Donnerstag, 11. März 2021

Atomkraft: Umdenken nach Fukushima – auch in Italien

Der Reaktorunfall am 11. März 2011 in Fukushima Daiichi (Japan) bewirkte in Europa, in den USA und Japan eine teilweise Abkehr von der Kernenergie, nicht aber in China und Russland. Weltweit wurden danach die Atommeiler aufgerüstet und sollen laut Richtlinien der Internationalen Atombehörde (IAEA) nun auch Kernschmelzen verkraften. Italien sagte nach Fukushima einen geplanten Wiedereinstieg ab.

Nach dem Reaktorunfall in Fukushima vor 10 Jahren hat sich im Bewusstsein der Verantwortlichen einiges bezüglich Sicherheit getan. Im Bild das belgische Werk Tihange bei Huy.
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Nach dem Reaktorunfall in Fukushima vor 10 Jahren hat sich im Bewusstsein der Verantwortlichen einiges bezüglich Sicherheit getan. Im Bild das belgische Werk Tihange bei Huy. - Foto: © shutterstock
„In Europa und den USA ist es sicher zu einem Umdenken gekommen“, sagte auch der Wiener Atomsicherheits-Experte Nikolaus Müllner, der am Institut für Sicherheits- und Risikowissenschaften der Universität für Bodenkultur (Boku) Wien arbeitet, zum 10. Jahrestag der Katastrophe.

Manche Länder wie Deutschland und die Schweiz haben nach dem Unfall in Fukushima den Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen.

Situation in Italien

Italien hingegen sagte nach Fukushima einen geplanten Wiedereinstieg ab. In Italien sind schon seit Jahrzehnten keine Kernkraftwerke mehr am Netz. 4 Kernkraftwerke mit je einem Reaktorblock und einer Bruttogesamtleistung von 1.472 MW wurden nach dem Tschernobyl-Unfall 1986 aus politischen Gründen vorzeitig stillgelegt. Im Mai 2008 kündigte Silvio Berlusconi einen Wiedereinstieg in die Kernenergienutzung mit dem Bau mehrerer Kernkraftwerke in Italien in Zusammenarbeit mit Frankreich an, beginnen wollte man damit innerhalb der nächsten fünf Jahre. Der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy und der italienische Regierungschef Silvio Berlusconi unterzeichneten am 24. Februar 2009 ein Rahmenabkommen zur Nutzung der Atomkraft. Danach sollten in Italien mindestens vier neue EPR errichtet werden. Am 13. Juni 2011 sprachen sich die Italiener in einem Anti-Atom-Referendum gegen den Wiedereinstieg aus.

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Atomkraftwerke in relativer Nähezu Südtirol

Spätestens seit der Tschernobyl-Katastrophe ist auch Südtirolern bewusst, dass Atomenergie nicht vor Grenzen Halt macht. Hier eine Grafik der sich noch in Betrieb befindlichen Atomkraftwerke nahe Österreich und damit auch in relativer Nähe zu Südtirol.


Zudem gibt es noch 4 der 19 aktiven Kraftwerke in Frankreich, die sich in relativer Nähe zur italienischen Grenze befinden und zwar jene von Cruas, Bugey, Saint Alban und Tricastin.

Umdenken in Frankreich und USA, weniger in China

In Frankreich setzte man sich nach Fukushima zum Ziel, den Anteil der Kernenergie in der Stromerzeugung zu reduzieren. „Auch in den USA ist man eher von der Kernenergie abgegangen, es gibt dort nur mehr sehr wenige Projekte, die noch dazu sehr lange Verzögerungen erfahren“, so Nikolaus Müllner.

„China setzt aber nach wie vor auf die Kernenergie. Dort hat man nur ein kurzes Innehalten nach der Katastrophe in Japan gesehen“, erklärte er. Auch in Russland sei man mehr oder weniger bei der Linie geblieben, dass Atomenergie eine wichtige Technologie für das Land sei. Allerdings habe man dort die Vorkehrungen gegen schwere Unfälle verstärkt.
Zusätzlich gäbe es ein paar Kandidaten, die Kernenergie ausbauen wollen. „Zum Beispiel die Türkei, Ägypten und andere afrikanische Staaten, sowie Indonesien“, so der Experte. Bei manchen könnten reale Projekte entstehen, bei anderen wird es vielleicht bei der Intention bleiben, meint er.

Japan: Situation unklar

In Japan selbst sei nicht ganz klar, wie sich die Situation weiterentwickeln wird, erklärte Müllner. Zunächst hat man alle Reaktoren vom Netz genommen und überprüft. Wenn die Betreiber sie wieder ans Netz bringen wollten, mussten sie strenge Wiederinbetriebnahme-Verfahren durchlaufen. Deshalb sind von den 33 betriebsbereiten Reaktoren in Japan aktuell nur wenige eingeschaltet. Es sei auch unklar, wie groß die Strahlenbelastung im von der Katastrophe vor zehn Jahren unmittelbar betroffenen Gebiet ist, die Berichte dazu seien widersprüchlich. Einerseits würden die Menschen teilweise aufgefordert wieder dorthin zurückzukehren, andererseits habe etwa Greenpeace jüngst behauptet, dass die Strahlenbelastung noch zu hoch dafür sei, so der Experte.

Es gäbe auch keine umfassenden wissenschaftlichen Daten, wie sehr die Katastrophe die Einstellung der Bevölkerung bezüglich der Atomkraft beeinflusst hat, sagte Müllner. „Mein Eindruck ist, dass solche Unfälle die Risiken der Atomkraft doch immer sehr stark ins Bewusstsein der Menschen rücken, sich das Ganze aber im Lauf der Zeit wieder verringert“.

Nach dem Reaktorunfall in Fukushima hat sich im Bewusstsein der Verantwortlichen einiges bezüglich Sicherheit getan: „Früher mussten die Kraftwerke für sogenannte auslegungsüberschreitende Störfälle, wie eine Kernschmelze, nicht vorbereitet sein“, so Müllner: „Man hat sich gedacht, man kann Reaktoren so sicher machen, dass eine Kernschmelze nicht vorkommt.“ Der Unfall in Fukushima hat dies widerlegt, und so müssen die Kraftwerke laut Standards der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA) nun sicher mit Kernschmelzen umgehen können. Solche Vorfälle sind seit 2012 als „Design extension conditions“ in den Sicherheitsstandards inkludiert.

apa/vs