Donnerstag, 15. Februar 2018

Mit Orang-Utans unterwegs in Borneo

Auf Borneo gibt es heute 150.000 Orang-Utans weniger als vor eineinhalb Jahrzehnten. Tierschützer versuchen, die Affen vor dem Aussterben zu retten. Was aber auch nicht verhindert, dass einer unserer nächsten Verwandten plötzlich vom Himmel fällt.

Tierschützer versuchen, die Orang Utans vor dem Aussterben zu retten.
Tierschützer versuchen, die Orang Utans vor dem Aussterben zu retten. - Foto: © shutterstock

Mit der Freiheit kann es Agis jetzt gar nicht mehr schnell genug gehen. Zwei lange Sätze und dann sofort den Baum hoch, bis ganz nach oben. Ist aber auch kein Wunder, wenn man die letzten 24 Stunden in einem Käfig auf der Ladefläche eines Geländewagens und dann auf einem Boot verbringen musste. Vor allem aber, wenn es mehr als zehn Jahre her ist, dass man als Orang-Utan das letzte Mal im Dschungel war.

Nun sitzt das 40-Kilo-Tier auf der Insel Borneo im Nationalpark Bukit Baka Bukit Raya in der Krone eines Bintangor-Baums und verfolgt einigermaßen majestätisch, wie drei weitere Affen, die den gleichen langen Weg hinter sich haben, von der Tierschutzorganisation Borneo Orangutan Survival (BOS) in die Freiheit entlassen werden. Drei Mal die gleiche Szene: raus aus dem Käfig, rein in den Baum und hoch, bis nach oben.

Orang bedeutet Mensch

Aber schließlich ist das ja auch der Ort, wo Agis und ihre Artgenossen hingehören. „Orang“ bedeutet „Mensch“, „Utan“ heißt „Wald“. Waldmenschen also. Die Orang-Utans brauchen die Kronen der Regenwälder, um zu überleben. Dort oben bauen sie ihre Nester, suchen ihre Nahrung. Herunter kommen sie selten. Auch Agis macht keine Anstalten, sich wieder blicken zu lassen. Vermutlich die bessere Entscheidung: Nach einem neuen Regenguss versinkt hier unten gerade alles im Gatsch.

Nur, dass es auf Borneo und der Nachbarinsel Sumatra immer weniger Bäume für die Menschenaffen gibt. Im letzten Jahrzehnt wurden mehr als sieben Millionen Hektar Regenwald abgeholzt und abgebrannt. Anstelle des Dschungels wachsen jetzt Palmöl-Plantagen: eintönige Felder, auf denen in streng geometrischer Ordnung Palmen der Superlative herangezüchtet werden, bis zu 30 Meter hoch, mit riesigen Blättern und tausenden Früchten.

Problem Palmöl

Von den zwei Inseln kommt ein Großteil des Palmöls, das die Welt verbraucht. Das hochwertige Fett ist vielseitig brauchbar. Es steckt in Tiefkühlpizzen, Lippenstiften, Biodiesel, Schokolade, Speiseeis. Indonesien und Malaysia sind die beiden wichtigsten Produzenten. Von jährlich weltweit mehr als 60 Millionen Tonnen kommen 85 Prozent von dort. Die Regierungen loben die Konzerne, weil sie Steuern und Arbeitsplätze bringen. Für Tier- und Umweltschützer sind sie ein Hassobjekt.

Die Gesetze zum Schutz der Wälder sind immer noch recht lax. Ein Moratorium, das die Vergabe von neuen Konzessionen einschränken sollte, hat nicht viel gebracht. Der Chef der BOS-Stiftung, Jamartin Sihite, sagt: „Hier kommst du ins Gefängnis, wenn du einen Orang-Utan umbringst. Aber wenn du einen ganzen Wald abholzt und der Orang-Utan daran krepiert, passiert dir überhaupt nichts.“

Für die Menschenaffen, deren Erbgut zu rund 97 Prozent dem unsrigen gleicht, könnte die Vernichtung der Wälder tatsächlich das Ende bedeuten. Mitte des 19. Jahrhunderts war Borneo fast vollständig von Wald bedeckt, heute ist es das nur noch zur Hälfte. Die letzten Jahre waren besonders schlimm: Im Vergleich zu 1999 – so heißt es in einer aktuellen Studie – ging die Zahl der Orang-Utans allein auf Borneo um fast 150.000 zurück. Heute, so schätzt man, leben dort noch zwischen 50.000 und 100.000. Die genaue Zahl kennt niemand.

Längst stehen die Affen auf der Roten Liste

Auf Borneo gelten sie als stark gefährdet, auf Sumatra gar als vom Aussterben bedroht. Die Wissenschaft schlägt Alarm. „Weitere 45.000 Orang-Utans könnten in den nächsten 35 Jahren allein durch die Zerstörung ihrer Lebensräume verschwinden“, heißt es in der Studie, an der das Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig mitgewirkt hat.
Soweit die Zahlen. Man kann die Geschichte aber auch in Einzelschicksalen erzählen. Agis zum Beispiel, die nun oben im Baum thront, wurde von einem Dorfbewohner auf Borneo sieben Monate lang als eine Art Ersatzkind gehalten, bis sie 2006 gerettet wurde. Damals wog sie achteinhalb Kilo, hatte Malaria und Typhus und kaum noch Haare.

Pong, der jüngste der vier, wurde in einem anderen Dorf entdeckt, in einem winzigen Käfig aus Holz. Sein Besitzer behauptete, ihn auf einer Palmöl-Plantage gekauft zu haben. Jaka gehörte einem Palmöl-Arbeiter – angeblich hatte er sie auf einem Feld gefunden. Bei Rutan kennt man das Schicksal nicht so genau. Gemeinsam ist allen vier Affen, dass sie die letzten Jahre in Nyaru Menteng verbrachten.

Dort steht eine von zwei Rettungsstationen, die die gemeinnützige BOS-Stiftung auf einem Grundstück der Regierung schon seit fast 20 Jahren unterhält. Mehr als 450 Menschenaffen sind hier untergebracht. Die meisten sollen eines Tages wieder zurück in den Dschungel. „Wir sind das größte Orang-Utan-Heim der Welt“, sagt BOS-Chef Jamartin (52). „Aber wir hoffen, dass wir irgendwann das kleinste sein werden.“

Waldschule für die kleinen Orang Utans

Es gibt praktisch alles: einen Kindergarten, wo die kleinen Affen in Wäschekörben schlafen, eine „Waldschule“, wo den etwas älteren von menschlichen Ersatzmüttern beigebracht wird, wie man Nahrung besorgt und Nester baut, aber auch ein Krankenhaus und sogar einen Friedhof nur für Orang-Utans. Und Käfige für die hoffnungslosen Fälle: Tiere, die so geschädigt sind, dass sie nicht mehr in die Freiheit können. Deren Trakt nennen sie hier „Guantanamo“.

Das schlimmste Schicksal hat wohl Poni hinter sich. Die 20 Jahre alte Affendame wurde 2003 in einem Bordell entdeckt. Die Besitzerin hatte ihr Ringe und Halsketten umgehängt und das Fell komplett geschoren, damit sie auf Freier menschlicher wirkt. Man mag ihr kaum in die Augen schauen. Poni krankt an einem Menschenleiden, einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Im Wald hätte sie keine Chance.

Aber es gibt auch Tiere, die sich erholt haben. Wie Taymur, den ein Araber für angeblich 50.000 US-Dollar kaufte, nach Kuwait brachte und dort als Haustier hielt. Sogar das Rauchen brachte er ihm bei. Als Taymur auf die Station kam, war er nikotinsüchtig. Heute klettert er mit Altersgenossen unter Aufsicht seiner Ersatzmutter putzmunter durch den Wald. Sri Rahayau, eine der Pflegerinnen, meint: „Eigentlich gibt es keinen großen Unterschied, ob man nun ein Kind oder einen Orang-Utan aufzieht.“

Finanziert wird das Projekt durch Spenden aus aller Welt

Über die deutsche BOS-Sektion haben mehr als 2.700 Leute Patenschaften übernommen. 25 Euro kostet das im Monat. Auch aus der Schweiz und aus Dänemark kommen regelmäßig größere Summen. BOS schätzt, dass ein Tier monatlich etwa 240 Euro kostet.

Vor ein paar Monaten hat BOS sogar damit angefangen, mit der Palmölindustrie zusammenzuarbeiten. Der Agrarkonzern PT Sawit Sumbermas Sarana (PTSSS) beteiligte sich am Kauf einer Insel, auf der die Affen noch Zeit in einer Art Dschungelcamp verbringen, bevor sie endgültig freikommen. Aktuell leben auf der 20 Quadratkilometer großen Insel Salat, eineinhalb Autostunden von der Station entfernt, etwa 30 Tiere.

Bis es soweit war, gab es unter den Tierschützern viele Diskussionen. Daniel Erlemeier, ein Deutscher, spricht von einem „schwierigen Spagat“. Jamartin sagt: „Wir können die Orang-Utans nicht allein retten. Also muss die Industrie Teil der Lösung werden.“ Der Vorstandsvorsitzende des Konzerns, Vallauthan Subraminam, meinte in einem Interview: „Wir müssen anfangen, unsere Fehler zu beheben. Ich denke, dass wir nebeneinander existieren können.“ Inzwischen kommt auch Geld von einem anderen Konzern.

Allerdings sieht der allergrößte Teil der Palmölindustrie bis heute keine Veranlassung, in solchen Programmen selbst etwas zum Schutz der Orang-Utans beizutragen. Andere Umweltschützer werfen BOS deshalb vor, den Konzernen zu helfen, sich für verhältnismäßig wenig Geld von ihren Sünden weißzuwaschen – oder vielmehr grünzuwaschen, wie das in der Szene heißt.

Gemma Tillack vom Netzwerk Rainforest Action Network meint: „Solche einzelnen freundlichen Akte machen nicht ungeschehen, was passiert ist. Und sie retten die Orang-Utans nicht vor der Vernichtung.“ Wenn es die Konzerne wirklich ehrlich meinten, müssten sie sich auf eine bindende Verpflichtung einlassen, mit der Abholzung aufzuhören. Dazu ist bisher, was auch die Leute von BOS zugeben, niemand bereit. So hat die Auswilderung viel von Sisyphus-Arbeit. So viele Orang-Utans, wie Jahr für Jahr verschwinden, können gar nicht ausgesetzt werden. Trotzdem machen die Tierschützer weiter.

2017 wurden 75 Affen wieder in die freie Natur gebracht

Dieses Jahr sollen es doppelt so viele sein. Manchmal werden die Tiere sogar mit Regierungshubschraubern in den Dschungel geflogen. Der Käfig hängt dann unten an einem Seil. Das ist nicht ungefährlich, für beide Seiten nicht. Im Dezember machte ein männlicher Orang-Utan gleich nach der Freilassung kehrt und ging auf Käfig und Helfer los.

In der Regel geschieht die Freilassung auf viel umständlicherem Weg: über viele hundert Kilometer, zunächst mit Geländewagen und Fähre, dann per Boot tief hinein in den Dschungel und schließlich die letzten Kilometer zu Fuß. An einer solchen Expedition sind mehr als zwei Dutzend Leute beteiligt. Viele tragen T-Shirts mit dem Schriftzug „Orangutan Warriors“ („Orang-Utan-Krieger“).

Bevor es losgeht, bekommen die Affen von einem Tierarzt zur Betäubung eine Mischung aus Ketamin und Xylazin gespritzt. Dann werden sie noch einmal gründlich untersucht. Wenn sie nach einer halben Stunde wieder wach werden, sind sie schon im Käfig. Als Verpflegung liegen Blätter, ein paar Kolben Mais, ein paar Stauden Bananen auf dem Boden. Die Pfleger versorgen sie auch regelmäßig mit Wasser. Alle zwei Stunden wird gestoppt.

Unglaubliche Kräfte

Trotzdem wirken die Orang-Utans, wenn sie für den Transport ein letztes Mal zurück im Käfig sind, einigermaßen empört. Wenn sie an den Gittern rütteln, bekommt man eine Ahnung davon, welche Kräfte sie entwickeln können. Es gibt aber auch stille Momente, in denen sie sich die Hand reichen lassen. Als Mensch bekommt man dann wieder das „Einer-von-uns“-Gefühl.

Vor der Freilassung bekommt jeder Affe einen Sender in den Nacken gepflanzt, dessen Batterie etwa zwei Jahre hält. Damit lässt sich aus der Ferne verfolgen, wo sich das Tier im Dschungel hinbewegt. Nach der BOS-Statistik liegt die Erfolgsquote bei 85 Prozent. Heißt: Von 100 ausgesetzten Affen sind nach zwei Jahren noch 85 am Leben. Sieben Orang-Utans bekamen im Dschungel auch schon Nachwuchs.

Trotzdem gibt es Leute, die der Meinung sind, dass der Aufwand sich nicht lohnt. Die Umweltstiftung Borneo Futures findet, dass damit von der Vernichtung der Wälder abgelenkt wird. Der Experte Michael Krützen von der Universität Zürich (UZH) hält die Auswilderung „generell für sinnvoll“. „Allerdings muss man den ausgewilderten Tieren einige Jahre folgen, um zu sehen, wie sie sich entwickeln. Oder drastischer gesagt: ob sie überhaupt überleben.“

In der Tat lauern nach all den Jahren in der Station Gefahren verschiedenster Art

Die Menschenaffen müssen sich an ihre eigentliche Heimat erst wieder gewöhnen. Zudem gibt es neben den natürlichen Feinden auch Wilderer. Im Jänner wurde ein toter Orang-Utan in einem Fluss gefunden, dem Trophäenjäger den Kopf abgeschnitten hatten. Einem anderen schossen Jäger vergangene Woche 130 Kugeln in den Leib. Der Glaube, dass Orang-Utans – ob tot oder lebendig – besondere Kräfte verleihen, ist immer noch verbreitet.

Manchmal bekommt man gleich bei der Auswilderung einen Eindruck, wie gefährlich das Dschungelleben sein kann: Ein paar Minuten nach der Freilassung von Agis und ihren Gefährten raschelt es plötzlich im Blätterwald. Alles schaut nach oben – zu sehen ist, wie Agis, die eben noch so majestätisch in der Krone saß, den Stamm entlang 15 Meter nach unten stürzt und bewegungslos liegenbleibt. Vermutlich hat sie die Tragfähigkeit der Äste unterschätzt.

Ein paar Sekunden stehen alle erschrocken um sie herum. Lebt sie noch? Ist sie verletzt? Geht sie auf die Helfer los? Aber dann steht Agis auf, schüttelt sich, macht zwei Sätze und steigt auf den nächsten Baum. Ein paar Tage später beobachten sie die BOS-Leute im Nationalpark beim Nestbau. Noch verbringt sie Zeit mit Rutan, dem anderen ausgewilderten Weibchen. Pong und Jaka, die beiden männlichen Tiere, sind schon weg. Sie haben bereits ihre eigenen Reviere.

apa/dpa

stol