Wie der Wiedereinstieg nach der Mutterschaft in den Beruf verläuft, <a href="https://www.stol.it/artikel/chronik/wiedereinstieg-nach-mutterschaft-teilzeitfalle-weiter-unterschaetzt" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">hat die Beobachtungsstelle für den Arbeitsmarkt Südtirol kürzlich erhoben</a>. Dabei kamen erstaunliche Zahlen ans Licht: Befristete Arbeitsverträge nach der Rückkehr aus der Mutterschaft sind demnach sprunghaft angestiegen– von 10 auf 34 Prozent.<BR /><BR />Zudem haben im letzten Jahr 864 Frauen in Südtirol ihren Arbeitsplatz während der Schwangerschaft oder in den ersten drei Lebensjahren des Kindes freiwillig aufgegeben. Zwischen 2019 und 2022 waren es insgesamt 3.500 Frauen. <BR /><BR />Dabei wäre mindestens jeder fünfte Austritt vermeidbar: 16 Prozent der Frauen mit Selbstkündigung gaben an, sie hätten nicht gekündigt, wenn der Arbeitgeber Teilzeit oder flexible Arbeitszeiten ermöglicht hätte. Der spätere Wiedereinstieg erfolgt dann meist unter veränderten Vorzeichen: 84 Prozent der Rückkehrerinnen arbeiten in Teilzeit.<BR /><BR /><b>Christa Ladurner</b> von der Allianz für Familie, beobachtet diese Entwicklung seit Jahren. Im Gespräch mit STOL erklärt sie, warum das Problem so verbreitet ist, wo die größten Hürden liegen – und welche Veränderungen es dringend bräuchte.<h3> „Wir konzentrieren die Arbeitskraft der Frauen auf den Vormittag“</h3><b>Frau Ladurner, wie oft erleben Sie in Ihrer Arbeit konkret, dass Frauen Schwierigkeiten haben, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren?</b><BR />Christa Ladurner: Ständig – ich habe aufgehört zu zählen. Viele schaffen es nur deshalb einigermaßen, weil Großeltern oder andere Familienangehörige helfen. Wer niemanden hat, hat große Probleme. Laut der Studie sagen 38 Prozent der Frauen, dass sie Schwierigkeiten haben, weil sie keine helfenden Angehörigen haben. Gleichzeitig greifen 64 Prozent auf Großeltern zurück – das zeigt, wie stark unser System noch immer auf innerfamiliäre Hilfe baut.<BR /><BR /><b>Das heißt, wer keine Unterstützung im familiären Umfeld hat, gerät schnell in eine schwierige Situation?</b><BR />Ladurner: Genau. Und das Problem endet nicht nach den ersten Lebensjahren eines Kindes. Der Kindergarten funktioniert mit Mensa und Betreuung noch einigermaßen stabil. Aber sobald die Kinder in die Grundschule gehen, wird erwartet, dass jemand mittags zu Hause ist – meist die Mutter. So konzentriert sich die Arbeitskraft der Frauen stark auf den Vormittag. Für viele Berufe funktioniert das aber nicht.<BR /><BR /><b>Von welchen Berufen sprechen sie konkret?</b><BR />Ladurner: Vor allem Berufe in Bereichen wie Pflege, Gastronomie oder andere Dienstleistungen, in denen Frauen stark vertreten sind – und die nicht nur vormittags stattfinden. Viele müssen dann den Job aufgeben oder wechseln den Beruf. Manche lassen sich umschulen oder werden Tagesmütter. Oft arbeiten sie anschließend in Positionen, die unter ihrer ursprünglichen Qualifikation liegen.<BR /><BR /><b> Wo entstehen aus Ihrer Sicht die größten Nachteile einer solchen Teilzeitanstellung für Frauen?</b><BR />Ladurner: Sie führt häufig zu finanzieller Unsicherheit. Viele arbeiten in befristeten oder kleinen Teilzeitjobs. Wenn es dann beispielsweise zu einer Trennung kommt – aktuell wird jede dritte Ehe wird geschieden – stehen gerade alleinerziehende Frauen oft mit sehr niedrigen Einkommen da. Unterhaltszahlungen reichen selten zum Leben. Und bei der Pension wird die Situation noch schwieriger. Wer lange Teilzeit arbeitet oder wegen der Kinder aussetzt, hat später massive Nachteile bei der Rente.<BR /><h3> „Frauen überlegen sehr genau, ob sie Kinder bekommen“</h3><b>Welche Rolle spielt der Bildungsgrad der Frau für das Gründen einer Familie?</b><BR />Ladurner: Frauen mit höherem Bildungsgrad überlegen sehr genau, ob und wann sie Kinder bekommen. Viele schieben den Kinderwunsch nach hinten: Erst Studium, dann berufliche Aufbauphase. Und sie wissen genau, was auf sie zukommt. Wenn sie kein unterstützendes Umfeld haben, sagen viele: Das kann oder will ich mir nicht leisten.<BR /><BR /><b>Jetzt gibt es heute aber viele Möglichkeiten – Homeoffice, Smartworking, flexible Arbeitszeiten. Wie offen sind Unternehmen in Südtirol dafür?</b><BR />Ladurner: Diese Modelle werden genutzt, auch in der öffentlichen Verwaltung. Und durch den Arbeitskräftemangel schauen Unternehmen zunehmend stärker auf die Bedürfnisse von Arbeitnehmerinnen. Aber man darf nicht glauben, dass Homeoffice automatisch eine Lösung für alles ist. Wenn man nur von zu Hause arbeitet, verschwimmen Arbeit und Familie. Viele Frauen erleben dann eine Doppel- oder Dreifachbelastung: Haushalt, Kinder, Arbeit gleichzeitig. Auch bei Karrierechancen entstehen Nachteile: Wer selten im Büro präsent ist, wird oft weniger berücksichtigt.<BR /><BR /><b>Was können Unternehmen tun, um Mütter diesbezüglich zu unterstützen?</b><BR />Ladurner: Flexibilität hilft sehr: etwa wenn Kinder krank sind oder wenn Arbeitszeiten zeitweise reduziert werden können. Wichtig wäre auch, dass solche Reduzierungen nur temporär sind und später wieder eine Vollzeitanstellung möglich wird. <BR /><BR /><b>Ein Instrument ist das Audit „Familie und Beruf“. Wie funktioniert dieses genau?</b><BR />Ladurner: Dabei werden Betriebe auf ihre Familienfreundlichkeit geprüft: Gibt es Teilzeitmodelle, Homeoffice, Unterstützung bei der Kinderbetreuung? Anschließend erhalten sie eine Zertifizierung.<BR />Das ist freiwillig, aber immer mehr Betriebe machen mit – auch wegen des Arbeitskräftemangels.<h3>„Wir brauchen bessere Rahmenbedingungen“</h3><b>Was müsste konkret passieren, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Südtirol zu verbessern?</b><BR />Ladurner: <i>Erstens</i> brauchen wir ausreichend Plätze in der Kleinkinderbetreuung – auch für Eltern, die in Teilzeit arbeiten oder wieder einsteigen wollen.<BR /><BR /><i>Zweitens</i> ist die Sommerbetreuung ein großes Problem, besonders für Kindergartenkinder. Ich plädiere dafür, stärker in den Kindergarten und in mehr Personal zu investieren und auch die Öffnungszeiten auszuweiten. Der Kindergarten sollte das ganze Jahr über geöffnet bleiben – mit einigen wenigen Schließwochen. Speziell kleine Kinder brauchen stabile Strukturen, gerade in einer ohnehin unsicheren Welt.<BR /><BR />Und <i>drittens</i>, ist ein zentraler Punkt die Aufteilung zwischen Vätern und Müttern. Wenn beide Eltern etwa 80 Prozent arbeiten, haben sie zusammen 160 Prozent Erwerbsarbeit. Heute ist es oft anders: Der Vater arbeitet Vollzeit, die Mutter vielleicht 50 Prozent. Das führt zu massiver Benachteiligung für die Frauen.<BR /><BR /><b>Oft wird diese Debatte ja sehr emotional geführt – etwa zwischen Müttern, die arbeiten, und jenen, die zu Hause bleiben.</b><BR />Ladurner: Genau das halte ich für problematisch. Wir sollten nicht gegeneinander argumentieren. Ob eine Mutter arbeitet oder zu Hause bleibt, ist eine persönliche Entscheidung. Wichtig ist, dass die Rahmenbedingungen stimmen. Dann können Familien selbst entscheiden, welches Modell für sie passt.<BR /><BR /><b>Wo sehen Sie aktuell den dringendsten Handlungsbedarf?</b><BR />Ladurner: Wir brauchen Verbesserungen konkret bei der Kinderbetreuung, der Flexibilität in Unternehmen und bei der Rentenabsicherung für Eltern. Das ist keine Astrophysik – es benötigt einfach ein paar mutige Schritte. Denn eines dürfen wir nicht vergessen: In der Gesellschaft wird vieles anerkannt und bezahlt. Aber die Arbeit der Kindererziehung wird noch immer kaum abgesichert.