Sonntag, 26. April 2015

Nepal erlebt schlimmstes Erdbeben seit 80 Jahren

Seit mehr als 80 Jahren hat die Erde in Nepal nicht mehr so stark gebebt. Damals kamen tausende Menschen ums Leben – und auch diesmal steigt die Zahl der Toten immer weiter. Auch am Mount Everest spielen sich nach Lawinenabgängen Dramen ab. Hilfe aus aller Welt läuft an.

Sie haben alles verloren. Für die Menschen in Nepal war das Erdbeben die schlimmste Katastrophe seit Jahrzehnten.
Sie haben alles verloren. Für die Menschen in Nepal war das Erdbeben die schlimmste Katastrophe seit Jahrzehnten. - Foto: © LaPresse

Beim stärksten Erdbeben in Nepal seit mehr als 80 Jahren sind mindestens 1900 Menschen ums Leben gekommen. Große Teile der Infrastruktur des Landes, zahlreiche alte Häuser und die typischen Lehmbauten des Himalayas wurden ebenso zerstört wie Weltkulturerbe- und Pilgerstätten. Auch am Tag nach dem gewaltigen Stoß der Stärke 7,8 erschütterten am Sonntag starke Nachbeben die Region. Rund um den Mount Everest lösten sich bei jedem Zittern der Berge Lawinen und Erdrutsche. Mindestens 18 Menschen starben allein im Basislager am höchsten Berg der Erde.

Mindestens 1909 Tote allein in Nepal

Die Behörden sprachen am Sonntag von mindestens 1909 Toten und Tausenden Verletzten allein in Nepal. Auch Indien, China und Bangladesch waren betroffen. Das Innenministerium Nepals fürchtete, dass die Zahl der Toten weiter steigen werde.

Eine große internationale Hilfswelle lief inzwischen an – erreicht aber zunächst vor allem die Hauptstadt Kathmandu. Der Flughafen war laut Polizei nur vorübergehend für Linienflüge offen. Deswegen sitzen zahlreiche Touristen in Nepal fest – derzeit ist die Hauptsaison für Bergsteiger und Wanderer.

Epizentrum nahe der Stadt Kathmandu 

Das Epizentrum des Bebens vom Samstag lag etwa 80 Kilometer westlich von Kathmandu. Dort befänden sich die Dörfer direkt an großen Berghängen und die Häuser bestünden aus einfachen Stein-und Felskonstruktionen, sagte Matt Darwas von der Hilfsorganisation World Vision. „Viele dieser Dörfer sind nur mit Geländewagen und zu Fuß erreichbar, manche Stunden oder sogar Tagesmärsche von der Hauptstraße entfernt.“

Nepal hat den Notstand in den betroffenen Gebieten ausgerufen, in denen 6,6 Millionen Menschen leben. Die Krankenhäuser und Leichenhäuser seien überfüllt, Blutkonserven und Medikamente gingen zur Neige, erklärten die Vereinten Nationen. Schulen und Universitäten bleiben für eine Woche geschlossen. Die Stromversorgung könnte lange ausfallen, da das Erdbeben die Wasserkraftwerke beschädigt hat, von denen Nepal fast all seinen Strom bezieht.

Hochsaison am Mount Everest

Zum Zeitpunkt des Lawinenunglücks hielten sich nach offiziellen Angaben etwa 1000 Menschen am Mount Everest auf. Die Leichen im Basislager seien von einem Expeditions-Team der indischen Armee gefunden worden, erklärte diese. Nach Angaben der Polizei in Lukla wurden 61 Verletzte ins Tal gebracht. Unter den Toten sind nach Angaben von Expeditionsleitern und Angehörigen ein Australier, ein US-Amerikaner und ein Chinese. Auch Südtiroler waren vor Ort.

Auf dem Mount Everest an der Grenze zwischen Nepal und China haben sich zum Zeitpunkt des schweren Erdbebens mehrere Österreicher befunden. Neben vier Osttirolern rund um den blinden Alpinisten Andy Holzer berichtet auch der Grazer Clemens Strauss in einem Online-Tagebuch von seiner Expedition auf den höchsten Berg der Erde.

Strauss, der sich Kurt Dattinger nennt, befand sich nach eigenen Angaben am Sonntag wie Holzer im vorgeschobenen Basislager (ABC, advanced base camp) auf der Nordseite des Everest in rund 6.400 Meter Höhe in Sicherheit. Dort war der Steirer auch während des Bebens, der Berg habe „anständig gewackelt“ und „mit ihm unsere Zelte“, schrieb Strauss in dem Blog. „Wir aber sind wohlauf“, hielt er am Sonntag ergänzend fest. Die Erde wackle zwischendurch immer noch. An ein Ende seiner Expedition dachte Strauss vorerst nicht.

„Die Stimmung im Camp ist gespalten“, sagte Holzers Ehefrau Sabine in Osttirol. Von seinen begleitenden Sherpas habe beinahe jeder sein Haus verloren, berichtete der blinde Bergsteiger demnach am Sonntag in einem E-Mail. Todesopfer gab es unter den Angehörigen der Bergführer jedoch offenbar nicht.

Das schwer von einer Lawine verwüstete eigentliche Basislager in 5.270 Metern Höhe befindet sich laut Sabine Holzer auf der Südseite des Berges. Dort gab es 18 Tote.

Ihr Mann sei traurig, dieses Leid so hautnah mitzuerleben, sagte die Frau der APA. Er sei aber froh, dass die Gruppe in Sicherheit ist und hoffte bereits, dass es in einigen Tagen weiter gehen könnte. Er habe noch ein großes Zeitfenster für die Besteigung, der Gipfelsturm sei zwischen dem 20. und 22 Mai geplant gewesen.

Nachbeben am Sonntag

Am Sonntag kam es zu einem heftigen Nachbeben, das laut US-Erdbebenwarte eine Stärke von 6,7 hatte. Länder aus aller Welt schickten Flugzeuge mit Hilfsgütern wie Nahrungsmitteln, Medikamenten und Kommunikationsgeräten. Allein der große Nachbar Indien flog 43 Tonnen Material ein, darunter Zelte und Wasser. Auch mehrere Helikopter wurden zur Verfügung gestellt.

dpa

stol