Als „annus horribilis“, als schreckliches Jahr, beschrieb Queen Elizabeth II. (1926-2022) das von Unglücken und Skandalen geprägte Jahr 1992 – „und an diesen Ausspruch musste ich in diesem Jahr oft denken“, sagt Bischof Ivo Muser.<BR /><BR />Für das von ihm in Auftrag gegebene Gutachten zum Missbrauch in der Diözese Bozen-Brixen erhielt er zwar sogar ein Lob von der Kinderschutzkommission des Vatikan, auf der anderen Seite muss er viel Kritik einstecken, vor allem nach der missglückten Versetzung des Priesters Don Giorgio Carli im September. <h3> „Entscheidung muss klar kommuniziert werden“</h3>Dass es danach kein Weiter wie bisher gibt, sondern sich etwas ändern muss, um solche Fehler zu vermeiden, ist für Bischof Muser klar. Bischof Muser nennt ein Beispiel: „Eine Entscheidung muss kommuniziert werden. In diesem Fall habe ich sicher nicht richtig eingeschätzt, wie eine Entscheidung rezipiert wird, aufgenommen wird. Das habe ich eindeutig unterschätzt.“<BR /><BR />Immer lauter wird auch der Ruf nach Mitentscheidung der Pfarrgemeinden bei der Versetzung von Priestern. Im Frühjahr hatte es einen öffentlichen Aufschrei über eine Personalentscheidung in Meran gegeben, im Sommer gab es Proteste gegen die Versetzung des Dekans von Sterzing. Auch an diesem Punkt sieht Bischof Muser die Notwendigkeit, einiges anders und besser zu machen. Vor 20 oder 30 Jahren habe der Generalvikar einen Brief geschrieben und die Versetzung war erledigt. Heute sei das anders, sagt der Bischof: „Ich glaube, dass hier viele gute Initiativen gestartet und unternommen wurden, vor allem auch vom Generalvikar, aber auch in unseren Gremien.“ Die Diözese müsse aber schlussendlich das Ganze im Auge behalten und ihre Priester vor öffentlichem Druck schützen. Bischof Ivo Muser: „Wir können es nicht einfach einem Pfarrer überlassen, dass er sich ständig rechtfertigen muss, warum er jetzt weggeht. Aber es wird nie so sein, dass eine Versetzung so klar sein kann, dass sie von allen geteilt wird.“<h3> Von der Volkskirche zu kleinen Gemeinschaften</h3>Freilich dürfte es in absehbarer Zeit nicht mehr so viele Versetzungen geben. Nach der Schätzung eines deutschen Pastoraltheologen stehen der Diözese in 20 Jahren nur noch sieben aktive Priester zur Verfügung. Verabschiedet sich die Kirche damit endgültig vom Dorf? Bischof Muser geht davon aus, dass es dann nicht mehr die gewohnten Strukturen mit 281 Pfarreien gibt. „Aber die Kirche wird Wege finden, vor allem auch in kleineren Gemeinschaften“, ist sich der Bischof sicher. <BR /><BR /><b>Tipp:</b> Der Podcast „Martins Sonn(der)tag“ ist am Sonntag, 16. November, auf STOL (stol.it) abrufbar. Im Gespräch geht Bischof Muser auch auf die Frage ein, was von der Kirche im Dorf noch bleibt, wenn – nach einer Schätzung – in 20 Jahren nur noch sieben aktive Priester zur Verfügung stehen.