimmt zu. Viele junge Menschen, aber auch Erwachsene informieren sich auf eigene Faust online und kommen mit einer Selbstdiagnose zum Arzt.<BR /><BR /><b> Wahrscheinlich einer fehlerhaften Diagnose...</b><BR />Dr. Conca: Tatsächlich habe ich einzelne Selbstdiagnosen erlebt, die ich als Arzt bestätigen konnte. Doch in den meisten Fällen entsprechen die Diagnosen aus dem Internet nicht der Wahrheit. <BR /><BR /><b>Ist das Phänomen auf die Künstliche Intelligenz (KI), also auf die gängigen Chatbots, zurückzuführen? </b><BR />Dr. Conca: Im Volksmund spricht man bereits seit vielen Jahren vom sogenannten „Dr. Google“. Das Phänomen, dass sich Menschen medizinischen Rat im Internet einholen, ist also nicht neu. Durch Künstliche Intelligenz und soziale Medien hat es sich aber deutlich verschärft.<BR /><BR /><b>Inwiefern? </b><BR />Dr. Conca: Auf den bekannten Online-Plattformen werden massenweise falsche Inhalte zu Gesundheitsthemen veröffentlicht. Forschungsergebnisse zeigen etwa, dass mehr als 50 Prozent aller populären TikTok-Videos zu ADHS Falschinformationen enthalten und überwiegend nicht von Fachpersonen erstellt wurden. Informationen werden häufig von der KI übernommen.<BR /><BR /><b>Wie sehen diese Beiträge aus?</b><BR />Dr. Conca: Komplexe Krankheitsbilder werden vereinfacht dargestellt. Es wird beispielsweise suggeriert, dass alltägliche Verhaltensweisen wie Unkonzentriertheit, Stimmungsschwankungen oder Rückzugstendenzen eine krankhafte Ursache hätten. Verfasser der Beiträge picken sich Einzelheiten einer Erkrankung heraus oder sprechen von individuellen Erfahrungen, die statistischen Werten widersprechen.<BR /><BR /><b>Ist der Nutzer einmal in dieser Filterblase drin, bekommt er laufend solche Inhalte zugespielt...</b><BR />Dr. Conca: Der Beginn einer gefährlichen Entwicklung... Je öfter eine Person diese Beiträge zugespielt bekommt, desto eher werden sie zu ihrer Realität. Besonders bei jungen Menschen wird beobachtet, dass sie dazu neigen, sich mit der Diagnose zu identifizieren. <BR /><BR /><b> Und wenn der Facharzt eine andere Diagnose stellt?</b><BR />Dr. Conca: Dann wollen das viele zunächst nicht wahrhaben, sind verärgert und beharren auf ihrer Meinung: „Ich habe diese Erkrankung, ich habe die Videos gesehen – das bin ich.“ In Filterblasen wird einem die eigene Meinung ständig bestätigt, man sieht sich als Teil der Gruppe. Die Diagnose wird dort teils sogar als Statussymbol verwendet oder als „cool“ empfunden. Der Arzt wird dann häufig nur mehr für eine Bestätigung aufgesucht, nicht um sich in Behandlung zu begeben. <BR /><BR /><b> In Ihrem Bereich: Welche Erkrankungen werden besonders oft selbst diagnostiziert?</b><BR />Dr. Conca: Vor allem ADHS und Autismus scheinen begehrt zu sein. Ich habe Selbstdiagnosen auch bei Ess- oder Persönlichkeitsstörungen erlebt.<BR /><BR /><b> Tritt das Phänomen auch in anderen medizinischen Bereichen auf?</b><BR />Dr. Conca: Sicher. Es ist ein transversales Phänomen und betrifft alle Bereiche, wie ich auch von meinen Kollegen am Bozner Krankenhaus höre. Da fällt mir ein Fall aus Süditalien ein: Ein Patient soll die gesamte Notaufnahme verrückt gemacht haben, da bei ihm laut KI Anzeichen auf einen Herzinfarkt bestanden hätten. Die Ärzte stellten eine akute Magenentzündung fest. Da es der Patient nicht wahrhaben wollte, soll er rechtlich gegen die Diagnose vorgegangen sein.<BR /><BR /><b> Eine positive Sache hat das Ganze aber: Es wird offen über psychische Leiden gesprochen...</b><BR />Dr. Conca: Dass psychische Gesundheit enttabuisiert wird, Menschen offen darüber sprechen, das kann ich nur gutheißen. Nicht jedoch, dass sich Menschen über eine mentale Erkrankung identifizieren.<BR /><BR /><b>Wie geht man als Facharzt damit um?</b><BR />Dr. Conca: In erster Linie müssen auch wir Fachleute wissen, was sich auf sozialen Medien abspielt. Es ist nicht verkehrt, wenn sich Personen bei vertrauenswürdigen Quellen im Netz informieren, doch eine fachärztliche Visite darf dies nie ersetzen – vor allem wegen des zwischenmenschlichen Kontakts, der mit dem Arzt besteht. Für eine sichere Diagnose ist sozialer Kontakt unumgänglich.