<b>Wie äußert sich eine narzisstische Persönlichkeitsstörung?</b><BR />Dr. Eva Kada: Ein Mensch mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung hat ein überwiegend positives Selbstbild, hält sich für besonders begabt, talentiert, geschickt oder ähnliches. Und weil er so gut ist, erhebt er den Anspruch, dass andere Menschen ihn bewundern und loben sollen, und dass er Anspruch auf eine besondere Behandlung hat. <BR /><BR /><b>Das klingt zwar sehr eigen, aber nicht unbedingt besorgniserregend...</b><BR />Dr. Kada: Dieses positive Selbstbild nach außen ist aber nur eine Seite der Medaille, zugleich besteht innerlich ein übertrieben negatives Selbstbild: Man ist nichts wert, man kann nichts, man ist ein Versager. Und weil dieses negative Selbstbild da ist, muss es durch das positive kompensiert werden. Narzisstische Menschen tun alles, um nicht an das negative erinnert zu werden. Gegen Kritik wehren sie sich mit Wut oder Aggression: Die narzisstische Wut versucht zu verhindern, dass man das positive Selbstbild verliert.<BR /><BR /><b>Forschungen zeigen aber auch, dass mit zunehmendem Narzissmus auch der Erfolg als Führungskraft steigt...</b><BR />Dr. Kada: Es gibt 3 Subtypen von Narzissmus: erfolgreiche, erfolglose und gescheiterte Narzissten. Erstere haben großen Ehrgeiz, setzen sich selbst hohe Standards und sind sehr leistungsbereit. Somit kann Narzissmus – sofern die Person ausreichend kompetent ist – auch ein starker Motor sein. Das Problem ist halt, dass sich die Person zwar anstrengt, ihre Ziele zu erreichen, sie tut es aber aus einer inneren Unsicherheit heraus, das heißt, sie kann nie innehalten, was auch auf die persönliche Gesundheit gehen kann. <BR /><BR /><embed id="dtext86-64659682_quote" /><BR /><BR /><b>Und die erfolglosen?</b><BR />Dr. Kada: Die erfolglosen Narzissten versuchen, das Scheitern zu vermeiden, indem sie zwar hohe Ansprüche an ihre Ziele haben, aber sich dann nicht anstrengen, sie zu erreichen, weil sie sich eigentlich nichts zutrauen. Sie tragen aber weiterhin ihre hohe Anspruchshaltung nach außen. Wenn sie nichts vorzuweisen haben, werden sie oft von anderen kritisiert. Dann führen sie als Grund, warum sie nichts erreicht haben, alle möglichen äußeren Umstände an – Schuld jedenfalls sind immer die anderen.<BR /><BR /><b>Bleiben die gescheiterten...</b><BR />Dr. Kada: Diese versuchen eine Zeitlang, ein Ziel zu verfolgen. Meist ist es von Bezugpersonen vorgegeben, z.B. der Vater hat sich einen Sohn als Arzt gewünscht, dieser studiert deshalb Medizin, obwohl er es nicht gern tut. Irgendwann scheitert er, versucht aber, die Illusion aufrecht zu erhalten. Er lügt und betrügt und trickst, irgendwann bricht das Lügengebäude ein, dann kommt es entweder zu einer depressiven Reaktion oder zu anderen psychischen Schwierigkeiten.<BR /><BR /><b>Gibt es einen Zusammenhang zwischen Narzissmus und der Tendenz zur Straffälligkeit?</b><BR />Dr. Kada: Die narzisstische Persönlichkeitsstörung wird – weniger in ihrer Reinform, aber in Kombination mit anderen – sehr häufig im Maßnahmenvollzug diagnostiziert. <BR /><BR /><b>Welche Herausforderungen tauchen bei der Therapie von narzisstischen Straftätern auf?</b><BR />Dr. Kada: Eine Schwierigkeit ist, dass die Patienten nicht freiwillig in Therapie gehen, sie werden dazu verurteilt bzw. eingewiesen. Das zweite Problem ist: Der Narzisst, der ja gelobt und als besonders gut angesehen werden möchte, muss eine Therapie beginnen, die er nicht möchte, mit jemandem, der ihn für einen psychisch kranken Straftäter hält. Und: Wir können nicht nur über das reden, bei dem er sich wohlfühlt, wir müssen über die Seiten sprechen, die ihn gefährlich machen. Es kann funktionieren, wenn es gelingt, eine therapeutische Beziehung aufzubauen, die dem narzisstisch gestörten Menschen vermittelt: Ich kann dir helfen, ein anderes Leben zu leben. Die große Frage ist, inwieweit es geschafft werden kann, Motivation zu wecken.<BR /><BR /><b>Ist Narzissmus heilbar?</b><BR />Dr. Kada: Heilen ist ein großes Wort: Diese Verhaltens- und Lebensmuster sind so früh angelernt und so tief verwurzelt, dass sie nicht mehr weg gehen. Was man erreichen kann, ist, dass der Betroffene die Muster erkennt und sich besser kontrollieren kann. Statt spontan auf eine Situation mit der üblichen Wut zu reagieren, kann er dann beschließen, ich atme noch dreimal tief durch, denke nach und versuche, eine sozial verträglichere Reaktion zu zeigen. Die Psychotherapie endet aber nicht mit der Entlassung aus dem Maßnahmenvollzug, sondern muss über Jahre weitergehen, denn die Anforderungen innerhalb der Anstaltsmauern sind ja ganz andere als draußen im echten Leben.<BR />