Freitag, 15. April 2016

Merkel ermöglicht Strafverfolgung gegen Böhmermann

Nach langem Zögern ringt sich die Kanzlerin durch: Gegen den ZDF-Moderator Jan Böhmermann darf wegen seines Erdogan-Gedichts ermittelt werden. Mit der Entscheidung tut sich Merkel erkennbar schwer. Die SPD stimmt dagegen.

Jan Böhmermann
Jan Böhmermann

Die türkische Regierung hatte nach einem „Schmähgedicht“ Böhmermanns über den türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan die Strafverfolgung verlangt. „Im Ergebnis wird die Bundesregierung im vorliegenden Fall die Ermächtigung erteilen“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Freitag in Berlin.

Die schriftliche Erklärung von Freitag im Wortlaut:

„Die Bundesregierung hat heute entschieden, dass die Ermächtigung zur Strafverfolgung gemäß § 104a Strafgesetzbuch (StGB) erteilt wird. Beteiligt an dieser Entscheidung waren das Bundeskanzleramt, das Auswärtige Amt, das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz und das Bundesministerium des Inneren.
Das war eine schwierige Entscheidung. Für beide Alternativen gibt es gute Gründe. Die SPD-geführten Ressorts haben nach sorgfältiger Überlegung gegen die Erteilung der Ermächtigung gestimmt. Bei Stimmengleichheit entscheidet die Bundeskanzlerin. Wir sind der Auffassung, dass die Ermächtigung zur Strafverfolgung gemäß § 104a StGB nicht hätte erteilt werden sollen.

Meinungs-, Presse- und Kunstfreiheit sind höchste Schutzgüter unserer Verfassung. Wir erleben in diesen Tagen eine heftige Debatte über die Meinungs-, Presse- und Kunstfreiheit und ihre Grenzen. Die Diskussion darüber, wie wir in Deutschland unser Zusammenleben gestalten, wie wir Freiheit schützen und wo mögliche Grenzen liegen, ist wichtig.
Im Spannungsfeld zwischen öffentlich in Medien geäußerter Satire und dem Schutz der Ehre einzelner Personen ist in besonderem Maße die Zurückhaltung der Bundesregierung geboten. Das Grundgesetz schreibt eine weitgehende Meinungs-, Presse- und Kunstfreiheit vor, ebenso eine strikte Gewaltenteilung. Das ist gut so. Diese Grundsätze sind die Basis unseres demokratischen Gemeinwesens. Wir sind uns darüber einig, dass darüber, wo die Grenze zwischen Kunst und strafbarer Beleidigung verläuft, nicht die Regierung zu entscheiden hat, sondern die unabhängige Justiz.

Eine gerichtliche Prüfung wird ohnehin erfolgen: Präsident Erdogan hat einen Strafantrag wegen Beleidigung gestellt. Das ist sein gutes Recht. Es liegt jetzt allein bei der Justiz, über die weiteren Schritte in diesem Verfahren zu befinden auf der Basis von Recht und Gesetz und ohne jede politische Einflussnahme.
Unabhängig davon: Den § 103 StGB und den gesamten Abschnitt “Straftaten gegen ausländische Staaten„ wollen wir abschaffen. Die Sonderregelung der Beleidigung von ausländischen Staatsoberhäuptern ist aus der Zeit gefallen. Der Gedanke einer “Majestätsbeleidigung„ passt nicht mehr in unser Strafrecht.“

dpa

stol