Roland Benedikter, UNESCO-Lehrstuhlinhaber an der Eurac, war als Südtiroler Vertreter und Delegierter der Vereinigung der UNESCO-Lehrstühle Italiens bei der Konferenz dabei. Mitgenommen hat er „die Zuversicht, dass die Rolle der Kultur für den Frieden wachsen kann.“<BR /><BR /><BR /><b>Herr Benedikter, welches Resümee bringen Sie aus Barcelona mit?</b><BR /><BR />Roland Benedikter: Die Zuversicht, dass die Rolle der Kultur für den Frieden wachsen kann. Denn während Kultur in der Menschheitsgeschichte manchmal eher trennend wirkte, haben wir heute einen Punkt erreicht, an dem sie immer stärker verbindend wirken kann. Die vielen Krisen der vergangenen Jahre wie Covid und Kriege haben die Kultur nicht geschwächt, sondern den Bedarf nach ihr stark gesteigert. Die Menschen brauchen mehr Sinn, der sie verbindet, statt sie zu trennen. Der Kulturbereich spiegelt dies wider. <BR /><BR /><BR /><b>Warum können sich Kulturen heute eher zusammen- als auseinanderentwickeln?</b><BR /><BR />Benedikter: Weil sie sich im Zeitalter globaler Technologien einander angleichen, ob sie das nun wollen oder nicht. Denken wir an Internet, Computer und Mobiltelefon. Sie gleichen heute grenzübergreifend Verhaltenskulturen an. Es haben sich Verhaltensweisen herausgebildet, die auf der ganzen Welt ähnlich sind. In den kommenden Jahren werden neue Technologien, aber auch moderne Mobilität dazu führen, dass die Kulturen weiter zusammenwachsen. Kultur kann dabei zu einer Stifterin gemeinsamen Menschheitsbewusstseins werden. Das wird aber nur dann der Fall sein, wenn sie Kultur bleibt – also nicht zur Technologie wird. Und wenn der Prozess weise gestaltet wird. Hier bleibt Kultur von Politik mit Augenmaß abhängig.<BR /><BR /><BR /><b>Wo steht die Kultur in der Welt heute?</b><BR /><BR />Benedikter: Die Weltkultur verändert sich heute vor allem durch zwei Elemente: durch neue Technologien und neue Konflikte. Gegenüber beiden muss Kultur ihren Wert beweisen, um zu zeigen, dass sie in ihren bisherigen Formen nicht zweitrangig geworden ist. Deswegen waren die beiden großen Fragen in Barcelona: Wie gestalten wir die Weltkultur im Zeitalter der künstlichen Intelligenz menschlich, nicht nur technologisch? Und wie können wir Kultur besser für Frieden nutzen? <BR /><BR /><BR /><b>Ja, wie?</b><BR />Benedikter: Für die neuen Technologien ist die Weltgemeinschaft dabei, neuartige ethische Instrumente zu entwickeln. Dazu hat die UNESCO 2021 die weltweit ersten „Empfehlungen für eine Ethik künstlicher Intelligenz“ veröffentlicht. Derzeit wird an einer Ethik der Neurotechnologien gearbeitet: also der neuen Gehirn- und Bewusstseinswissenschaften. Sie könnten das Selbstbild des Menschen in den kommenden Jahren erheblich verändern. Daher brauchen wir menschheitliche Standards, wie das weitergehen soll. Zweitens: Zur Nutzung der Kultur als Friedensstifterin wurde ebenfalls 2021 in Brügge die UNTRAD gegründet. Das ist die UNO-Einrichtung für nicht-traditionelle Diplomatie. Kultur spielt hier die entscheidende Rolle. Die Diplomatie der kommenden Jahre soll kulturell erfolgen. Das ist angesichts der inneren Lähmung traditioneller diplomatischer Institutionen wie des UNO-Sicherheitsrats eine ziemlich gute Idee.<BR /><BR /><BR /><b>Kultur in Zeiten der KI und des „abwesenden Friedens“ wird also wichtiger?</b><BR /><BR />Benedikter: Wir sehen generell eine Bedeutungszunahme von Kultur. Denn die Menschen brauchen mehr menschlichen und nicht (nur) technischen Sinn. Zugleich sagen Kritiker, ebenfalls zu Recht: Kultur spielt eine immer kleinere Rolle auf der Welt, weil sie durch Technologie ersetzt wird. Heute leben wir weltweit in der „Chatbot-Kultur“ von Chat- GPT, DeepSeek, Gemini oder Mistral, mit der Aussicht auf Quantencomputer und Fusionstechnologien, die das Ganze auf eine noch höhere Stufe heben könnten. Deshalb gilt es, neue Balancen der kulturellen Sinnstiftung und des Umgangs miteinander zu finden. In Vorbereitung ist im Angesicht neuer Technologien z. B. ein europäischer Kulturkompass, der humane Kreativität gegenüber generativen Technologien wie KI und Chatbots stärken soll. Das Ziel: Europa zu einem humanistischen Kulturpfeiler zu machen gegenüber der drohenden Ersetzung der Menschen durch KI. Kultur stiftet durch ihre bloße Existenz Frieden, vielleicht sogar mit Hilfe der Technologie, wenn beide sinnvoll zusammenarbeiten.<BR /><BR /><BR /><b>Was bedeutet das konkret?</b><BR /><BR />Benedikter: Dass Entwicklung nicht nachhaltig sein kann, wenn Menschen ihre individuellen und kollektiven kulturellen Rechte nicht wahrnehmen können. Dazu ist für die kommenden Jahre ein 18. Nachhaltigkeitsziel „Kultur“ in Planung. Und deshalb will die UNO in den kommenden Jahren kulturelle Rechte zu Menschenrechten erheben. <BR /><BR /><BR /><b>Die Relevanz für Südtirol?</b><BR /><BR />Benedikter: Die Einführung kultureller Rechte auf Weltebene könnte für Südtirol als traditionelles Minderheitengebiet Vorteile bringen. Es könnte aber auch internen Streit und neue Debatten auslösen – wie immer bei solchen Neuerungen. Die Vision hat bereits unter den Delegierten in Barcelona starke Kontroversen ausgelöst. Deshalb gilt es, von voreiligen Schritten Abstand zu nehmen und mögliche Kulturrechte sehr genau an konkrete Umgebungen anzupassen, weil die überall anders sind. Die Forderung nach einem neuen, 18. Nachhaltigkeitsziel für Kultur dagegen sollten wir in Südtirol möglichst früh aufgreifen, um mitzureden. Viele Details, v. a. zu den Unterzielen, den Messparametern und den Indikatoren, sind noch unklar.<BR /><BR /><Titel></Titel>