Es ist ein schöner Sommerabend und Maria und Peter haben Gäste. Man sitzt im Freien, den Pool vor der Nase. Alle amüsieren sich prächtig, bis auf die Gastgeberin. Denn zur Erheiterung – und zu ihrer Demütigung – wirft sie ihr eigener Mann 5 mal im Laufe des Abends vor aller Augen in den Pool. Maria krabbelt jedes Mal in klitschnassen Klamotten aus dem Wasser, zieht sich trockene Sachen an und ist wieder die brave Gastgeberin – mit einem Lächeln im Gesicht. Nur innerlich weint sie.<BR /><BR /><embed id="dtext86-64392889_quote" /><BR /><BR />Eine unmögliche Geschichte, weil sich das keine Frau gefallen lassen würde? Weit gefehlt. „Ein typischer Fall oft unglaublicher Demütigungen, die Betroffene in einer toxischen Beziehung mit einem narzisstischen Partner über sich ergehen lassen“, sagt Renate Appolonia Mitterer.<BR /><BR /> Die Nordtirolerin weiß, wovon sie redet, denn sie saß selber über Jahrzehnte in einer solchen Beziehung fest. Sie hat den Ausstieg geschafft, krempelte ihr Leben komplett um, hat Freunde, Wohnort und Job gewechselt. Heute leitet sie eine Selbsthilfegruppe für Betroffene von narzisstischem Missbrauch in Tirol und engagiert sich sehr, um über die heikle Thematik aufzuklären. <BR /><BR />Denn Aufklärung tut not, sagt sie: „Man sieht nur, was man weiß.“ Oder andersherum: Erkennt man die Manipulationen eines Narzissten nicht, dann erliegt man ihnen und sucht den Fehler bei sich. Denn genau das vermittelt einem der narzisstische Partner: Während er selber alles richtig macht und großartig ist, ist der Partner unfähig, dumm, hässlich, tollpatschig und vieles demütigende mehr. <BR /><BR /><embed id="dtext86-64393113_quote" /><BR /><BR />Dabei, so erzählt Mitterer aus ihrer eigenen Erfahrung, aber auch aus den Berichten vieler Betroffenen in der Selbsthilfegruppe, findet „die Gehirnwäsche schleichend statt“: „Narzissten sind zunächst charmant und charismatisch. Sie überhäufen ihr Opfer mit Liebesbekundungen, Geschenken, Einladungen, sie machen galant den Hof. Wenn man sich dann darauf einlässt, dann drängt der Narzisst auf eine gemeinsame Wohnung, Heirat, Kinder. Und mit jedem Schritt wird es dann schwerer für das Opfer, die Beziehung zu verlassen“, berichtet Mitterer. <BR /><BR /><embed id="dtext86-64393117_quote" /><BR /><BR />Und dann fangen schleichend die Demütigungen und beständigen Abwertungen an: „Wie kann man sich nur so dämlich anstellen wie du?“ „Wie blöd bist du denn?“ „Hast du dich eigentlich mal wieder im Spiegel angeschaut?“ „Du lässt dich gehen“ „Ohne mich müsstest du unter der Brücke schlafen“ .... Die permanente Kritik zermürbt, terrorisiert, zerstört das Selbstwertgefühl, treibt die Betroffenen nicht selten in psychosomatische Störungen bis hin zu Suizidgedanken.<h3> Meist gibt es eine Vorgeschichte</h3> Natürlich lässt sich das nicht jede/jeder gefallen. „Ein Narzisst hat ein Gespür dafür, der riecht auf 100 Meter, mit wem er diese Spielchen machen kann“, sagt Mitterer. <BR /><BR />Denn potenzielle Opfer haben wie sie selbst meist eine Vorgeschichte: „Die Betroffenen verstehen anfangs auch gar nicht, was ihnen in der Beziehung da passiert, denn sie sind es nämlich schon aus Kindertagen so gewohnt. Ihnen wurde von klein auf gesagt, wie dumm, wie schlecht, wie hässlich sie sind und wie gut im Vergleich die Cousine, Nachbarstochter oder wer auch immer. Auch mir hat meine Mutter meine gesamte Kindheit über vermittelt ,Du bist nicht gut genug‘“, erzählt Mitterer. <BR /><BR /><embed id="dtext86-64393281_quote" /><BR /><BR />Hilfe, davon ist sie mittlerweile überzeugt, bietet die Selbsthilfegruppe: „Dort haben alle das Gleiche mitgemacht, es wird einem endlich geglaubt. Jeder in der Gruppe kennt die Hölle, durch die man geht“, sagt Mitterer. Und dann gibt es nur noch eines zu tun: Die toxische Beziehung beenden, indem man „die Beine in die Hand nimmt und ganz schnell ganz weit weg rennt und jeden Kontakt komplett abbricht“.<BR /><BR /><b>Informationsabend am Dienstag:</b><BR />Der Dachverband für Soziales und Gesundheit organisiert am kommenden Dienstag, 23. April, einen Informationsabend zum Thema in Bozen. Mit dabei ist neben Renate Appolonia Mitterer mit Christine Merzeder eine weitere ehemals betroffene Frau, die sich erfolgreich aus einer narzisstischen Missbrauchsbeziehung gelöst hat. Zudem spricht der Innsbrucker Psychologe und Psychoanalytiker Prof. Josef Christian Aigner. Ziel ist es, dass im Anschluss an die Veranstaltung die Entstehung einer Selbsthilfegruppe angeregt wird. Eine Anmeldung zum Infoabend ist allerdings nicht mehr möglich, da alle verfügbaren Plätze bereits ausgebucht sind, viele Interessierte stehen jetzt schon auf der Warteliste. Ein Ausweichen auf einen größeren Saal war leider nicht möglich. Der Dachverband wird daher im Herbst einen weiteren Infoabend organisieren. Interessierte können sich somit trotzdem weiter bei der Dienststelle für Selbsthilfe melden. Anonymität und Vertraulichkeit sind natürlich zugesichert. „Wir hoffen und gehen davon aus, dass sich eine Selbsthilfegruppe bildet und durch die begonnene Aufmerksamkeit für die Problematik eine Sensibilisierung der Öffentlichkeit, besonders aber auch bei Polizei, Gericht und Anlaufstellen gelingt“, heißt es von Seiten des Dachverbandes.<BR />