Die Mordserie löste in Italien und darüber hinaus großes Entsetzen aus. Der Mörder hatte es auf junge Liebespaare abgesehen, die in den Hügeln rund um Florenz in ihren Autos Zweisamkeit suchten. Im prüden und streng katholischen Italien der 70er und 80er Jahre war dies für junge und unverheiratete Menschen die einzige Möglichkeit, sich ungestört zu lieben.<h3> Möglicherweise begann die Killer-Serie bereits 1968</h3>16 Tote werden es am Ende sein, zählt man einen Doppelmord hinzu, der schon viel früher verübt wurde. Dieser Mord, bei dem die Ermittler unsicher sind, ob er überhaupt zum „Monster-Komplex“ gehört, ereignete sich am 22. August 1968. Auf einer Landstraße bei Signa westlich von Florenz wurden Barbara Locci und ihr Liebhaber Antonio Lo Bianco in ihrer Alfa ermordet. Ein Gericht sprach Loccis eifersüchtigen Ehemann Stefano Mele schuldig und verurteilte ihn zu 13 Jahren Haft. Die Tatwaffe, eine Pistole vom Kaliber 22, und der Tathergang ließen später eine Verbindung zur Killerserie möglich erscheinen. Der Täter musste allerdings defintiv jemand anderes gewesen sein, denn Mele saß bis 1981 im Knast.<BR /><BR />Der erste Doppelmord, der dem „Monster-Komplex“ eindeutig zugeschrieben wurde, geschah am 13. September 1974. Es war ein Samstagabend und Neumond, wie bei den meisten Morden, die noch folgen sollten auch. <b><BR /><BR />Steffania Pettini</b> (18) und <b>Pasquale Gentilcore</b> (19) fahren in ihrem Fiat 127 nach Borgo San Lorenzo, 20 Kilometer nordöstlich von Florenz, um sich einen feinen Abend zu machen. Sie sollten die ersten Opfer des Monsters sein. In der Dunkelheit schoss er auf sie, Pasquale starb durch 5 Schüsse, Steffanie überlebte 3 Schüsse zunächst und lieferte sich anschließend einen Kampf um Leben und Tod. Doch vergebens. Als man sie fand, wies ihre Leiche neben den 3 Schussverletzungen über 90 Stichwunden – die meisten davon im Scham- und Brustbereich auf. Dieses Muster sollte sich bei den weiteren Mordfällen wiederholen: Alle weiblichen Opfer wurden auf brutale Weise geschändet. Und auch das Modell der Pistole ist immer dasselbe: eine Beretta Kaliber 22, mit Winchester-Patronen und einem eingekerbten H auf ihrem Hülsenboden.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1056342_image" /></div> <BR /><BR />Der nächste Doppelmord geschah 7 Jahre später: Bei Scandicci, 6 Kilometer südwestlich von Florenz, entdeckte am 7. Juni 1981 ein Polizist, der mit seinem 10-jährigen Sohn spazieren ging, in einem roten Fiat Ritmo die Leichen von <b>Giovanno Foggi</b> (30) und <b>Carmela di Nuccio</b> (21). Beide Körper waren von Kugeln durchsiebt. Carmela wurde außerdem die Scham herausgeschnitten.<BR /><BR />Die Polizei tappt weiter im Dunkeln, als am 22. Oktober 1981 in Calenzano inmitten von Olivenhainen und Weinbergen das nächste Pärchen ermordet wurde: <b>Susanna Cambi</b> (24) und <b>Stefano Baldi</b> (26). Die Schüsse erfolgten durch die Frontscheibe ihres VW Golf. Nach den Schüssen setzte der Mörder mit dem Messer nach. Auch Susannas Leiche wird furchtbar verstümmelt aufgefunden.<BR /><BR />Am 19. Juni 1982 dann der nächste Doppelmord. Bei Montespertoli, 28 Kilometer südwestlich von Florenz, schießt der immer noch unbekannte Mörder auf <b>Paolo Mainardi</b> und <b>Antonella Migliorini</b>, 22 und 19 Jahre alt, die sich auf dem Rücksitz ihres kleinen Fiat 147 befanden. Immer mit einer Berretta 22. Antonella stirbt sofort, Paolo wird wenig später von den Insassen eines vorbeifahrenden Wagens entdeckt. Er atmete noch, starb aber tags darauf im Krankenhaus von Empoli, ohne das Bewusstsein wieder erlangt zu haben. <h3> 2 junge deutsche Männer „Irrtumsopfer“</h3>15 Monate später dann eine weitere Bluttat, die man in dieser Mordserie als Irrtumsmord beschreibt. Am 9. September 1983 – es ist dieses Mal ein Freitag und kein Samstag und es ist auch keine Neumondnacht – tötete das Monster 2 deutsche Männer aus Niedersachsen. Die Freunde <b>Jens Uwe Rusch</b> und <b>Horst Meyer</b>, beide 24, reisten in einem VW-Bus durch die Toskana und hatten für die Nacht auf einem abgelegenen Platz in Galluzo im Südwesten von Florenz geparkt. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1056345_image" /></div> <BR /><BR />Plötzlich mehrere Schüsse durch die Seitenscheiben: Die beiden Männer werden von sieben Kugeln getroffen. Sie sind sofort tot. Die Ermittler glauben, dass der Mörder dachte, es handle sich um ein Liebespaar und dass er erst erkannte, dass er 2 Männer erschossen hatte, als er die Wagentür öffnete. Vermutlich hatte er Jens Uwe Rusch wegen seiner schmalen Figur und der langen, blonden Haare für eine Frau gehalten. Die Leichen wiesen keinerlei Verstümmelungen auf. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1056348_image" /></div> <BR />Nicht einmal ein Jahr später die nächste grausame Tat: Am 29. Juli 1984 – also vor genau 40 Jahren – wurden der 21-jährige <b>Claudio Stefanacci</b> und seine 18-jährige Freundin <b>Pia Rontini</b> in ihrem Fiat Panda in Vicchio, 30 Kilometer nordöstlich von Florenz, tot aufgefunden. Auch sie wurden erschossen, Pia zusätzlich bestialisch zugerichtet. Der Mörder hatte ihr die linke Brust abgeschnitten.<h3> Die letzte Tat</h3>8. September 1985: Die beiden jungen Touristen aus Frankreich <b>Jean Michel Kraveichvili</b> (25) und <b>Nadine Mauriot</b> (36) wissen vielleicht nichts von der grausigen Mordserie. In San Casciano stellen sie neben ihrem Auto ihr Zelt auf und legen sich schlafen. Dann kam das Monster, erschießt das junge Paar und verstümmelt danach die Frau. Die Franzosen waren die letzten Opfer des Monsters von Florenz. Die Serie endete schlagartig. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1056351_image" /></div> <BR /><BR />Obwohl es über die Jahre mehrere Angeklagte und Verdächtige gab, wurde der Mörder bis heute nicht identifiziert. Als Hauptverdächtiger der Serienmorde galt Pietro Pacciani. Obwohl er zunächst für schuldig befunden wurde, wurde er nach einem Berufungsverfahren freigesprochen. Der Oberste Gerichtshof Italiens hob den umstrittenen Freispruch auf und ordnete ein neues Verfahren an, das jedoch nicht mehr stattfand, da Pacciani 1998 an Herzversagen verstarb. Ob er tatsächlich der Täter war und ob er Komplizen oder Auftraggeber hatte, konnte bis heute nicht eindeutig geklärt werden.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1056354_image" /></div> <h3> Neue Spur</h3>Jetzt aber gibt es eine neue Spur: Eine bislang unbekannte DNA verbindet 3 der 8 Doppelmorde. Das behauptet Lorenzo Iovino, ein italienischer Hämatologe, der in Seattle arbeitet. Iovino führte seine Untersuchungen als Berater für Vieri Adriani durch. Adriani ist der Anwalt der Familien der letzten beiden Opfer, Nadine Mauriot und Jean Michel Kraveichvili. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1056357_image" /></div> <h3> Projektil wurde 2015 im Kopfkissen entdeckt</h3><BR />Wo wurde die unbekannte DNA entdeckt? Im Juni 2015 wurde im Kopfkissen, das Mauriot und Kraveichvili im Zelt benutzten, Projektil entdeckt, die als V3 bezeichnet wird. Die beiden jungen Franzosen waren – wie erwähnt – die letzten Opfern des sogenannten Monsters. Ein Team unter der Leitung des italienischen Genetikers Ugo Ricci identifizierte 2018 an diesem Fund ein wiederkehrendes genetisches Profil. Dieses Profil ließ sich auf den Ballistikexperten zurückführen, der die ursprünglichen Untersuchungen durchgeführt hatte, wobei ein zweites, unbekanntes Teilprofil hinzukam.<BR /><BR />Iovino analysierte jetzt die DNA-Sequenzen aus Riccis Gutachten und kam zu Schlussfolgerungen, die laut der Zeitung Repubblica sensationell sein könnten: „Die zweite DNA auf dem Beweisstück V3“, so der Hämatologe, „stimmt weder mit der der Opfer noch mit der des Ballistikexperten überein, der das Beweisstück berührt hatte. Sie passt auch nicht zu den DNA-Spuren einiger Verdächtiger oder zu anderen unbekannten DNA-Spuren, die Ricci 2018 auf der Hose von Jean Michel und dem Zelt isoliert hatte.<BR /><BR />Laut Iovino wiederholt sich diese DNA-Sequenz teilweise auf den Projektilen, die bei zwei anderen Doppelmorden gefunden wurden, nämlich bei den beiden Deutschen Horst Wilhelm Meyer und Jens-Uwe Rüsch sowie bei Pia Rontini und Claudio Stefanacci. „Der Mörder könnte seine DNA beim Einlegen der Munition hinterlassen haben“, sagte Iovino gegenüber „La Repubblica“.<BR /><BR />„Wenn dies die Handschrift des Monsters ist“, erklärte Rechtsanwalt Vieri Adriani gegenüber La Repubblica, „müssen alle möglichen Vergleiche mit den vorliegenden Erkenntnissen und den Profilen der Personen, gegen die im Laufe der Zeit ermittelt wurde, angestellt werden.“<h3> Womöglich wird die Leiche von Stefania Pettini exhumiert</h3>Und einen weiteren Schritt kündigte der Anwalt Adriani an: „Wenn die Angehörigen uns die Genehmigung erteilen, werden wir die Staatsanwaltschaft bitten, die Leiche von Stefania Pettini zu exhumieren.“ Sie wurde am 14. September 1974 in Borgo San Lorenzo zusammen mit ihrem Freund Pasquale Gentilcore ermordet. „Wir wissen aus dem Gutachten des Gerichtsmediziners, dass sie mit dem Mörder gekämpft haben könnte“, erklärt der Anwalt weiter, „es ist nicht ausgeschlossen, dass zum Beispiel unter ihren Fingernägeln DNA vom Mörder zu finden sei.“<BR /><BR />Möglich, dass dies die Aufklärung der wohl grausamsten Mordserie Italiens bedeutet. Wir halten Sie über die weitere Entwicklung der Ermittlungen auf dem Laufenden.<h3> Buchtipp</h3>„Das Monster von Florenz: Anatomie einer Ermittlung“ von Michele Giuttari. <a href="https://www.athesiabuch.it/home" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">Bestellen können Sie es hier.</a>