Die Familie lebte in Pietracatella, einem kleinen, abgeschiedenen Bergdorf in der süditalienischen Region Molise. Der Vater, Gianni Di Vita, wurde mit einem Rettungshubschrauber ins römische Krankenhaus Spallanzani geflogen und befindet sich dort auf der Intensivstation. <a href="https://www.stol.it/artikel/chronik/italien-mutter-und-tochter-15-sterben-fischvergiftung-vermutet" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">(STOL hat berichtet)</a><BR /><BR />Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung gegen fünf Notfallmediziner, die in den Behandlungsfällen der Familie involviert gewesen sein sollen. Auch der ärztliche Bereitschaftsdienst, den die Familie kontaktiert hatte, wird in die Untersuchungen einbezogen. Die 15-Jährige soll dreimal in der Notaufnahme vorstellig geworden sein, zweimal wurde sie entlassen. <BR /><BR />Ihre Mutter wurde zweimal eingeliefert, auch sie wurde beim ersten Mal wieder nach Hause geschickt. Der Vater war ebenfalls einmal in der Notaufnahme. Die Ermittlungsbehörde betont, dass die Eintragung des medizinischen Personals in das Verzeichnis der Beschuldigten ein formaler Schritt sei, unter anderem im Hinblick auf die bevorstehenden Autopsien. Diese sollen am Mittwoch durchgeführt werden und könnten wichtige Hinweise auf die Todesursache liefern. Auch die in der Wohnung sichergestellten Lebensmittelproben werden analysiert. <BR /><BR />Laut Staatsanwaltschaft gehe es nicht nur um die Aufklärung der Todesfälle, sondern auch um den Schutz der öffentlichen Gesundheit. Mögliche verbliebene Gefahrenquellen müssten identifiziert und beseitigt werden, um weitere Fälle zu verhindern. Die Behörde drückte der Familie und der betroffenen Gemeinde ihr tiefes Mitgefühl aus und versprach umfassende Aufklärung.<h3> Dorfgemeinschaft wie gelähmt</h3>In Pietracatella herrscht stille Trauer. Der kleine Ort mit gut tausend Einwohnern ist wie gelähmt. Jeder kennt hier jeden – und die Familie Di Vita war sehr bekannt. Der 55-jährige Gianni Di Vita war zweimal Bürgermeister der Gemeinde und arbeitet als Steuerberater für viele Geschäftsleute im Ort. Die Familie betrieb außerdem eine Mühle. Ehefrau Antonella unterstützte ihren Mann in dessen Kanzlei in Campobasso. Tochter Sara besuchte ein humanistisches Gymnasium in der Provinzhauptstadt.<BR /><BR />Die Familie hat eine weitere Tochter, 18 Jahre alt. Auch sie wurde vorsorglich in ein Krankenhaus nach Rom gebracht, zeigt bislang aber keine Symptome. Nach ersten Erkenntnissen war sie an dem Abend des 23. Dezembers, als das verdächtige Abendessen stattfand, nicht anwesend. Sie hatte lediglich an den größeren Familienmahlzeiten an Heiligabend und Weihnachten teilgenommen. Im Fokus der Ermittlungen steht daher das Essen, das am Abend des 23. im engeren Familienkreis verzehrt wurde – möglicherweise handelte es sich dabei um Fisch oder Pilze. Beides sind Zutaten, die laut Anwohnern häufig auf den Weihnachtstischen der Region stehen. Die Menschen im Dorf sind nicht nur erschüttert, sondern auch wütend. „Wir wollen wissen, was im Krankenhaus passiert ist“, sagen viele.<BR /><BR />Besonders erschütternd: Sowohl Sara als auch ihre Mutter waren am 25. und 26. Dezember in der Notaufnahme, wurden aber beide Male wieder entlassen. Erst beim dritten Mal wurden sie aufgenommen – zu spät. „Wir haben an Stephanstag noch mit Sara telefoniert“, erzählen ihre Kindheitsfreunde Giovanna, Donatella und Giuseppe. „Sie war überzeugt, dass die starke Behandlung, die sie im Krankenhaus erhalten hatte, ausreichend sei. Sie dachte nicht, dass sich ihr Zustand verschlechtern könnte. Wir hatten für diese Tage noch gemeinsame Feiern geplant – am Sonntag wollten wir zusammen auf einen Geburtstag gehen. Sie sagte, es würde bald besser.“<BR /><h3> „Verlauf äußerst ungewöhnlich“</h3>Zunächst wurde eine einfache Magen-Darm-Infektion vermutet. Doch dann kam es plötzlich zu einem schweren Rückfall. Die genaue Todesursache ist noch immer nicht geklärt. In Betracht gezogen werden unter anderem Botulismus, Listerien, eine fulminante Hepatitis oder eine chemische Vergiftung. „Die klinischen Verläufe waren äußerst ungewöhnlich und entwickelten sich in beängstigender Geschwindigkeit“, erklärt Dr. Vincenzo Cuzzone, Leiter der Intensivstation des Cardarelli-Krankenhauses. „Nach dem Essen traten erste Symptome auf. Es folgte ein akutes Leberversagen und schließlich ein Multiorganversagen – eine dramatische Kettenreaktion.“<BR /><BR />Die Gemeinde trauert. Bürgermeister Antonio Tommasone spricht von einer Tragödie, die das Dorf sprachlos gemacht habe. „Der Ort ist wie leergefegt. Wir alle sind zu Hause und wissen nicht, was wir sagen sollen.“ Er hat für den Tag der Beerdigung Trauerbeflaggung angeordnet und alle öffentlichen Veranstaltungen zu den Weihnachtsfeiertagen abgesagt. Auch benachbarte Gemeinden haben sich diesem Schritt angeschlossen. „Ich kenne Gianni Di Vita seit vielen Jahren. Heute ist er Gemeinderat. Ich finde kaum Worte. Wir alle leiden sehr“, so der Bürgermeister.<BR /><BR />In einem nahegelegenen Café drücken Bekannte ihre Hoffnung aus, dass der Vater überleben wird. „Aber wir sind auch wütend. Wir wollen wissen, was die Vergiftung ausgelöst hat – und vor allem, ob die Ärzte mehr hätten tun können. Warum wurden sie so oft einfach nach Hause geschickt? So darf niemand sterben.“