<b>Nach einem unerwarteten Todesfall stehen die Angehörigen oft unter Schock. Wie können Notfallpsychologen helfen?</b><BR />Erwin Steiner: Das Überbringen einer Todesnachricht stellt für die Überbringer zumeist eine erhebliche Belastung dar. Viele verspüren Unsicherheit oder Angst, nicht die richtigen Worte zu finden, den Betroffenen zusätzliches Leid zuzufügen oder sonst etwas falsch zu machen. Für die Angehörigen und die Empfänger ist die Todesnachricht eine einschneidende Information, durch die sich ihr Leben zum Teil radikal verändern kann. Die unmittelbaren Reaktionen sind oft heftig, vor allem, wenn die Nachricht überraschend kommt, zum Beispiel nach einem Unfall. Viele Angehörige sind schockiert, fassungslos, entsetzt oder beginnen zu weinen, was sich manchmal bis zu Wein- und Schreikrämpfen steigern kann. Andere werden sprachlos, schweigen, wirken apathisch oder verkrampfen sich. Die Verzweiflung und Hilflosigkeit kann in plötzlich gesteigerten Redefluss oder Aktionismus übergehen. Manche Angehörige reagieren zunächst ganz nüchtern und gefasst, stellen sachliche Fragen usw. Später können dann heftige Reaktionen folgen. Andere wiederum sind zunächst völlig ungläubig, leugnen den Tod oder werden wütend und aggressiv. Wir Notfallpsychologen helfen in dieser ersten Schockphase den Menschen dabei, das, was passiert ist, zu realisieren – und zwar auf eine Weise, dass in der Folge eine gesunde Verarbeitung stattfinden kann. Ziel ist eine gute Trauma-Erstversorgung. Man kann sich das vorstellen wie ein Wund-Management. Mit dem ersten Schrecken hält man die Wunde zu – und will verhindern, dass es blutet und schmerzt. Als Ersthelfer ist es da wichtig, diese Wunde gut und fachgerecht zu versorgen. Dabei versucht man, sehr schonend vorzugehen, indem man schaut, was die Menschen von sich aus bereits für Bewältigungsstrategien und welche Unterstützung sie haben. Diese versuchen wir dann zu fördern und zu aktivieren. Der Mensch ist schon von Natur aus mit allem ausgestattet, um selbst schwierigste Krisen zu meistern. Unser Ziel ist es, die Menschen wieder handlungsfähig zu machen, so dass sie wieder Stabilität erlangen.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="988108_image" /></div> <BR /><BR /><b>Was halten Sie vom Einsatz von Medikamenten wie etwa Beruhigungsmitteln, wenn jemand mit einer furchtbaren Nachricht konfrontiert wird?</b><BR />Steiner: Die Verführung dazu ist oft groß, zu sagen: Nimm doch ein Beruhigungsmedikament. Wenn jemand zu Medikamenten oder Alkohol greift, nur um seinen Gefühlszustand zu dämpfen, dann bleibt ein Mensch oft noch länger in dieser Ohnmacht gefangen – und man erreicht damit genau das Gegenteil. Wir versuchen, die Behandler zu sensibilisieren, hier sehr vorsichtig und schonend vorzugehen, was auch zunehmend mehr gelingt.<BR /><BR /><b>Was hilft Menschen in solchen Fällen in der Akut-Phase am meisten?</b><BR />Steiner: Weltweit hat sich in allen Untersuchungen gezeigt: Der menschliche Beistand ist die beste Medizin in der ersten akuten Krise. Die soziale Unterstützung steht vor den medizinischen und psychologisch-therapeutischen Maßnahmen. Der Mensch ist des Menschen beste Medizin. Die Aktivierung des sozialen Netzes ist das Um und Auf bei der psychologischen Ersten Hilfe. Wir Notfallpsychologen coachen das Umfeld und empfehlen den Betroffenen nahen Bezugspersonen, in den nächsten Tagen zu helfen, indem sie bei der betroffenen Person bleiben, viel Zeit mit ihr oder in ihrer Nähe verbringen, aufmerksam zuhören sowie ihre Unterstützung und ihr offenes Ohr anbieten, wenn sie nicht von selbst um Hilfe gebeten werden. Dem betroffenen Menschen sollte versichert werden, dass er in Sicherheit ist, man sollte ihm helfen bei täglichen Aufgaben wie Kochen, Einkaufen oder Kinder versorgen. Ärger oder ähnliche Gefühle sollten nicht persönlich genommen werden. Betont werden sollte, dass man den Betroffenen unterstützen und verstehen wolle.<BR /><BR /><b>Wie viele Notfallpsychologen sind in Südtirol im Einsatz?</b><BR />Steiner: Wir sind landesweit 20 Notfallpsychologen und wechseln uns beim 24-Stunden-Bereitschaftsdienst ab. 2023 waren wir im Zuge von 460 Alarmierungen gemeinsam mit der Notfallseelsorge bei jedem vierten Einsatz vor Ort. <BR /><BR /><b>Wie steht es mit der Ausbildung?</b><BR />Steiner: Alle 5 bis 7 Jahre organisieren wir eine Notfallpsychologie-Ausbildung. In Kürze startet eine spezifische Ausbildung in Zusammenarbeit mit den Universitäten von Innsbruck und Salzburg bei uns in Südtirol – mit hochkarätigen Referenten. Wir hoffen auch weiterhin auf die dringend notwendige finanzielle Unterstützung seitens der zuständigen Ämter, damit die Ausbildung für die motivierten jungen Kolleginnen und Kollegen leistbar ist.<BR /><BR />