Mittwoch, 15. September 2021

Mordfall Barbara Rauch: Beschenkt, beleidigt, mit SMS bombardiert

In Bozen wurde am gestrigen Dienstag der Prozess im Mordfall Barbara Rauch fortgesetzt. Ihr Lebensgefährte und ihre Schwester berichteten dabei von einer langen Verfolgung der jungen Familie durch den Angeklagten Lukas Oberhauser.

Die Angehörigen von Barbara Rauch haben am Dienstag vor dem Schwurgericht ausgesagt.
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Die Angehörigen von Barbara Rauch haben am Dienstag vor dem Schwurgericht ausgesagt. - Foto: © Facebook
Starr sitzt Lukas Oberhauser im Gerichtssaal, den Blick zum Boden gerichtet. Seine Hände sind verschränkt, nur die Finger flattern nervös, während Barbara Rauchs Lebensgefährte und ihre Schwester schildern, wie er die junge Familie mit Nachrichten bombardiert und mit ungewollten Geschenken überhäuft hat.

Barbara Rauchs Lebensgefährte Philipp Carli ist gezeichnet von dem Schicksalsschlag, der ihn am 9. März 2020 ereilte, als Lukas Oberhauser – wie ihm vorgeworfen wird – die junge Frau in ihrem Lokal, dem „Bordeauxkeller“ in Eppan, getötet hat. Während seiner Zeugenaussage muss er sich immer wieder sammeln, die Erinnerungen scheinen ihn zu überwältigen.

Dann rekonstruiert er aber Schritt für Schritt vor dem Bozner Schwurgericht, was Barbara Rauch, aber auch er mitgemacht hatte. Dabei sitzt er mit dem Rücken zu Lukas Oberhauser, der zusätzlich durch einen weißen Paravent verdeckt ist.

„Er war gekränkt, weil Barbara keine Zeit mehr hatte“

Barbara Rauch hatte bis zu ihrer Schwangerschaft im Betrieb von Lukas Oberhausers Familie gearbeitet. Nach der Geburt ihrer Tochter riss der Kontakt zu Lukas Oberhauser zwar nicht ab.

„Wir trafen uns aber nur mehr gelegentlich“, sagte Carli. „Er war gekränkt, weil Barbara nicht mehr viel Zeit hatte“, so die Einschätzung ihrer Schwester Anna Rauch im Zeugenstand.



Oder, wie Oberhauser selbst in einer am Dienstag im Gerichtssaal verlesenen Nachricht an Barbara Rauch geschrieben hatte: „Ich fühle mich nutzlos, weil ich nichts mehr bin in eurem Leben.“

Von dem Moment an – es war Ende 2017, Anfang 2018 – seien Oberhausers Versuche, engen Kontakt zu der jungen Familie zu halten, in ein ständiges Crescendo von Belästigungen, Beleidigungen und Anschuldigungen ausgeartet.

Geschenke wider Willen und bedrohliche Nachrichten

„Er hat uns Geschenke gegen unseren Willen gemacht, teure Kugelschreiber, Uhren, er hat Bargeld in die Sparbox von unserer Tochter gesteckt. Im ,Bordeauxkeller„ hat er um 5 oder 10 Euro konsumiert, dann aber auch das Zehnfache an Trinkgeld da gelassen“, erinnerte sich Carli.

Anna Rauch habe sich schließlich – da Barbara ihn nicht mehr sehen wollte – mit Oberhauser auf einem Parkplatz getroffen, um ihm Geschenke und Geld zurückzugeben. Zuerst habe er es nicht nehmen wollen, schließlich habe sie ihm den Beutel auf den Nebensitz gelegt.

Seitenweise habe Oberhauser Textnachrichten mit teils bedrohlichen Emojis geschickt – z.B. von Kindergesichtern, Messern und Spritzen. Er sei auch an Carlis Arbeitsplatz aufgetaucht, bis er dort Hausverbot erhalten habe.

In der Folge habe er negative Rezensionen zum Lokal in sozialen Netzwerken gepostet, auch unter anderen Namen, nicht einmal vor Verleumdungen sei er zurückgeschreckt. Auch habe er in Barbara Rauchs Namen ein Arbeitsgerät für das Lokal bestellt. Der 26-Jährige habe sich auch an seinen eigenen Besitztümern abreagiert und diese kaputt gemacht, dann habe er Barbara Rauch das Foto von den zerstörten Gegenständen geschickt.

Saß stundenlang im Bordeauxkeller, um Barbara zu beobachten

„Meine Schwester war nicht schnell einzuschüchtern, aber die bedrohlichen und beleidigenden Nachrichten wurden immer mehr“, erinnerte sich Anna Rauch. Oberhauser sei auch ein bis 2 Stunden lang im „Bordeauxkeller “ gesessen, nur um Barbara zu beobachten.

Diese habe sich schließlich gezwungen gesehen, ihre Lebensgewohnheiten zu ändern. Sie wollte nicht mehr allein nach Hause gehen, ließ sich von einem Mitarbeiter begleiten, ging andere Wege. „Barbara trug einen Korkenzieher bei sich, für den Fall, dass sie sich verteidigen müsse“, sagte Carli.

Den vorläufigen Höhepunkt erreichte das Stalking am Spätabend des 26. Dezember 2018. „Ich sah auf meinem Handy über die Außenkamera des ,Bordeauxkellers', wie Oberhauser mit einem Messer auf das Lokalschild losging.“

Ein Annäherungsverbot, ein Hausarrest und der Mord

Gleich im Jänner 2019 erstatteten Rauch und Carli Anzeige. Am 1. Februar wurde über Oberhauser ein Annäherungsverbot verhängt, er hielt sich nicht daran. Am 7. Juni stellte ihn der U-Richter unter Hausarrest. Nachdem er sich zu psychotherapeutischen Gesprächen bereit erklärt hatte, wurde der Hausarrest am 8. August durch Unterschriftspflicht ersetzt. Es habe ausgesehen, als habe Oberhauser es endlich verstanden. Doch dem war nicht so.

Am Montag, 9. März 2020, kümmerte sich Philipp Carli daheim um seine Tochter. „Gegen 3 Uhr nachts wachte ich auf und bemerkte, dass Barbara noch nicht zu Hause war. Ich machte mir große Sorgen. Über mein Handy sah ich auf der Aufzeichnung der Außenkamera, wie Lukas Oberhauser das Lokal betrat. Ich bin sofort ins Dorf gerannt, aber als ich ankam, war es schon zu spät“, sagte Carli.

Wie die Kamera aufgezeichnet hatte, war Oberhauser nur kurz im Lokal gewesen, hatte es wieder verlassen und war dann erneut zurückgekehrt, bevor er sich auf den Weg nach Hause machte – mit der Tatwaffe, einem Messer mit seinen Initialen, das er mitgebracht hatte.

rc/stol