Dienstag, 19. Mai 2020

Nach jedem Gewitter folgt Sonnenschein

„Dolomiten“-Chefredakteur Toni Ebner schreibt in seinem Leitartikel der aktuellen Ausgabe des Tagblatts „Dolomiten“ vom Wieder-Aufstehen und Weitermachen nach der Krise. Damals wie heute.

„Dolomiten“-Chefredakteur Toni Ebner.
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„Dolomiten“-Chefredakteur Toni Ebner. - Foto: © Erika Gamper
Vieles was vor Corona selbstverständlich war, ist während und wird nach Corona nicht mehr so sein wie vorher. So auch das Feiern von Festen und Jubiläen.

Statt großartiger Jubiläumsfeiern gebietet die Krise eine innigere Auseinandersetzung mit einem Jahrtag. Nicht das Äußere, Oberflächliche steht im Mittelpunkt, sondern es zählen die wahren Werte, wie Dankbarkeit und Hoffnung.

Dankbarkeit für das, was ein Unternehmen und die Menschen, die es ausmachen, überstehen konnten. Hoffnung, dass es nie mehr Diktatur, Krieg und Vernichtung geben möge.

Heute begehen die „Dolomiten“ ihren 75. Tag der Wiedergeburt nach zwei Diktaturen. Am 19. Mai 1945 konnte das Tagblatt der Südtiroler nach Genehmigung der amerikanischen Militärverwaltung wiedererscheinen.

Was heute als selbstverständlich angesehen wird, war damals aber alles eher als einfach. Land und Leute waren ausgemergelt und erschöpft. 20 Jahre faschistische Willkür, Unterdrückung der deutschen Sprache und Verbot der Tiroler Bräuche haben tiefe Wunden geschlagen. Gefolgt ist die Terrorherrschaft der Nationalsozialisten. Nur das Ende des Zweiten Weltkrieges hat verhindert, dass noch mehr Südtiroler in Konzentrationslagern deportiert und ermordet oder an der Front als Kanonenfutter verheizt wurden.

In dieser Situation den Mut und die Kraft aufzubringen, wieder dort fortzufahren, wo man vor Faschismus und Nationalsozialismus aufgehört hatte, ist bewundernswert.

Das Land war zerbombt, es fehlte an allem. Und trotzdem haben beherzte Männer und Frauen angepackt und unter widrigen Umständen eine Zeitung herausgegeben. Eine großartige Leistung, die damals vielen Menschen in Südtirol Mut machte.

Mit dem Wiedererscheinen der „Dolomiten“ begann die Aufbruchstimmung nach der Katastrophe. Und niemand und nichts konnte die Südtiroler auf ihrem Weg zur selbstbewussten Behauptung ihrer Rechte aufhalten.

Ein Schlüssel für den Erfolg war die Solidarität zwischen den Südtirolern. Dableiber und Optanten haben verstanden, dass nur eine geschlossene Volksgruppe überleben kann. Diese Solidarität brauchen wir heute in der Corona-Krise wieder.

Nur wenn wir zusammenhalten und wirtschaftliche und soziale Interessen vereinigen, werden wir die Probleme meistern, die noch vor uns liegen.

Wenn jeder auf etwas verzichtet und damit anderen hilft, wird es wieder aufwärtsgehen: Nach jedem Gewitter folgt Sonnenschein, hat schon Kanonikus Michael Gamper geschrieben.

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