Die Buchautorin Margherita erklärt, warum Präventionsarbeit schon in Kindergarten und Schule beginnen muss. <BR /><BR /><BR /><i>Interview: Alex Zingerle</i><BR /><BR /><BR /><b>Frau Bettoni, welche sind die Hauptursachen für das erschreckende gesellschaftliche Phänomen des Femizids?</b><BR />Margherita Bettoni: Als die wohl wichtigste Ursache ist der Besitzanspruch zu nennen. Manche Männer hängen dem Irrglauben nach, sie hätten einen Besitzanspruch gegenüber ihrer Frau wie über ihr Auto, ihren Hund oder ihre Wohnung. Aus diesem Irrglauben heraus meinen sie, auch über Leben und Tod ihrer Partnerin entscheiden zu können. Auch falsche Vorstellungen von Geschlechterrollen und die ungleiche Behandlung von Mann und Frau spielen bei Femiziden eine gewichtige Rolle. <BR /><BR /><b>Welche Auffälligkeiten stechen ins Auge, wenn man die Vorgangsweisen und Psychogramme der Täter betrachtet?</b><BR />Bettoni: Das eine klar definierbare Täterprofil gibt es eigentlich gar nicht, denn Femizide kommen in allen Schichten, Kulturen und Ländern vor. Sehr wohl zeigt sich, dass die Mehrheit der Täter vor der Tat der Frau gegenüber ein gewalttätiges Verhalten an den Tag gelegt hat – psychisch oder körperlich. Aber es gibt auch Fälle, in denen ein bis dato völlig friedfertiger Mann die Frau umbringt. Sehr oft zeigt sich bei den Tätern schon früh in der Beziehung ein kontrollierendes Verhalten, dabei fallen immer wieder Aussagen wie „Du gehörst mir“ oder „Wir werden für immer zusammen sein“. Bei vielen Femiziden schaukelt sich der Konflikt zum Zeitpunkt der Trennung hoch, vor allem dann, wenn diese Trennung von der Frau ausgeht. <BR /><BR /><b>Die Trennung ist also oft Auslöser der Tat?</b><BR />Bettoni: Genau, das hängt wiederum mit dem bereits erwähnten Besitzanspruch zusammen. Die Frau entscheidet sich zu gehen, der Mann spürt einen Kontrollverlust, und die Tötung ist die extremste Art, um wieder Kontrolle zu erlangen. <BR /><BR /><b>Für Ihr Buch sammelten Sie Schilderungen von betroffenen Frauen, die eine Attacke überlebt haben. Was ist daran besonders beeindruckend?</b><BR />Bettoni: Mich persönlich hat an diesen Protokollen am meisten schockiert, dass die Täter ihre Opfer nicht einfach umbringen, sondern sie regelrecht vernichten wollten. In der Femizid-Forschung nennt man dieses Phänomen „Übertöten“ bzw. Overkilling. So wurde eine der Betroffenen von ihrem Ex-Mann nicht nur mit einer Machete angegriffen, sondern dann auch noch gewürgt und in Brand gesteckt. Solche und ähnliche Erfahrungen haben mich richtig mitgenommen. Auf der anderen Seite war für mich beeindruckend, mit welcher Offenheit einige Frauen über die Vorfälle gesprochen haben. Klar ist aber auch, dass viele Betroffene nicht mehr über derartige Geschehnisse sprechen möchten, da sie Angst um ihre eigene Sicherheit und jene ihrer Kinder haben. Und die Vorfälle durch das Erzählen nicht noch einmal durchleben möchten. <BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-48762482_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Auf diese Weise haben Sie Opfern eine Stimme gegeben, denn vielfach gehört die öffentliche Aufmerksamkeit den Tätern. Inwieweit orten Sie hierbei Handlungsbedarf?</b><BR />Bettoni: Tatsächlich ist eine Femizid-Überlebende im Zuge von Prozessen und der medialen Berichterstattung einem Spießrutenlauf ausgesetzt, wird gewissermaßen noch einmal zusätzlich verletzt. Das lässt sich bei einem Prozess kaum vermeiden, denn es ist Aufgabe der Justiz, gewissenhaft zu ermitteln. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass Staatsanwälte und Richter, die sich mit solchen Fällen befassen, entsprechend geschult werden. Die Gespräche sollten von einfühlsamer und vertrauensbildender Art sein, denn es ist für Überlebende nicht einfach, über die Geschehnisse zu sprechen. Und ja, es stimmt, in den Medien wird den Tätern zumeist sehr viel Platz eingeräumt. Deshalb wollten wir den Frauen das Wort geben, wobei auch in der medialen Berichterstattung mehr Fingerspitzengefühl gefragt wäre.<BR /><BR /><b>Welche Art von Fingerspitzengefühl meinen Sie?</b><BR />Bettoni: Alles beginnt damit, dass die Dinge einfach klar benannt werden. Wenn ein Femizid als Eifersuchtsdrama oder Familientragödie bezeichnet wird, so wird damit erstens die brutale Gewalt verharmlost, und zweitens werden Täter und Opfer quasi als Schicksalsgemeinschaft wahrgenommen und die Gewalttat gewissermaßen als familieninterne Angelegenheit. Stattdessen hat ein Täter für sich eine todbringende Entscheidung getroffen, das Opfer konnte sich dem nicht entziehen. <BR /><BR /><b>Bevor es zur Gewalt oder gar tödlichen Eskalation kommt, dürfte in konfliktbeladenen Beziehungen vor allem das Geflecht aus ökonomischen und psychischen Abhängigkeiten problematisch sein. Wie wehrt man hierbei den Anfängen?</b><BR />Bettoni: Wichtig wäre, dass die Partnerin Unterstützung von ihrem sozialen Umfeld erhält. Sollte der Mann erste Anzeichen von Gewalt zeigen, dann sollte er über das soziale Umfeld – Freundinnen oder die Familie – ermutigt werden, an einem Anti-Gewalt-Training teilzunehmen. Das wäre ein erster wichtiger Schritt. Für Opfer von Gewalt kann es schwierig sein, sich aus einer problematischen Beziehung zu lösen. Oft sind dabei natürlich Gefühle im Spiel, oder die Frau hat keine andere Wohnmöglichkeit oder sie möchte die Familie zusammenhalten. Wenn wir aber bei solchen Situationen genauer hinschauen, dann sollte doch nicht die Frage sein, warum sie ihn nicht verlässt, sondern warum er, der ein Problem im Umgang mit Gewalt hat, nicht ein Anti-Gewalt-Training macht. Ansonsten sucht man die Schuld beim Opfer statt beim Täter. <BR /><BR /><embed id="dtext86-48762484_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Wie könnte man diesen Gewalttaten, die letztlich nur die Spitze eines Eisberges mit der Bezeichnung „häusliche Gewalt“ darstellen, wirkungsvoll entgegensteuern?</b><BR />Bettoni: Es braucht ein Umdenken auf gesellschaftlicher Ebene, denn Femizide hängen mit ungleichen Machtverhältnissen zwischen den Geschlechtern und patriarchalischen Besitzansprüchen zusammen. Dass Frauen nicht als Besitz anzusehen sind, gehört also bereits im Kindergarten und in den Schulen thematisiert. Den Jungen sollte beigebracht werden, wie man Konflikte gewaltfrei löst, dabei sollten auch die Familien stärker eingebunden werden. Wenn der Vater daheim die Mutter schlägt, und der Sohn das sieht, so ist es nicht unwahrscheinlich, dass er irgendwann mal zum Nachahmer wird. Es handelt sich um ein strukturelles Problem, das von den politischen Institutionen auch klar benannt werden müsste. Hierbei ist Italien den Deutschen einen Schritt voraus, denn in Deutschland hat man das Problem bis vor Kurzem nicht mal klar konturiert. <BR /><BR />