<b>Wodurch zeichnet sich eine toxische Beziehung zu einem Narzissten aus?</b><BR /><BR />Prof. Josef Christian Aigner: Der Narzisst zeichnet sich durch eine überschießende, eitle Selbstliebe aus. Er – häufig sind es Männer, aber nicht immer – hält sich zwar einerseits für das Superexemplar eines Mannes, andererseits lechzt er nach Anerkennung. Er leidet sozusagen an einer Anerkennungshungersnot. Widerspruch oder Kritik ertragen Narzissten nicht, da reichen auch schon Kleinigkeiten und sie explodieren. Fühlen sie sich in Frage gestellt, reagieren sie mit heftigen Emotionen bis hin zu physischer Gewalt. Der schwächere Partner leidet oft selbst an einer gewissen Bedürftigkeit, braucht den scheinbar großartigen Partner, um sich selber größer zu fühlen. Er nascht sozusagen an der Sphäre des Großartigen mit. Die beiden passen zusammen wie der Deckel auf den Topf. <BR /><BR /><BR /><b>Aber doch nur scheinbar – das Opfer leidet schließlich...</b><BR /><BR />Prof. Aigner: Ja, sehr sogar. Das geht bis zu Suizidgedanken bzw. Suiziden. Und dennoch ist es unglaublich schwer für das Opfer, sich aus der Beziehung zu lösen. Dieses Phänomen kennt man auch von anderen Missbrauchsopfern. <BR /><BR /><BR /><b>Wie wird ein Narzisst ein Narzisst?</b><BR /><BR />Prof. Aigner: Menschen, die eine solche narzisstische Störung haben, haben in der Regel als Kinder nicht geeignete Rückmeldungen durch frühe Bezugspersonen bekommen. Das kann zum einen ein Mangel an Liebe, Anerkennung und Akzeptanz gewesen sein, oder auch eine ungesunde Übervorteilung: Sie wurden – oft von den Müttern – wie ein kleiner Gott behandelt, den nichts begrenzt oder gebremst hat. In beiden Fällen kann sich eine narzisstische Störung entwickeln, wie große „Babys“, denen alle Welt zu Füßen liegen muss. Dabei sind diese Menschen sehr leicht kränkbar. Ich vergleiche das gerne mit einem Luftballon: Je aufgeblasener der ist, desto dünner wird die Haut. <BR /><BR /><BR /><b>Täuscht der Eindruck, oder nehmen solche toxischen Beziehungen heutzutage tatsächlich zu?</b><BR /><BR />Prof. Aigner: Toxische Beziehungen gibt es heute sicherlich häufiger als noch vor 40/60 Jahren. Da spielt auch ein gesellschaftlicher Faktor eine Rolle. Unsere Leistungsgesellschaft erwartet unfehlbare Menschen. Es gilt besser zu sein als andere, sich stets souverän und überlegen zu geben. Und andererseits haben Frauen – zum Glück – große emanzipatorische Fortschritte erreicht, die das Patriarchat vergangener Tage ins Wanken gebracht haben. Das alte Muster spielt sich heute nicht mehr. Beides begünstigt das Entstehen toxischer Beziehungen. <BR /><BR /><BR /><b>Gibt es weitere Faktoren?</b><BR /><BR />Prof. Aigner: Auch ein „ferner“ Vater kann bei der Entwicklung einer solchen narzisstischen Störung eine Rolle spielen. Das kann ein abwesender Vater oder ein schwacher Vater sein, beides kann eine ungeheure Sehnsucht nach einem starken Vater erzeugen – und so suchen sich die Buben fragwürdige Helden als Vorbilder, denen sie nacheifern. <BR /><BR /><BR /><b>Kann man einen Narzissten rechtzeitig erkennen – und meiden?</b><BR /><BR />Prof. Aigner: Es scheint, dass Narzissten ein feines Gespür haben, wer sich als Opfer eignet. Auf diese gehen sie gezielt zu, umgarnen sie. Narzissten können sehr charmant und großzügig sein – und auch während einer Beziehung immer wieder ihre nette Seite hervorholen, um den Partner weiter an sich zu binden. Und der, das dürfen wir nicht vergessen, ist ja seinerseits bedürftig. Die Vernunft als Ratgeber dürfen wir in diesen Fällen nicht überbewerten, die Ratio ist da außer Kraft gesetzt.<BR /><BR /><BR /><b>Was ist, wenn es Kinder in einer solchen Beziehung gibt?</b><BR /><BR />Prof. Aigner: Narzissmus kann man auch in der Vaterrolle nicht ablegen, was zu dramatischen Vorkommnissen führt. Solange das Kind so großartig ist, wie der Narzisst es will, wird es vergöttert. Bei Fehlern hagelt es Beleidigungen, wie „Du bist der letzte Trottel“, „Aus dir wird nie etwas werden“... Und damit erzeugt der Narzisst wieder eine bedürftige Person. <BR /><BR /><BR /><b>Ist Narzissmus therapierbar?</b><BR /><BR />Prof. Aigner: Das ist ganz, ganz schwierig. Wenn im Leben von Narzissten nicht eine massive Katastrophe passiert, bleiben sie therapieresistent. Denn sie sind ja vollkommen überzeugt, im Recht zu sein, letztlich über allem zu stehen. Eine kritische Selbstreflexion findet nicht statt.<BR /><BR /><BR /><b>Informationsabend und Gründung einer Selbsthilfegruppe</b><BR /><BR /><BR /><BR />