Donnerstag, 23. November 2017

Menschliche "Treibminen": Wenn Kinder in die Luft gehen

Tobende Kinder und Jugendliche, zerstörte Möbel, eingeschlagene Türen, abgeschlagene Autospiegel oder herausgerissene Sträucher: Was im Südtiroler Kinderdorf zum Alltag gehört, gib es auch außerhalb. Viele dieser "Treibminen" waren traumatisierenden Erlebnissen ausgesetzt. Ihr Verhalten ist Ausdruck ihrer Verletzungen. Doch was tun, wenn das eigene Kind zur Bombe wird und explodiert?

„Explosives“ Verhalten bei traumatisierten Kindern: Die Reaktionen sind sehr heftig, völlig unkontrolliert und im Moment nicht kontrollierbar, so wie ein Ertrinkender um sich schlägt.
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„Explosives“ Verhalten bei traumatisierten Kindern: Die Reaktionen sind sehr heftig, völlig unkontrolliert und im Moment nicht kontrollierbar, so wie ein Ertrinkender um sich schlägt. - Foto: © shutterstock

Im Südtiroler Kinderdorf kommen sie zusammen, die schwierigen Fälle, die bösen Kinder und unkontrollierbaren Jugendlichen. Vom Gericht werden sie dort fremduntergebracht, weil sie Schwierigkeiten machen. Dabei haben sie selbst Schwierigkeiten, waren traumatisierenden Erlebnissen ausgesetzt.
Diese Verletzungen finden ihren Ausdruck oft in einem Verhalten, das auffällt. Um diese verletzten Kinder und Jugendlichen gut zu begleiten und den erlebten Traumata entgegen zu wirken, muss das Personal im Südtiroler Kinderdorf bestens ausgebildet sein. Am Mittwoch fand für die Mitarbeitenden eine Fachtagung zum Thema „Traumapädagogik“ statt. Grund genug für STOL, näher auf das Thema "menschliche Treibminen im Kindesalter" generell einzugehen:

Südtirol Online: Wenn Kinder austicken - was steckt hinter ihrem aggressiven oder zerstörerischen Verhalten – Auslöser und Gründe?

Heinz Senoner, Direktor im Südtiroler Kinderdorf: Gründe können einmalige Erlebnisse von lebensbedrohlicher Gewalt sein, wie Erdbeben, Unfälle, der Tod eines sehr wichtigen Menschen, Gewalterfahrungen.

Schwieriger und in unserem Feld häufiger sind langanhaltende, häufig wiederholte Handlungen, wie materielle Verwahrlosung (kein Essen, keine angemessene Kleidung, ungeheizte Räume,…) psychische Verwahrlosung (keinerlei Aufmerksamkeit, keine Reaktion auf die emotionalen Bedürfnisse,…) ständige Abwertung und Demütigung, Ausgrenzung und Ausschluss,… wenn dies nicht isolierte Erfahrungen bleiben sondern alltäglich erlittene Erlebnisse sind, dann sind die Folgen sehr schlimm.
Zum Glück sind Menschen auch mit einem Schutz versehen, z.B. durch stabile, zuverlässige Bezugspersonen, Humor und Freude, stabile Werte im Umfeld. Nicht jeder, der Traumatisches erlebt muss also zwangsläufig eine Posttraumatische Belastungsstörung erleiden. Und was für den einen existentiell bedrohlich ist, muss es nicht zwangsläufig auch für den anderen sein.

STOL: Wie äußern sich solche Verhaltensauffälligkeiten – im Unterschied zu Trotzphasen, die manche schon (über)fordern?

Senoner: Trotzphasen sind Abschnitte, in denen sich das Kind von den Eltern löst, seine Autonomie und seinen Handlungsspielraum erweitert. Das fordert die Eltern vor allem darin, sich genau zu überlegen, was sie für das Kind als angemessen halten und ist eine Einladung an die Eltern, ein paarmal durchzuatmen, bevor sie handeln.

„Explosives“ Verhalten bei traumatisierten Kindern ist dagegen die nicht kontrollierbare Reaktion auf eine Umwelt, die subjektiv als lebensbedrohlich empfunden wird. Also sind die Reaktionen sehr heftig, völlig unkontrolliert und im Moment nicht kontrollierbar, so wie ein Ertrinkender um sich schlägt. Dabei reagiert das Kind in einer Weise, als wäre es in diesem Augenblick in der Situation in der es die traumatischen Erlebnisse erlitten hat. Trauma bewirkt, dass ich das Erlebte als gerade jetzt stattfindend erlebe, es gibt kein Zeitgefühl.

STOL: Gibt es eine Altersspanne, von der wir reden?

Senoner: Nicht wirklich. Kinder können von ihrer Geburt an traumatisiert werden und Traumatisierungen können Erwachsenen widerfahren, denken wir nur an Krieg. 
Auch die Reaktionen kennen kein Alter. Kleinkinder werden auf Grund ihrer Schwäche eher durch Rückzug, sogenanntes „Totstellen“ reagieren. Als existentiell bedrohlich empfundene Situationen wie massive Gewalt, aber auch ständige Abwertung, lösen nämlich unsere Urreflexe aus: Angriff, Flucht und zuletzt Totstellen.

Mit Hilfe der Traumapädagogik können Betreuer hinter das aggressive und zerstörerische Verhalten von Kindern und Jugendlichen schauen und die verletzte Seele erkennen, die Hilfe braucht. Im Kinderdorf wird seit Jahren traumapädagogisch gearbeitet. Dazu gab es nun eine interne Fortbildung.

Ohne Therapie bleibt eine Posttraumatische Belastungsstörung eine „Treibmine“ im inneren eines Menschen, die bei Aktivierung des „Auslösers“ „ in die Luft geht“. Das kann auch ein Geräusch, ein Geruch ein Gegenstand oder ein Verhalten sein. Beispiel: Das Kind, das auf das Geräusch auf der Treppe hin, panikartig um sich schlägt erlebt ausgelöst durch die Schritte, die Situation wieder, als der Gewalttäter es in seinem Zimmer heimsuchte. Dieser Mechanismus bleibt auch bei Erwachsenen aktiv.

STOL: Wie reagieren Erwachsene richtig auf zerstörerisches und aggressives Verhalten der Kinder?

Senoner: In der Regel reagieren Erwachsene konfrontierend ("Ich will das nicht!") oft auch zurechtweisend ("Was ist denn in dich gefahren, bist du verrückt?").

Geschulte Erwachsene helfen den Kindern und Jugendlichen auf sich acht zu geben, Anzeichen für einen aufkommenden Erregungszustand frühzeitig zu merken, dann können sie Kinder stabilisieren. Sie können mit Kindern einen „sicheren Ort“ konstruieren, in den Sich diese zurückziehen, wenn sie merken, dass der Erregungspegel steigt. Dieser Ort kann auch in der Vorstellung des Kindes oder Jugendlichen entstehen (z.B. die Decke ist ein Zelt aus unzerstörbarem „Panzergewebe“).
Wenn Kinder bereits nahe daran sind, die Kontrolle zu verlieren, können Erwachsene mit Mitgefühl reagieren, indem sie formulieren, was sie sehen: ich sehe, dass es dir gerade schlecht geht, du musst dich sehr unsicher/bedroht/ängstlich… fühlen.
Wenn die Bombe platzt, hilft oft nur noch, sich in Sicherheit zu bringen und nach der Verwüstung Verständnis zu zeigen ohne zu werten, ohne zu tadeln. Den Jugendlichen helfen, die zerstörte Welt wieder gemeinsam zu heilen. Wer möchte schon, wenn er gerade unabsichtlich etwas kaputt gemacht hat, auch noch dafür getadelt werden.

STOL: Wenn Kinder „austicken“, dann haben Erwachsene ein Problem. Doch viel entscheidender ist, die Kinder sind nicht schwierig, sie haben Schwierigkeiten. Eine Auffassung die man als Außenstehender oftmals übersieht?

Senoner: Diese Sichtweise ist also nicht selbstverständlich und muss gepflegt und geübt werden. Während wir in der Regel einem Kind oder Jugendlichen – z.B. in unserer Familie – das explodiert auch mal konfrontierend begegnen ("Ich will nicht, dass du so mit mir redest"), ist bei Kindern in einer Einrichtung stets Verständnis angebracht: Ich sehe, heut geht es dir gar nicht gut!

STOL: Wo kann ich als betroffener Hilfe finden? 

Senoner: Betroffene können bei spezialisierten Therapeuten, Psychotherapeuten und Körpertherapeuten Hilfe bekommen. Trauma bzw. die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) ist keine Krankheit, aber es braucht speziell ausgebildete Menschen, die Betroffenen aus der Klemme helfen. Ohne diese Hilfe wird leben sehr schwer und unsicher.

STOL: Was ist unter „traumapädagogischem Werkzeugkoffer“ zu verstehen?

Senoner: Alle Mitarbeiter des Südtiroler Kinderdorfes haben 2012/13 eine spezielle Ausbildung absolviert. Einige dieser Fachleute treffen sich regelmäßig in einer Arbeitsgruppe und tragen Methoden, Übungen, Erkenntnisse, zusammen, die im Umgang mit der Posttraumatischen Belastungsstörungen hilfreich sind.
Außerdem gibt es Anschauungsmaterial, wie die „Traumapuppe“, mit dessen Hilfe wir mit Kindern und Jugendlichen über ihre Schwierigkeiten reden können. Dies alles haben wir in dem traumapädagogischen Werkzeugkoffer zusammengetragen

Interview: Petra Kerschbaumer

stol