Montag, 28. Juni 2021

Motivsuche nach Gewalttat in Würzburg dauert – Mutige Helfer im Fokus

Die drängende Frage nach dem „Warum“ können die Ermittler im Fall der Würzburger Messerattacke noch nicht beantworten. Derweil stehen couragierte Bürger der Stadt im Mittelpunkt.

Blumen und Kerzen vor einem abgesperrten Kaufhaus in Würzburg, in dem ein Mann Menschen mit einem Messer attackiert hatte.
Blumen und Kerzen vor einem abgesperrten Kaufhaus in Würzburg, in dem ein Mann Menschen mit einem Messer attackiert hatte. - Foto: © APA/dpa / Karl-Josef Hildenbrand
Die mutigen Helfer von Würzburg werden in ganz Deutschland in höchsten Tönen gelobt, geben unzählige Interviews und sollen nun auch ganz offiziell ausgezeichnet werden. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) will den couragierten Bürgern, die sich dem Messerstecher vom Freitag entgegenstellten, die Bayerische Rettungsmedaille verleihen.

Auch die Mainstadt überlegt nach Angaben eines Sprechers, wie sie diese Menschen würdigen kann. Zugleich arbeiten die Ermittler des Landeskriminalamtes mit Hochdruck daran, das Verbrechen aufzuklären. Indizien deuten auf islamistische Hintergründe hin. Der Täter könnte aber auch psychisch krank sein und möglicherweise schuldunfähig. Gegen ihn wurde bereits früher einmal ermittelt. STOL hat berichtet.

Söder: „Höchstmaß an Zivilcourage gezeigt“


„Sie haben ein Höchstmaß an Zivilcourage gezeigt“, sagte Söder am Montag der „Main-Post“ mit Blick auf die Helfer. Die Bayerische Rettungsmedaille ist eine staatliche Auszeichnung für Menschen, die unter Einsatz des eigenen Lebens andere aus Lebensgefahr gerettet haben – eine Sprecherin der Staatskanzlei in München sagte, es sei noch nicht bekannt, wie viele Menschen die Rettungsmedaille erhalten sollen.

Ein Somalier hatte am Freitagnachmittag in der Würzburger Innenstadt offensichtlich ohne Vorwarnung auf Menschen eingestochen, die er wohl gar nicht kannte. 3 Frauen starben, 7 Menschen wurde verletzt. Der 24-Jährige sitzt in Würzburg in Untersuchungshaft – wegen dreifachen Mordes, versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung sowie vorsätzlicher Körperverletzung.

Passanten versuchten Angreifer zu überwältigen

Passanten hatten den Mann noch vor seiner Festnahme gefilmt, wie er mit einem Messer in der Hand und barfuß durch die Stadt lief. In den im Netz verbreiteten Clips war zu sehen, wie Menschen versuchen, den Angreifer zu überwältigen. Ein Mann ging mit einem Besen auf den 24-Jährigen los, andere waren mit Stühlen in der Hand unterwegs.

Einer dieser mutigen Männer ist Chia Rabiei. Der Kurde mit iranischer Staatsbürgerschaft lebt nach eigenen Worten seit 18 Monaten in Deutschland, derzeit in einer Asylbewerberunterkunft in Würzburg. „Ich habe versucht, ihn beschäftigt zu halten, bis die Polizei kommt“, erzählte Rabiei der Deutschen Presse-Agentur. Videos dieser Szenen zeigen, wie der Kurde sich dem Somalier immer wieder entgegenstellt und mit einem Rucksack abwehrt.

Auch Dietrich Winter und 2 Freunde, die er nach eigener Aussage seit Kindesbeinen kennt, haben eingegriffen: „Stühle, Flaschen – wir haben alles versucht. Das hat ihn aber nicht abgelenkt“, sagte der 21-Jährige der dpa. „Ich habe es als meine Aufgabe empfunden, alle Leute zu warnen und möglichst schnell weg von hier zu bringen.“

Suche nach dem Motiv geht weiter

Was den Täter antrieb, mit äußerster Brutalität auf seine Opfer einzustechen – darüber wird weiter viel spekuliert. Die in der Würzburger Obdachlosenunterkunft des Täters gefundenen Gegenstände werden derzeit von Islamwissenschaftlern bewertet. „Aber wir sind bei Weitem noch nicht so weit, dass wir sagen können, wir haben es ausgewertet“, sagte ein Sprecher des Landeskriminalamtes (LKA) in München. Zu den Funden zählen auch 2 Handys. „Wir gehen davon aus, dass sie ihm gehören.“ Welche weiteren Gegenstände nun untersucht und bewertet werden, sagte er nicht.

Wie am Montag bekannt wurde, ist gegen den Mann bereits einmal wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt worden: Zwischen 2015 und 2019 lebte er in Sachsen und geriet dort ins Visier der Staatsanwaltschaft Chemnitz. Grund dafür war eine körperliche Auseinandersetzung in einer Asylunterkunft. Die Ermittlungen waren dann eingestellt worden. Zuerst hatte „Die Welt“ über den Fall in Sachsen berichtet.

Womöglich war der Täter geistig verwirrt oder ist psychisch krank, wie Ermittler seit der Würzburger Attacke immer wieder zu bedenken geben. Es wird aber auch geprüft, ob islamistische Einstellungen zur Tat beigetragen haben könnten. Der bayerische Landesinnenminister Joachim Herrmann (CSU) erklärte: „Es spricht sehr viel angesichts dessen, was wir aufgefunden haben, dafür, dass es sich um eine islamistisch motivierte Tat handeln könnte“, sagte der CSU-Politiker am Sonntagabend im „Bild live“-Talk „Die richtigen Fragen“.




dpa/stol