Samstag, 17. Oktober 2020

„Mit 27 Jahren Brustkrebs – unmöglich“

Evelyn Tasser, 28-jährige Ahrntal-erin und Mutter von 2 Buben, ist an Brustkrebs erkrankt. Ihre Art, die Krankheit zu bewältigen ist nicht sich einzuigeln, sondern bewusst ein Netzwerk betroffener junger Frauen aufzubauen, um Menschen mit dem gleichen Schicksal zu helfen und sich gegenseitig zu stützen.

Evelyn  ist fest entschlossen, den Kampf gegen den Krebs zu gewinnen und möchte viele Frauen ermutigen, es ihr gleich zu tun.
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Evelyn ist fest entschlossen, den Kampf gegen den Krebs zu gewinnen und möchte viele Frauen ermutigen, es ihr gleich zu tun.
Sie nennt es „weibliche Intuition“, dieses Gefühl, das sie im März überkam, auch ohne eindeutige Signale zu einer Frauenärztin wegen eines Brustultraschalls zu gehen. „Zuvor hatte ich noch nie einen gemacht und mich auch ehrlich zugegeben nie abgetastet. Wird schon nichts sein, dachte ich mir immer und hab's dabei belassen“, sagt Evelyn.

Weil wegen Corona die normale Tätigkeit in den Ambulatorien auf ein Minimum heruntergefahren worden war, dauerte es einen Monat bis zur Untersuchung.

„Beim Abtasten versicherte mir der Arzt, dass ein Ultraschall nicht nötig sei und ich mir keine Sorgen machen soll. Ich bin eh noch viel zu jung“, erzählt sie.

Mit einem mulmigen Gefühl fuhr Evelyn von dieser Untersuchung nach Hause. Dann kam der harte Schlag: „2 Wochen später entdeckten wir den Knoten im Bügelbereich; etwa so groß wie eine kleine Traube. Die Haut war gerötet, sogar leicht bläulich“, erinnert sie sich.

Untersuchungen bei Frauenarzt und Krankenhaus

Es folgte eine weitere Untersuchung beim Frauenarzt und die Einweisung ins Krankenhaus für die Entnahme einer kleinen Probe aus dem Knoten. Dann die Diagnose: Brustkrebs.

Evelyn kann es nicht glauben: „Mit 27 Brustkrebs? Für mich nicht vorstellbar.“

Evelyn fühlte sich nicht krank, konnte Lachen und beobachtete ihr „Knepfl“, wie sie den Knoten ab sofort nannte, weiter.

„Aber“, so wirft sie ein, „es verändert doch. Man genießt die Zeit nun mehr und schätzt die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Bestimmte Alltagsprobleme gibt es fast nicht mehr“.

In jenen Tagen grübelte sie sehr über die Frage nach, wie sie es ihren beiden Buben erklären kann, dass die krank ist. Doch sie musste gar nicht viel erklären. „Ein kleines Pflaster, das ich mir anfangs aufgeklebt habe um zu vermitteln, „Mama hat aua„, war ausreichend. Sie verstanden mich ohne Worte“, erzählt sie. „Sobald ich mich hinsetzte rannten sie schon um die Wette, wer mir mein Herzkissen bringen darf; sie nehmen mich in den Arm, wenn ich's dringend brauche und mahnen Papa leise zu sein – “Mama muss rasten„“.

Die schlimme Zeit nach der Diagnose

Die Diagnose „Brustkrebs“ zu bekommen sei für sie ein Schock gewesen. „Die wirklich schlimmste Zeit waren die Tage nach der Diagnose; die Ungewissheit, das Zittern, die vielen Gedanken, die Flut an Informationen zu OP-Möglichkeiten, zu den Terminen für gefühlte 100 Untersuchungen, bis dann endlich die Ergebnisse da waren“. Dann war klar, dass Entscheidungen schnell gefällt werden mussten.

Krebs ist ein „Sch…thema“ sagt sie. Niemand spricht gerne darüber. „Auch ich hatte am Anfang Angst, mehr als vor der Krankheit selbst vor der Gesellschaft. Die Sorge war groß, wie ich's meinem Umfeld erklären kann; klarmachen kann, dass es mir gut geht. Ich wollte nicht, dass man denkt, die hat Krebs, der geht's nicht gut, die hat es sicher schwer, und, und, und“.

Der Krebs gehöre nun zu ihr, aber sie sei deshalb immer noch die gleiche Person, unterstreicht sie.

Evelyn beschließt, ihre Erkrankung öffentlich zu machen. In ihrem Instagram-Blog „itsme.ev“ oder über ihre eigene Mailadresse [email protected] ruft sie „alle Mädels da draußen“ auf: „Gebt auf euch Acht, nehmt euch zwischendurch ein paar Minuten Zeit, hört auf euer Bauchgefühl und geht regelmäßig zu den Kontrollvisiten!“

Inzwischen haben die regelmäßigen Chemo-Therapien begonnen. Müdigkeit, Übelkeit; die Haare, die Nägel, die Mundschleimhaut, der Geschmacksinn und sogar das Feingefühl in den Finger- und Zehenspritzen werden angegriffen.

Evelyn weiß sich zu helfen und gibt den Betroffenen sogar Tipps: Mit Heilerde gegen Pickel, Zitronenöl gegen Übelkeit und ein kleiner Waldspaziergang für gute Gedanken.

Der Verlust der Haare ist für eine Frau die wohl einschneidendste Veränderung. „Dadurch wurde mir aber nicht etwa meine Weiblichkeit genommen, sondern mir noch mehr Stärke gegeben um die restlichen Hürden zu meistern“, sagt Evelyn.

Ende Juli wandert Evelyn trotz beeinträchtigter Kondition zum Gipfelkreuz am Faden in St. Peter, ihrem Lieblingsplatz, und fühlt sich überglücklich dabei.

„Ja, man darf auch mal stolz auf sich selbst sein; es ist sogar wichtig, denn so schafft man die nächsten Hürden viel leichter“, findet sie zurecht. „Mit positiven Gedanken und Durchhaltevermögen kann man Berge versetzen, bzw. erklimmen.“

Evelyn vergleicht auch ihren bisherigen Weg mit einer Gipfeltour. „Sobald ein Ziel erreicht ist, kann man einen Haken dahinter setzten und sich freuen“, sagt sie.

Die Therapie blieb auch nicht ohne Folgen. Sie wird vergesslicher, die Nerven liegen oft blank, immer öfter fühle sie sich schlapp, müsse sich hinlegen und habe dabei Angst, Zeit, die sie mit ihren Lieben verbringen könnte, zu verschlafen.

Haushalt - was ist das? Und sollte jemand Nerven finden – das sind meine; also her damit“, so beschreibt Evelyn ihre Gefühlslage in der zweiten Hälfte der ersten Chemotherapie.

In dieser Zeit fühlt sie die Kraft ihres Partners besonders: „Er leistet Großes, nimmt mir Aufgaben ab und erträgt meine Launen“, sagt sie.

„Wohin ist die langhaarige Brünette verschwunden?“

Inzwischen, es ist Anfang Oktober, und ein halbes Jahr her, seit Evelyn ihr „Knepfl“ entdeckt hat. „Wenn ich momentan morgens in den Spiegel schaue erkenne ich mich fast nicht wieder. Wohin ist die langhaarige Brünette verschwunden? Einen kleinen Augenblick ertappe ich mich dabei, wie ich es vermisse, mir durch die Haare fahren zu können; einfaches Haare waschen; den Wind in den Haaren zu spüren“.

Solche negativen Gedanken dauern aber nicht lange: „Dann nehme ich die Schultern zurück, hebe den Kopf und schenke mir ein Lachen“. Sobald sie ihre Wimpern aufgeklebt, die Haare auf dem Kopf, etwas Make-up aufgetragen hat und sich dabei über ihre Augenbrauen freut, „ist es auch schon wieder vergessen“. Ihre Microblading-Augenbrauen hat Evelyn unmittelbar vor Beginn der Chemotherapie sehr kurzfristig von Expertin Siegrid Baumgartner bekommen und sie bedeuten ihr viel.

Im Rückblick auf diese 8 Monate „Achterbahnfahrt“ sagt Evelyn, dass es manchmal eine echte nervliche Zerreißprobe war. Nun ist sie am Ende ihrer Chemotherapie angelangt und „verdammt glücklich“.

Im November steht die Endoperation an, wo das Brustgewebe entnommen und mit Silikonkissen ersetzt wird. Dann folgen noch einige Bestrahlungen und die 5-jährige Hormontherapie, „die mich schön in die Wechseljahre versetzen wird“.

Positiv in die Zukunft

Aber Evelyn schaut positiv in die Zukunft. „Ich habe schon so viel geschafft und werde mich nicht unterkriegen lassen. Natürlich gehören nun Angst und Sorgen zum täglichen Leben dazu und so schnell wird sich das auch nicht ändern, aber mit der Zeit wird es sicherlich besser, hofft sie. Man muss seine Ängste in Mut umwandeln und wieder anfangen zu vertrauen. Mir geht es gut und ich habe das Glück kämpfen zu dürfen und mein Leben zu genießen.“

Dass sie, gestärkt von ihrer Familie, von Anfang an offen über ihre Krankheit mit anderen redet hat sie noch nie bereut. Im Gegenteil: „Ich konnte schon einige Frauen aufmuntern. Es sind die positiven Kleinigkeiten die großartiges bewirken können“.

Aus ihrer eigenen Erfahrung und aus dem Austausch mit anderen Frauen, hat sie eine kurze aber eindringliche Botschaft: „Egal ob mit 24 oder mit 44; folgt euer weiblichen Intuition und geht zur Vorsorgeuntersuchung, denn bei Brustkrebs kommt es auf Wochen, ja auf Tage an!“

mt

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