Trotz jahrelanger Gerüchte standen sie nie offiziell unter Verdacht: Die Schwestern Stefania und Paola Cappa wurden nun erneut von den Ermittlern vernommen. Stefania Cappa verbrachte zweieinhalb Stunden bei den Beamten, ihre Schwester Paola wurde etwas kürzer befragt. <BR /><BR />Laut ihrem Anwaltsteam, bestehend aus Antonio Marino, Gabriele Casartelli und Valeria Mettica, zeigten sich die Schwestern bei den Anhörungen äußerst hilfsbereit. Damit hätten sie erneut ihren Respekt gegenüber den Behörden unterstrichen – eine Haltung, die sie bereits seit Beginn der Ermittlungen vor fast zwei Jahrzehnten pflegen.<BR /><BR />Die Befragung der Cousinen, die zum Tatzeitpunkt 23 Jahre alt waren und zum engsten Umfeld des Opfers gehörten, konzentrierte sich auf ein zentrales Puzzleteil: unerwünschte Annäherungsversuche.<BR /><BR />Bereits im Jahr 2007 hatte Paola Cappa die Vermutung geäußert, Chiara könnte Ziel eines beharrlichen Verehrers gewesen sein. Diese „Leidenschaftsspur“ deckt sich exakt mit der neuen Hypothese der Staatsanwaltschaft Pavia, die das bisherige Urteil ins Wanken bringt:<BR /> Nicht Alberto Stasi – der rechtskräftig verurteilte Ex-Freund – soll die Tat begangen haben, sondern der damals 19-jährige Andrea Sempio. <BR />Der Freund von Chiaras Bruder Marco könnte das Mädchen aus Wut über eine Zurückweisung mit mindestens zwölf Schlägen gegen Kopf und Gesicht getötet haben.<h3> Entscheidende Stunden in Pavia</h3>Nach den Aussagen der Cousinen folgen heute nun die Vernehmungen von Andrea Sempio und Marco Poggi. <BR /><BR />Der Beschuldigte Sempio selbst gab im Vorfeld an, vorerst von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch zu machen. Er werde zwar am heutigen Mittwoch vor der Staatsanwaltschaft in Pavia erscheinen, jedoch keine Fragen beantworten, teilte sein Verteidiger Liborio Cataliotti mit.<BR /><BR />Die Entscheidung sei Teil einer mit Sempio abgestimmten Verteidigungsstrategie: Begründet wird sie unter anderem damit, dass die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen seien und die Aktenlage unvollständig sei. Zudem liege der Verteidigung das vollständige Dossier der Staatsanwälte noch nicht vor.<BR /><BR />Und so war es dann auch: Der Beschuldigte Andrea Sempio hat nach rund dreieinhalb Stunden die Staatsanwaltschaft in Pavia verlassen. Wie angekündigt machte der 38-Jährige von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch. Sempio war am Morgen in Begleitung seiner Anwälte Angela Taccia und Liborio Cataliotti zu der Vernehmung erschienen. <BR /><BR /> Parallel dazu wurde Marco Poggi, der Bruder des Opfers, als Zeuge vernommen. Seine Aussage dauerte etwa zwei Stunden. Nach Angaben aus Ermittlerkreisen erklärte der 37-Jährige, er habe „nie Videos seiner Schwester zusammen mit Andrea Sempio gesehen“. Gemeint sind intime Aufnahmen, die auf dem Familiencomputer gespeichert gewesen sein sollen, wie aus Ermittlerkreisen hervorgeht. Die Befragungen fanden vor den Staatsanwältinnen Valentina De Stefano und Giuliana Rizza statt. Der Zugang zum Gerichtsgebäude wurde für Medienvertreter weitgehend abgeschirmt.