<b>Interview: Ferruccio Delle Cave</b><BR /><BR /><b><BR />In Ihrem letzten Buch von 2025 „Mensch! Liebeserklärung eines verzweifelten Demokraten“ heißt es: „Ich bin der leidenschaftlichste Handelsvertreter der Freiheit“ – ein sehr anschauliches Bild, das viel von dem zusammenfasst, was an Themen und Motiven unserer Welt heute grundlegend ist. In Ihrem autobiographischen Buch „Fremd“ von 2022 gehören nicht nur Identität, Moral und gesellschaftliche Verantwortung, aber auch Fremdsein, Entfremdung, Zugehörigkeit zum Kern eines Lebens, in dem Sie Rassismus und Antisemitismus leidvoll kennengelernt und stets bekämpft haben. Und im Untertitel bezeichnen Sie sich als einen „verzweifelten Demokraten“? Wie ist das zu verstehen?</b><BR />Michel Friedman: Zwei Dinge: in „verzweifelt“ steckt das Wort „Zweifel“. Der Zweifel ist die Bedingung der Mündigwerdung von Menschen. Wir kennen das aus den totalitären Systemen, auch aus den Religionen. Sobald Menschen Zweifel an der Autorität des Autoritären haben und somit Fragezeichen benutzen, stellen sie dem Ausrufezeichen des Autoritären etwas entgegen, wovor genau dieses System Angst hat. Der wissende, der denkende Mensch stellt für autoritäre Systeme die größte Gefahr dar. Das Zweite: In diesem Zweifel ist der Beginn der Aufklärung, der Beginn des mündig werdenden Menschen, des Menschen, der nicht mehr des Glaubens wegen glaubt oder weil jemand ihm vorschreibt, das sei richtig oder falsch, gut oder böse, sondern weil man sich über Denken und Wissen zu emanzipieren beginnt. Daraus entsteht eine moderne Demokratie. Der Zweifel ist für das Demokratische konstitutiv, die Macht dabei permanent und qualifiziert anzuzweifeln, ist demokratische Grundbedingung. Die Portionierung der Macht ist ebenfalls eine conditio sine qua non des Demokratischen. Alles, was mit der Aufklärung, mit dem Zweifel zu tun hat, ist, dass man sich permanent in Kontrolle und Begründung wie auch in der Dynamik des Wissens auf den Weg macht. Aber was wir heute als Tatsache ansehen, kann sich in 20 Jahren als Irrtum erweisen. Das ist aber nur in einer Gesellschaft möglich, die sich durch Wissen ermutigt und nicht bedroht fühlt. Das zweite an der Verzweiflung ist der Schmerz, den ich empfinde, wenn Menschen, die heute in Freiheit leben, die Freiheit des Denkens aufs Spiel setzen.<BR /><BR /><b>Macht Sie das auch traurig?</b><BR />Friedman: Was mich traurig macht und zur Verzweiflung bringt, ist, mir vorzustellen, dass Menschen, die dieses gute Leben haben, einerseits bedroht werden, was ja nie aufgehört hat, weil es diese Gruppe immer gegeben hat, die den Zustand der Freiheit vernichten will; zudem auch, weil jene, die sie haben, sie nicht genug wertschätzen. Es kann nicht nur mir, sondern auch eben den jüngeren Generationen passieren, dass die Diktatur, ja das Autoritäre sie beherrschen wird. Das ist eine Verzweiflung im doppelten Sinn, weil ich weiß, dass es vermeidbar wäre, und weil ich spüre, das wir als Demokraten zu wenig tun, um dafür zu werben. Ich engagiere mich nicht primär, um Rechts- oder Linksextremisten oder irgendwelche Ismen zu bekämpfen, sondern ich engagiere mich als „Handelsvertreter“ der Demokratie, der so ein kleines Köfferchen dabeihat, in dem sich das Grundgesetz und die UN-Menschenrechts-Carta befinden. Was für eine revolutionäre Leistung des Menschen! Kein Parlament kann mir das mehrheitlich wegnehmen. Es gibt aber wieder Menschen und Parteien, die sich anmaßen, zu bestimmen, ob ein Mensch ein Mensch ist. Obschon wir uns das ja versprochen hatten, dass das nicht mehr eintreten darf! Wer trägt eigentlich die Verantwortung, dass es so ist, wie es ist? Ich kann einem Rechtsextremisten nicht vorwerfen, dass er die Demokratie zerstören will, aber ich kann einen Demokraten fragen, warum er sie zerstören lässt. <BR /><BR /><b>In „Fremd“ beschreiben Sie das Gefühl, Teil einer Gesellschaft zu sein und doch immer wieder als „anders“ gesehen zu werden. Fremd ist formal ein Langgedicht, andere bezeichnen es als einen autobiografischen „Roman“. Wie sehen Sie das?</b><BR />Friedman: Getroffen hat es der Literaturkritiker der FAZ, Horst Althaus, mein Buch „Fremd“ sei eine Form, die es so noch nicht gegeben hat. Ich betrachte das als Kompliment. Und alles, was dann über die Form des Buches formuliert wurde, zeugt von der Hilflosigkeit, sich intensiv mit dem Inhalt auseinanderzusetzen, zugegeben in einer Form, die mich selbst überrascht hat. Das war keine geplante Form, aus der heraus ich bewusst formuliert habe, sondern sie ist im Schreiben entstanden und gehört zur Gattung minimalistischen literarischen Schreibens. Zugleich zeugt es von Respekt, den ich immer dann spüre, wenn es um Sprache und das Wort geht. Ich lasse in diesem Buch dem Wort sehr viel Raum und den Lesern und Leserinnen die Möglichkeit, dieses Wort, wie sie es in ihrer Fantasie erleben, in Bilder umzusetzen. Jedes Wort hat eine Bedeutung und wird in seiner minimalistischen Form mit Liebe umhüllt. <BR /><BR /><b>Das macht ja auch dieses wunderbare Buch aus, dass es direkt zu uns spricht und uns, Szene für Szene, in einer komprimierten Sprache all das zusammenfasst, was wir über ein Menschenleben wissen können? </b><BR />Friedman: „Fremd“ ist ja auch auf den wichtigsten deutschen Bühnen in Szene gesetzt worden, etwa am „Gorkitheater“, beim „Berliner Ensemble“ und an den „Kammerspielen“ in München. Jetzt erhebt sich die Frage, ob dies ein Theatertext sei. Ich habe keine Ahnung, bin allein für das geschriebene Wort verantwortlich. Ob man es so oder so lesen kann, weiß ich nicht, bin aber als Autor verpflichtet, den Leserinnen und Lesern die volle Autonomie zu überlassen. Was dann daraus gemacht wird, liegt nicht mehr in meinen Händen. <BR /><BR /><b>Beide Bücher sind große Geschenke und sie haben mir geholfen, Ihrer Gedankenwelt näherzukommen. Das zutiefst Menschliche, das Fremdsein, wie es beginnt und sich von Tag zu Tag verstärkt, ist in diesem Buch so unmittelbar greifbar... </b><BR />Friedman: Selbstverständlich hat das auch mit der Erfahrung des jüdischen Menschen zu tun. Da ich nun auch Philosoph bin, hat sich mir immer die Frage nach der Existenz an sich und nach der des Menschen an sich gestellt, der bereits in sich selber ein Fremder ist und bleibt. Wir kennen ja alle den Moment, an dem wir am liebsten den Reißverschluss aufreißen würden, um in uns hinein kriechen zu können. Daneben haben wir ja ein Gehirn, das uns unser Bewusstsein einsetzt. Wir konstituieren permanent die Welt, in der wir leben, und tun dies nicht nur bewusst, sondern das Unbewusste, der Affekt, der Kontrollverlust ist eigentlich das Leben. Viele haben Angst vor dem Fremden, weil der Fremde das Fremde in einem selbst erwachen lässt. Das sind Elemente, die man verdrängt hat. Das Verhältnis von uns Menschen an sich, dass wir uns begegnen und uns zueinander fremd fühlen: Wie soll man einem anderen gegenüber nicht fremd bleiben, wenn man ein Leben lang sich selbst fremd ist? Das soll jetzt aber nicht depressiv klingen, sondern helfen, mit Worten aufklärerisch auch Gefühle zu formulieren, denn nach wie vor determiniert uns nicht die Vernunft, sondern archaisch über Jahrtausende das Emotionale. <BR /><BR /><b> Emotion und Vernunft gleichermaßen?</b><BR />Friedman: Wir haben uns, zumindest im deutschsprachigen Raum, mit Gott <b>Kant</b> „verkantet“. Die rationale Ebene zu erarbeiten, ist und bleibt ja unverzichtbar. Aber wir haben dabei vergessen, dass wir uns auch eine emotionale Intelligenz erarbeiten müssen. Unsere Gefühle setzen uns weitaus mehr in Bewegung und führen uns mehr als das Wissen zu Entscheidungen. Dies antizipiert ein nie Ankommen können, dass das Leben nie zu einer Wahrheit führt. Ich nenne mich oft einen Sisyphos der Demokratie. Da drängt sich die Vorstellung eines Menschen auf, der immer wieder erleben muss, dass er hinaufsteigt und oben dann der Stein wieder herunterrollt. Irgendwie stelle ich mir in 15.000 oder 20.000 Jahren vor, dass irgendein Sisyphos den Stein nicht mehr über den Berg herunterrollt. Ich wünsche aber der Menschheit einen Sisyphos, der ganz kurz danach wieder herunterkommt. Das Schlimmste ist nämlich ein innerer Stillstand, das wäre die Synonymisierung der Hoffnung, die Wahrheit gefunden zu haben, und das ist wieder autoritär. Wenn Sie sich in sich als fremd verstehen und das positiv übersetzen wollen, dann heißt das, dass ich mich weiter auf den Weg machen muss, um meine Neugier an dieser Welt als Möglichkeit zu erkennen, Erfahrungsprozesse in Gang zu setzen. Die Isolation in sich und in seiner Gruppe ist der Stillstand des Seins. In einer dynamischen Welt bedeutet Stillstand Rückschritt. Deshalb glaube ich, dass man dann, wenn man sich unwohler als nur wohl fühlt, sein eigenes Leben immer noch selbstermächtigter führt, als wenn man stehen bleibt. Auch ich habe die Sehnsucht nach Harmonie. Aber Harmonie gibt es nicht, wenn nur für eine Mikrosekunde. Die Disharmonie, der Konflikt und der Streit, das Zusammenprallen vieler Perspektiven, auf Wissen basiert, sind die Elemente, die einen Gegenpol zur Lügenwelt der neuen Autokraten bilden. <BR /><BR /><b>In Ihrem Buch kommt ja auch der Begriff Tod vor. Wie ist das zu verstehen? </b><BR />Friedman: Ich muss hier gestehen, dass ich eigentlich ein sehr trauriger Mensch bin, ein Mensch, der in Lebenstrauer lebt. In „Fremd“ schreibe ich, dass ich auf einem Friedhof geboren bin. Diese Erfahrung hört ja in meinem Lebe nicht auf. Andere Menschen, seien sie Weiße oder Schwarze, weibliche Menschen, muslimische oder christliche werden auf das Frau-Sein reduziert statt auf das Mensch-Sein. Das erlebe ich mein ganzes Leben. Dieser Zustand wurde dann von denen, die den Holocaust gedacht, erfunden und durchgeführt haben, radikalisiert. Dies begleitet mich permanent in meinem Leben. Und die Rückschläge sind enorm. Aber wenden wir uns wieder dem Thema der „Verzweiflung“ zu. Ein Therapeut würde mich einen „optimistischen Depri“ nennen. Mit 50,01 Prozent stehe ich jeden Morgen auf und mach mich wieder auf den Weg als „Handelsvertreter“ mit meinem kleinen Köfferchen und sage, schaut euch diesen Text an: Der Mensch ist im Mittelpunkt, er ist frei, er ist gleich.<BR /><BR />Aber wenn wir uns auf den Weg machen und das als unsere Wegbeschreibung haben, dann wird es uns immer besser gehen, als wenn wir nur verachten und hassen. Der narzisstische Mensch der Gegenwart denkt nur an sich und an sein Leben. Es kann auch sein, dass das nicht funktioniert und die Menschen in einem Freiheitselend zugrunde gehen. <BR /><BR /><b>Und doch findet sich Optimismus</b>...<BR />Friedman: Die Demokratie ist bis heute nicht untergegangen. Daher kommt mein Optimismus: Nehmen wir ein Land wie Ungarn, das 16 Jahre autokratisch regiert wurde. <b>Orban</b> hatte nicht genug Zeit, die Wahlen abzuschaffen, und jetzt kommt der Optimismus, er ist abgewählt, friedlich abgewählt. Wenn ich mir <b>Donald Trump</b> anschaue, stellt sich mir auch da die Frage: Wird er genug Zeit geben, Recht und Gesetz in den USA den Gnadenstoß zu versetzen? <BR /><BR />Ja, die schlechteste Demokratie ist immer noch besser als die beste Diktatur, denn so hat der Bürger immer noch die Möglichkeit, die Macht zurückzuweisen. Auch in der schlechtesten Demokratie gilt der Satz: Jeder ist jemand, auch wenn dieses Prinzip in der Praxis immer mehr mit Füßen getreten wird. Die Freiheit ist ein Gedanke, der durch jeden Menschen in der Umsetzung dessen, was als Selbstermächtigung durch die Freiheit möglich wird, mit Verantwortung gekoppelt ist. In der Freiheit kann ich Sie für Ihr Handeln verantwortlich machen, aber in der Freiheit gibt es überhaupt keine Rechtfertigung mehr, warum Sie z.B. eine antidemokratische Partei wählen. Nun wird die Freiheit von vielen Mensch gar nicht so wertgeschätzt. Und so stellt sich die Frage, wie viel ist mir meine Freiheit wert? Letztendlich handelt der Mensch ökonomisch: Wir wägen permanent ab, was es wert ist, in Freiheit zu leben. Nimmt man das kulturelle Gedächtnis des Menschen, so ist der Mensch über 1000 Jahre im Lebensmodell autoritärer Systeme in Erinnerung. In Erinnerung sind dabei auch die Katastrophen, die dem autoritären Stil erwachsen sind. Dem gegenüber steht „ein Embryo“, das sich Freiheit nennt und damit auch Selbstverantwortung. Die ist in Jahrtausenden den Menschen genommen worden; wir kennen das aus den Religionen, die dann das Paradies oder die Hölle anbieten. Dasselbe gelten für weltliche Systeme, die Belohnungs- und Bestrafungssysteme. Nur kurze Zeit, ca. 300 Jahre, kommt der Gedanke des autonomen Menschen auf, der in Freiheit seine Selbstermächtigung in seinem Leben genießen darf, aber nicht konfliktfrei und zusammen mit anderen Menschen, was eben anstrengend ist und Kosten hat. Freiheit ist das Nicht-Selbstverständliche in der Vergangenheit und auch heute. Was die Freiheit in der Demokratie der Sauerstoff ist, wird aus der Sicht autoritärer Regime zu einer hochgefährlichen Giftmischung. Und so schlägt jetzt für uns alle die Stunde der Wahrheit: wie viel ist es mir wert, frei zu leben? <h3> Zur Person</h3>Michel Friedman war von 1994 bis 1996 auch Mitglied des CDU-Bundesvorstands, von 2000 bis 2003 stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland und Herausgeber der „Jüdischen Allgemeinen“ sowie von 2001 bis 2003 Präsident des Europäischen Jüdischen Kongresses. Seit 2016 ist er Honorarprofessor für Immobilien- und Medienrecht an der Frankfurt University of Applied Sciences.