Nostalgiker für die zwanzigjährigen Zeit der Diktatur von Benito Mussolini gibt es in Italien viele, wie ein Besuch in Predappio zeigt. Die Geburtsstadt von Benito Mussolini ist ein Wallfahrtsort für Neofaschisten. Tausende pilgern jährlich in die Kleinstadt in der norditalienischen Region Emilia-Romagna und besuchen das Grab des Duce (Führer), der am 28. Oktober 1922 die Macht ergriffen und Italien bis zu seiner Absetzung 1943 totalitär regierte.<BR /><BR />Im kleinen Souvenirladen auf der Hauptstraße des 6000-Einwohnerorts stapeln sich Devotionalien aller Art: riesige Bronzebüsten des Duce für 230 Euro, T-Shirts, Aschenbecher und Babylätzchen mit Mussolini-Zitaten. Und natürlich der berühmte Mussolini-Wein, der auch per Online-Shop aus Predappio in die ganze Welt exportiert wird. Auch Hitler-Tassen, Hakenkreuzfahnen und Feuerzeuge mit SS-Runen können hier erstanden werden.<BR /><BR />Faschistische Symbole und Gesten sind in Italien, anders als in Österreich oder Deutschland, erlaubt. Ein 2017 in der Abgeordnetenkammer verabschiedetes Gesetz gegen die Verherrlichung von Faschismus und Nationalsozialismus versandete im Senat und trat daher nie in Kraft.<h3> Ein gepflegtes Grab</h3>Ein junges Pärchen aus Deutschland deckt sich in dem rund um die Uhr geöffneten Shop mit Devotionalien in Wert von mehreren hundert Euro ein. Nachdem sie den Karton ins Auto geladen haben, spazieren sie zu Mussolinis Geburtshaus, in dem sich ein kleines Museum befindet. Anschließend geht es zum Grab des Duce am etwas außerhalb liegenden Friedhof. In der Krypta der Familiengruft liegen seit 1957 die Gebeine des zur Kriegsende von Partisanen erschossenen Mussolini. Daneben sind 14 andere Familienmitglieder aus insgesamt vier Generationen der Familie begraben.<BR /><BR />Nach einer Restaurierung ist die Krypta, die Mussolini Ende der 1920er Jahre in seinem Heimatort für seine Eltern erbauen ließ, seit 2021 wieder für die Öffentlichkeit zugänglich. Und seitdem kommen wieder jeden Tag Neofaschisten und andere Mussolini-Fans. Das zeigt sich auch an den Eintragungen im Gästebuch vor dem Sarkophag Mussolinis.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="811787_image" /></div> <BR /><BR /> „Duce komm zurück, wir brauchen dich“ und Ähnliches steht da geschrieben. Das Buch im A4-Format ist fast voll. „Alle Eintragungen stammen nur von den letzten eineinhalb Monaten“, erklärt die Aufseherin des von den Nachkommen Mussolinis gepflegten Grabes stolz, bevor sie ehrfürchtig über die großen Leistungen des Duce zu erzählen beginnt, über die ihrer Meinung nach viel zu wenig gesprochen werde.<BR /><BR />Regelmäßig finden am Grab Mussolinis Aufmärsche von schwarz gekleideten Neofaschisten statt. Für den bevorstehenden 100. Jahrestag des Marsches auf Rom am 28. Oktober ist eine große Veranstaltung geplant. Neben einer feierlichen Zeremonie am Grab soll es auch eine Historiker-Tagung geben, wo die Geschichte „klargestellt“ werde, wie die Aufseherin erklärt. Sie korrigiert sich rasch: die Geschichte soll „besprochen werden“.<BR /><BR />Eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte des Faschismus sucht man in der jahrzehntelang links regierten Gemeinde vergeblich. Pläne des früheren Bürgermeisters zum Bau eines Museums des Faschismus in der Stadt wurden von dessen Nachfolger, Roberto Canali, der 2019 mit Unterstützung der Rechtsparteien Fratelli d'Italia, Lega und Forza Italia gewählt wurde, auf Eis gelegt.<h3> Wanderausstellung auch in Bozen?</h3>„Die Stadt profitiert ja von denen, die kommen und das Zeug kaufen, die Geschäfte und die Gasthäuser“, schimpft eine ältere Frau, die im neueren Teil des Friedhofs Grabpflanzen gießt. „Das ärgert mich so, die Faschisten haben uns nur Unheil gebracht, Hunger und Leid“, sagt die 71-jährige in Predappio geborene Frau.<BR /><BR />Im Vorfeld des Jahrestag der faschistischen Machtergreifung vor 100 Jahren sorgt bereits seit April eine Ausstellung mit faschistischen Erinnerungsstücken in Predappio für erhöhten Besucherandrang und Kritik. Ein Journalist der Tageszeitung „La Stampa“ wurde nach einer kritischen Reportage über die von einer Privatinitiative organisierte Ausstellung bedroht.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="811790_image" /></div> <BR /><BR />Die Ausstellung soll bis November zu sehen sein, aber die Organisatoren denken bereits darüber nach, sie in ganz Italien zu zeigen, da es bereits zahlreiche Anfragen von Einzelpersonen und Vereinen aus Rom, Mailand und Bozen gebe. „Auch wenn wir wissen, dass eine Wanderausstellung auf Kritik stoßen könnte – wer weiß, wie Italien im November 2022 aussehen wird“, sagte einer der Kuratoren der Ausstellung gegenüber der „Stampa“ in Anspielung auf die Parlamentswahl.