Zur Bekämpfung des Messerbesitzes unter Jugendlichen sollen an Schulen künftig auch Kontrollen mit Metalldetektoren möglich sein: Das Innen- und das Bildungsministerium in Rom hat dazu am Mittwoch ein gemeinsames Rundschreiben an Schulbehörden und Präfekten herausgeben. <a href="https://www.stol.it/artikel/chronik/italien-metalldetektoren-vor-schulen-geplant" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">Hier lesen Sie mehr.</a><BR /><BR /> Thomas Kobler, Schulsozialpädagoge an der FOS Meran, erklärt im Interview, warum Technik keine sozialen Probleme löst und warum das System Schule dringend ein Update braucht.<BR /><BR /><b>Herr Kobler, das Unterrichtsministerium schlägt vor, Metalldetektoren an Schulen einzusetzen. Wie schätzen Sie diesen Vorstoß ein?</b><BR />Thomas Kobler: Dass Schulen diese Maßnahme freiwillig treffen können, halte ich für sinnvoll, da jede Schule und jede Direktion die Gefahrensituation vor Ort selbst am besten einschätzen kann. Man darf den Kontext einer Großstadt nicht mit dem einer Kleinstadt oder Dorf vergleichen. Dennoch bleibt diese Maßnahme am Ende reine Symptombekämpfung. Das Thema Gewalt und Waffen existiert, aber es ist kein neues Phänomen der letzten Monate. Durch die mediale Berichterstattung entsteht oft ein verzerrter Eindruck, als wäre die Situation heute viel schlimmer als je zuvor. Statistisch gesehen sind schwere Straftaten wie Raub oder Mord seit den 80er- und 90er-Jahren sogar zurückgegangen.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1268190_image" /></div> <BR /><BR /><b>Warum ist das Sicherheitsgefühl dann so negativ?</b><BR />Kobler: Das hat viel mit der subjektiven Wahrnehmung zu tun. Heute hat jeder ein Smartphone. Jeder Vorfall kann gefilmt und sofort verbreitet werden. Das hinterlässt einen ganz anderen Eindruck als früher, als man Geschichten nur vom Hörensagen kannte. Metalldetektoren können die Öffentlichkeit vielleicht kurzfristig beruhigen, aber sie schützen die Jugendlichen nicht außerhalb der Schule. Wenn ich in der Schule nicht mit dem Messer reinkomme, habe ich in der Freizeit trotzdem Zugang dazu. An den eigentlichen Ursachen ändert das nichts.<BR /><BR /><b>Was sind den aus Ihrer Sicht die Ursachen für Jugendgewalt?</b><BR />Kobler: Gewalt ist kein Phänomen der Herkunft. Es gibt weltweit keine Studie, die einen Zusammenhang zwischen Gewalt und Nationalität belegt. Hauptfaktor ist der soziale Ausschluss. Wenn Jugendliche keinen Zugang zu Bildung oder Freizeitangeboten wie Sportvereinen haben – oft, weil die Eltern finanziell unter Druck stehen oder beide voll berufstätig sein müssen –, suchen sie sich ihre Anerkennung und Selbstwirksamkeit woanders. Gewalt hat dann eine Funktion: Der Jugendliche will gesehen werden, er will Anerkennung in seiner Peergroup. Dahinter steckt meist Vernachlässigung, sei sie individuell-familiär oder strukturell-gesellschaftlich bedingt.<BR /><BR /><b>Wie ist Ihre Wahrnehmung der aktuellen Situation an Südtirols Schulen?</b><BR />Kobler: Ich kenne natürlich nur die Situation an meiner Schule aus erster Hand. Aber im Austausch mit Kollegen bekommt man auch einen Eindruck der Herausforderungen an anderen Schulen. An Mittelschulen im städtischen Gebiet sind diese oft besonders groß. Dieses Alter ist für Heranwachsende oft schwierig, die Grenzen zwischen Kind-Sein und Jugendlichem verschwimmen. In Meran hat vor einigen Jahren das Problem mit sogenannten Babygangs für Schlagzeilen gesorgt. Wir hatten wir damals ein Projekt, bei dem wir straffällig gewordene Jugendliche über Musik- und Videoprojekte begleitet und so eingebunden haben. Das war ein 360-Grad-Ansatz mit sozialpädagogischer Betreuung. Solche Projekte sind viel effektiver als kurzfristige Verbote.<BR /><BR /><b>Wo liegen derzeit die größten Baustellen im System Schule?</b><BR />Kobler: Wir beobachten eine Zunahme von strukturellen Problemen. Die Lebenshaltungskosten in Südtirol steigen massiv, die Gehälter ziehen nicht nach. Das drängt Familien an den Rand. In der Schule äußert sich das durch Absentismus, Substanzkonsum oder Gewalt. Das Problem ist: Das System Schule hat sich seit den 50er-Jahren kaum verändert. Wir haben immer noch 35 Wochenstunden, Frontalunterricht und einen enormen Leistungsdruck. Wer in dieses Raster nicht passt, fällt raus. Bei einer Schulabbrecherquote von rund zehn Prozent züchten wir uns ein dauerhaftes soziales Problem heran. Wenn diese jungen Menschen keine Perspektive haben, ist die Gefahr für Delinquenz viel größer. <BR /><BR /><b>Was müsste sich konkret ändern, damit Schulen wieder sichere und gesunde Orte werden?</b><BR />Kobler: Wir brauchen mehr Personal – und damit meine ich nicht nur Lehrkräfte. Wir brauchen Sozialpädagogen und Experten für Medien- und Sozialkompetenz direkt in den Klassen. Lehrer stoßen heute an ihre Grenzen: Sie müssen unterschiedliche Lernniveaus, Diagnosen und Sprachniveaus im Griff haben. Ihr Job ist die Wissensvermittlung, für die sozialen Themen braucht es Fachkräfte. Aber der Sektor ist unattraktiv geworden. Wer in Innsbruck studiert, geht oft nicht nach Südtirol zurück, weil er in Österreich oder Deutschland fast das Doppelte verdient. Wir haben es verpasst, rechtzeitig in die Attraktivität dieser Berufe zu investieren. Jetzt stehen wir vor einer Pensionierungswelle und uns fehlen die Leute. Wir können das Strafalter nach unten setzen oder Metalldetektoren aufstellen – aber solange wir nicht über die Struktur unseres Bildungssystems und die gesellschaftlichen Umbrüche diskutieren, lösen wir das Problem nicht. Wir müssen in Köpfe investieren, nicht in Maschinen.