Schon unmittelbar um das Kriegsende 1945 wurde Südtirol zu einem der letzten Rückzugsgebiete für Faschisten und Nationalsozialisten, Kollaborateure und NS-Täter aus ganz Europa. <BR /><BR />„Ende April 1945 war das Dritte Reich - abgesehen von Böhmen und Mähren und Schleswig-Holstein - praktisch auf das Alpengebiet in Westösterreich und Südtirol zusammengeschmolzen. Die Flucht in die propagierte „Alpenfestung“ bedeutete ein letztes Ausweichen vor den Armeen der Alliierten, und das „Niemandsland“ Südtirol zwischen Deutschland, Österreich und Italien war dabei besonders begehrt. Grund dafür war nicht zuletzt die Nähe zur Schweiz und damit eine mögliche Fluchtmöglichkeit ins neutrale Ausland“, so Steinacher.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="640298_image" /></div> <BR /><BR />Bereits in den letzten Kriegswochen flüchteten auch hohe Militärs und NS-Prominenz in die Südtiroler Berge. Im April 1945 kamen die Familien der NS-Führer vom bombardierten Obersalzberg bei Berchtesgaden nach Südtirol, darunter die Familie von Reichsleiter Martin Bormann. Von der deutschfreundlichen Bevölkerung, die vom faschistischen Italien jahrelang unterdrückt worden war, brauchten sie kaum „Verrat“ zu fürchten. In Gröden verbargen sich auch die Frau und die Tochter des Reichsführers-SS Heinrich Himmler.<BR /><h3> Fluchtgeschehen nach Kriegsende</h3>Nach Kriegsende herrschte unermessliches Chaos und Leid in Europa. „Man muss sich vor Augen halten, dass damals Millionen von Entwurzelten mit ganz unterschiedlichen Hintergründen auf der Flucht waren: Überlebenden des Holocaust, die aus Europa raus wollten, weil sie ohne Zukunftsperspektive waren - sie wählten häufig den Weg zurück nach Palästina und Israel, flüchteten aber auch nach Südamerika, Kanada oder USA-, vertriebenen sogenannte Volksdeutsche aus Mittel-und Osteuropa (allein 12 Millionen „Volksdeutsche“), Anti-Kommunisten und Kriegsgefangene. Diese Menschen und natürlich auch Kriegsverbrecher wollten aus Europa raus. Und Italien war hier das Tor zur Welt.<BR /><BR />Da man früher ja bekanntlich kaum Flugzeuge für lange Strecken benutzt hat, sondern Schiffe, konnten die Gestrandeten von Genua aus am einfachsten starten und auch der Weg dorthin war wenig beschwerlich. Geografisch gesehen war Genua von Innsbruck, München, Wien oder Berlin aus relativ schnell zu erreichen. War es bei Kriegsende praktisch unmöglich, nach Übersee zu fliehen, so änderte sich das ab 1946 rasch. Und der einfachste und schnellste Weg aus Mitteleuropa nach Übersee führte über Südtirol in die Hafenstadt Genua.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1122855_image" /></div> <BR /><BR />„Italien war das zentrale Fluchtland für Opfer und Täter ab 1946, den Höhepunkt dieses Fluchtgeschehens über die sogenannte „italian ratline“ - vor allem für Täter und Nazi-Kollaborateuren – kann man im Jahr 1948 ansiedeln“, so Professor Steinacher, der gerade als Gastforscher am Wiesenthal Institut in Wien weilt. Abgeebbt sei die Fluchtwelle dann ab 1950/51. <BR /><BR />Wie berichtet, erhielt unter anderen auch der brutale Nazi-Arzt Josef Mengele in Südtirol und von Südtirolern Fluchthilfe und bekam hier auch neue Papiere. Aus dem deutschen Kriegsverbrecher Josef Mengele wurde der Südtiroler Helmut Gregor aus Tramin, geboren 1911. <a href="https://www.stol.it/artikel/politik/wie-der-beruechtigte-nazi-arzt-mengele-dank-suedtirolern-fluechten-konnte" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">HIer seine Fluchtgeschichte zum Nachlesen.</a><h3>Wie genau lief das mit den Südtiroler Identitäten?</h3><BR />„Wie im Detail die Dinge gelaufen sind, weiß man leider immer noch nicht“, so Steinacher. Was anzunehmen ist: Josef Mengele hat sich sicher nicht persönlich beim Traminer Bürgermeister vorgestellt und wurde dann dort in einem Hinterstübchen zu Helmut Gregor aus Tramin. Soweit wir wissen, haben lokale Schlepper, also Südtiroler Nationalsozialisten, für diese Leute die Dokumente organisiert. <BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-48919546_quote" /><BR /><BR /><BR />Was auffällt und wo man nicht mehr von Zufall sprechen kann: Josef Mengele, Adolf Eichmann (Organisator der Shoah - des Völkermords an den Juden), Ludolf von Alvensleben (Generalleutnant der Waffen-SS), Erich Müller (Enger Mitarbeiter von Josef Goebbels): Sie alle wurden in ihren neuen Papieren zu Traminern. Und für alle wurden Traminer Identitätskarten im Jahre 1948, also dem Jahr der Rückoption, ausgestellt.<h3>Warum Tramin?</h3><BR />Eine der großen Südtiroler Nazi-Seilschaften war jene um Karl Nicolussi-Leck, SS-Offizier und Exponent des „Völkischen Kampfrings Südtirol“. Ihre Aktivitäten rund um die Schleusung von Nazis über die Berge von Nord- nach Südtirol waren bereits damals bekannt, Ermittlungen von der Innsbrucker Polizei wurden aufgenommen, einige aus der Gruppe verhaftet. Professor Steinacher hat sich mit diesem Netzwerk eingehend befasst. Bei seinen Forschungen habe er einige Ansatzpunkte entdeckt, deren Spuren nach Tramin führen. Diese Spuren müsse und werde er weiter verfolgen.<BR /><BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-48920150_quote" /><BR /><BR /><BR /><BR />„Die Forschung sei allerdings alles andere als leicht“, so Steinacher. Das liegt einerseits daran, dass man sich jahrzehntelang nicht mit dem Thema befasst hat, die Aufarbeitung schleifen hat lassen und in der Zeit auch sehr viel unter den Teppich gekehrt wurde. Viele Spuren wurden verwischt, viele Spuren führen in eine Sackgasse. Im Traminer Gemeindearchiv existieren etwa die Antragsformulare für Identitätskarten aus dem Jahre 1948 nicht mehr. Wer diese Antragsformulare unterschrieben hat, bleibt also unklar. Fakt ist allerdings, dass eine Identitätskarte normalerweiser der Bürgermeister oder der Gemeindesekretär unterschreibt. Dennoch kann man nicht mit Sicherheit sagen, welcher Bürgermeister oder Sekretär sie unterschrieben hat, da ja immer die Möglichkeit besteht, Formulare zurück zu datieren. Wie bereits erwähnt, wurden alle gefälschten Traminer Identitäten 1948 ausgestellt, geflüchtet waren die Nazi-Verbrecher aber erst 1949 bzw. 1950 bzw. 1951. <BR /><BR />„Ich gehe ehrlich gesagt nicht davon aus, dass der Bürgermeister, der 1947 oder 1948 in Tramin amtierte, diese Formulare unterschrieben hat, denn die meisten Bürgermeister in der unmittelbaren Nachkriegszeit waren ja „Dableiber“, also Italien-Optanten und hatten ideologisch gesehen wohl wenig Interesse, für Nazis Dokumente mit Falschnamen auszustellen, argumentiert Steinacher. „Natürlich muss das vorerst Spekulation bleiben, wissen tue ich es nicht, aber es erscheint sehr unwahrscheinlich!“ „Möglich ist auch, dass die Papiere von lokalen Traminer Nazis gefälscht wurden, etwa von jemanden der Zugang zu den Formularen im Gemeindeamt hatte. Eines ist jedenfalls unbestritten: Tramin war während des Dritten Reiches eine Hochburg des Nationalsozialismus.“<BR /><BR />So gut das „Dritte Reich“ und die Zeit des Nationalsozialismus erforscht ist, sei in Bezug auf das Nachleben des Nationalsozialismus, die Nachkriegszeit und eben auch das Fluchtgeschehen noch viel zu tun. Auch in Südtirol. Die dahingehende Forschung habe erst in den 90gern, also mit Ende des Kalten Krieges, begonnen, da erst habe man als Historiker Zugang zu den meisten Archiven, wie etwa zu den argentinischen oder amerikanischen erhalten. Die vatikanischen Archive fuer jene Jahre sind erst seit 2020 offen, manche noch gar nicht. „Wir stehen hier also erst am Anfang.“<BR /><BR />„Klar ist, dass es nicht nur Südtiroler Opfer gab, sondern auch Täter. Nicht wenige Südtiroler haben das Nazi-Regime aktiv unterstützt und waren in Kriegsverbrechen involviert. Nicht wenige Südtiroler Nazis sind auch nach Argentinien “ausgewandert„ und haben die Strukturen der Flucht selbst mitgebaut“, so Steinacher abschließend.<h3> Vita - Publikationen zum Thema</h3>Gerald Steinacher studierte Geschichte und Politikwissenschaft in Innsbruck, New Orleans und Trient. 1999 wurde er für seine Dissertation mit dem Ludwig-Jedlicka-Preis (Wien) ausgezeichnet. Von 2000 bis 2011 arbeitete er als Archivar und Zeithistoriker am Südtiroler Landesarchiv in Bozen. Er wirkte daneben wiederholt als Sachverständiger der italienischen Militärjustiz bei der Aufarbeitung von Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg.<BR /><BR />2006 war Steinacher Fellow am Center for Advanced Holocaust Studies des United States Holocaust Memorial Museum in Washington, D.C. 2008 habilitierte er sich am Institut für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck. Er war Lehrbeauftragter an der Universität Innsbruck und unterrichtete auch an den Universitäten München, Passau und Luzern. 2009 war er Visiting Scholar am Center for European Studies der Harvard University und arbeitete 2010–2011 als Forschungsprofessor (Joseph A. Schumpeter Research Fellow) in Harvard. 2017/18 war Steinacher als Honorary Fellow am Historischen Kolleg in München. Seit Sommer 2011 ist er Professor of History an der University of Nebraska-Lincoln. Steinacher ist außerdem Redaktionsmitglied der in Bozen erscheinenden zweisprachigen historischen Fachzeitschrift Geschichte und Region/Storia e regione.<BR /><BR />Seine Veröffentlichungen thematisieren Aspekte der italienischen, deutschen, österreichischen und Südtiroler Zeitgeschichte sowie internationaler Geheimdienste.<BR /><BR />In seinem Buch „Nazis auf der Flucht: Wie Kriegsverbrecher über Italien nach Übersee entkamen“ (Fischer Verlag – Frankfurt) zeichnet Steinacher die Fluchtwege von NS-Tätern im Detail nach.