Die Behörden warnen vor Epidemie-Gefahr. Die Szenen erinnern an die Krise vor zwei Jahren, als die Stadt am Vesuv monatelang mit Tonnen von Müll praktisch zugeschüttet wurde und das Heer eingreifen musste, um Neapel vom Unrat zu befreien. Keine 27 Monate sind vergangen, seit Regierungschef Silvio Berlusconi die Soldaten im Krieg gegen die Monsterberge von Abfall einsetzte. Das Schreckgespenst „Müllnotstand“ erhitzt die Gemüter neuerlich.Rund 1.000 Tonnen Abfall liegen in der Stadt, die mit ihrem Einzugsgebiet mehr als vier Millionen Einwohner zählt. Ausgelöst wurde die Krise von einem Streik des Personals eines lokalen Entsorgers. Die 400 Mitarbeiter protestieren, weil dem Unternehmen der Verlust des Auftrags droht, was die Beschäftigten die Jobs kosten würde. Noch ist die buchstäblich zum Himmel stinkende Müllkrise nicht so dramatisch wie vor gut zwei Jahren, als sich nahezu das Zehnfache an Abfällen über Wochen in der Sommerhitze türmte. Die Lage droht sich aber weiter zu verschärfen, weil es nach wie vor an Deponien mangelt. Im nahe gelegenen Terzigno soll zwar eine zweite Anlage eröffnet werden, doch häufen sich die Bürgerproteste dagegen.Seit Tagen demonstrieren die Bewohner von Terzigno und Boscoreale, zwei kleinen Gemeinden unweit des Vesuvs, gegen den Bau der neuen Deponie. Sie soll an den Hängen des Vulkans in einem Nationalpark entstehen, der von der Unesco geschützt ist. Der Bürgermeister von Boscoreale ist aus Protest in den Hungerstreik getreten. Mit Steinwürfen und Blockaden versuchen Terzignos Bewohner die Entsorgung des Unrats aus Neapel auf der riesigen Müllhalde zu verhindern, die voraussichtlich im Lauf des kommenden Jahres am Ende ihrer Kapazität angelangt sein wird.Die Anlage stelle eine Gesundheitsgefährdung für die Bewohner in einem stark überbevölkerten Gebiet dar, erklärten die Bürgermeister beider Gemeinden. Die Deponie verpeste mit ihrem Gestank die Gegend, dort werde außerdem gesundheitsgefährdendes Gift entsorgt, warnen die Demonstranten, die mit Straßenblockaden die Zufahrt der Müllautos verhindern wollenBei den Protesten an der Deponie kam es dieser Tage wiederholt zu gewalttätigen Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei mit Verletzten auf beiden Seiten. Unbekannte zerstörten dutzende Fahrzeuge der Müllabfuhr, nachts wurden die riesigen Abfallberge angezündet. Müllmänner und ihre Fahrzeuge werden von der Polizei eskortiert.Doch das Problem ist alles andere als gelöst. Nacht für Nacht bauen die Demonstranten Straßenbarrikaden vor dem Deponiezugang auf. Frauen und Kinder legen sich vor die Lkw der Müllabfuhr, um ihnen den Weg zur Müllhalde zu versperren. Immer wieder griff die Polizei mit Knüppeln und Tränengas ein, um die Barrikaden abzubauen und den Weg zur Deponie frei zu machen. Der Druck auf die Bevölkerung ist groß, denn von der Deponie hängt die Müllentsorgung eines beträchtlichen Teils des neapolitanischen Großraums ab.Wegen des anhaltenden Protests ist in Terzigno die hygienische Lage unerträglich geworden. Der Bürgermeister der Ortschaft, Sauro Secone, appellierte an die Bevölkerung, den Müll zu Hause aufzubewahren und ihn nicht auf den Straßen zu stapeln, denn seit Tagen werde der Unrat wegen des Protests nicht mehr entsorgt. Die Bürgermeisterin Neapels, Rosa Russo Iervolino, scheint machtlos zu sein. „Diese Notstandslage ist das Resultat einer strukturellen Krise, die nicht gelöst worden ist. Der Plan der Regierung Berlusconi für den Bau neuer Deponien funktioniert nicht“, protestierte die Bürgermeisterin.apa