Die 2.941 m hohe Mutspitze war für Andy Walder stets ein besonderer Berg. Bereits seit Jahrhunderten fungiert sie als Beobachtungspunkt, zunächst, um Nutztiere vor Großraubtieren wie Bären zu schützen, später als militärische Stütze im Ersten Weltkrieg. „Immer wieder zieht es mich auf diesen Gipfel hinauf“, erzählt der Wanderleiter aus Morter. Vor circa zehn Jahren gab es noch gar keinen richtigen Weg, er kämpfte sich damals durch steiles Felsgelände hoch. Irgendwann wurde auf dem Gipfel der Mutspitze ein einfaches Holzkreuz aufgestellt. Aber sie blieb ein Geheimtipp, ein Ziel all jener Wanderer, die Ruhe und Einsamkeit suchten, die den Pfad kannten.<BR /><BR />Dann kam der 9. November 2023: Andy Walders Sohn Philip kam bei einem tragischen Arbeitsunfall ums Leben. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1333041_image" /></div> <BR />„Seit Langem spielte ich mit dem Gedanken, auf der Mutspitze ein neues Gipfelkreuz zu errichten. Das Ableben meines Sohnes gab den Anstoß dazu, diese Idee umzusetzen. Die Vorfahren der Familie stammen aus dem Martelltal, oft waren und sind wir dort unterwegs“, erzählt sein Vater. Philip Walder war der technische Leiter der Bergrettung Martell. „Ich war nie gemeinsam mit ihm auf der Mutspitze, aber er war mit Freunden dort oben auf Skitour und wir haben zusammen die Zufallspitze, die Madritschspitze und viele weitere Gipfel im Martelltal bestiegen“, erinnert er sich.<h3> Wofür die Farben des Kreuzes stehen</h3>Andy Walder ist Alpenvereinsmitglied und wandte sich mit seiner Idee an den Vorstand und die Vereinskollegen sowie an die Bergretter, die Wegebetreuer und den Bürgermeister von Martell, Georg Altstätter. Bei allen stieß Walder mit seiner Idee auf offene Ohren, die Planung und Umsetzung konnten bald beginnen. Verschiedene Stellen im Gipfelbereich kamen infrage, gemeinsam entschied man sich schließlich für einen Platz rund zehn Meter unterhalb des eigentlichen Gipfels.<BR /><BR />Walder fertigte einen ersten Entwurf des Kreuzes an. „Ich wollte, dass es die Farbe Weiß bekommt. Es gab bislang nur ein weißes Gipfelkreuz im Vinschgau, und zwar jenes der Sesvennaspitze im Obervinschgau. Das ist mir besonders in Erinnerung geblieben.“ Weiß steht zudem für Frieden und Unschuld. Der rote Punkt in der Mitte des Kreuzes soll ein markanter Blickfang sein. Rot bedeutet aber auch Liebe und Schmerz. Die Kombination Weiß-Rot habe keine politischen Gründe, stellt Walder klar. <BR /><BR />Im Frühling 2025 machte er sich mit dem Entwurf auf den Weg zum Schmied ins Martelltal. Es sollte einen ganzen (Wander)sommer dauern, bis das Kreuz fertiggestellt und verzinkt war. Eine Fachfirma für Pulverbeschichtung aus Glurns führte die weiße und rote Oberflächenbeschichtung aus.<h3>575 Kilogramm Zement, 135 Liter Wasser</h3>Am 9. Oktober 2025 war es so weit: Ein Hubschrauber brachte fünf Männer, das Kreuz sowie 575 Kilogramm Zement, 135 Liter Wasser und das benötigte Werkzeug auf den Gipfel. Ein paar Mal hatte man das Unterfangen verschoben, das Wetter hatte nicht gepasst. Nun strahlte die Morgensonne, es war windstill. <BR /><BR />Die Männer machten sich an die Arbeit: Mit Spitzhacken hoben sie das Fundament aus. Da Gipfelkreuze Anziehungspunkte für Blitze sind, erhielt es auch einen Blitzableiter. Dafür wurden beidseits des Kreuzes Leitungen verlegt und mit tief in den Boden getriebenen Eisenstäben verbunden. Mit Eimer, Werkzeug und Abfall bepackt, stieg die Gruppe ab ins Tal. <BR /><BR />Einige Tage später kehrten Andy Walder und ein Freund zurück, um das Fundament fertigzustellen und den Weg zum Gipfelkreuz neu zu markieren. Am 18. Oktober 2025 wurde das Gipfelkreuz in das Fundament gehoben und befestigt. „Innerhalb kurzer Zeit war alles erledigt“, berichtet er.<BR /><BR />In letzter Zeit haben sich viele Menschen auf den Weg zur Mutspitze gemacht. Das Kreuz ist bekannt, auch weil viele Fotos dieses doch etwas besonderen Gipfelkreuzes in den sozialen Netzwerken zirkulieren. <h3> Segnung findet am 19. Juli statt</h3>Viele Wandersteine werden zurückgelassen, die Menschen erfreuen sich daran. „Das macht mich auch froh. Es ist etwas Besonderes und war mein Herzensprojekt“, sagt der Ideengeber bescheiden. Am Sonntag, dem 19. Juli, wird Generalvikar Eugen Runggaldier das Kreuz segnen. Er hat Philip Walder persönlich gekannt, beide verband die Leidenschaft für die Bergrettung. Der Verlust bleibt schmerzlich und unersetzlich. Andy Walder spürt seinen Sohn aber an ganz vielen Orten, überall gibt es Verbindungen. Eine davon ist der Gipfel der Mutspitze. <h3> Die Wanderung:</h3><div class="img-embed"><embed id="1333044_image" /></div> Anfahrt und Ausgangspunkt: Martell, Talschluss. Großer gebührenpflichtiger Parkplatz vorhanden.<BR /><BR />Vom Parkplatz auf dem gut sichtbaren Weg hinauf zur Zufallhütte. Kurz nach der Hütte links auf Weg Nr. 150 (südwestlich) durch eine Engstelle mit Felsriegel weiter bis zum flachen Talboden des Plimabaches, wo man auf die alte Gletscherstaumauer trifft. Anschließend flach weiter auf Weg Nr. 150 in westlicher Richtung bis kurz vor die Brücke am Butzenbach. Hier befindet sich die Weggabelung (Casatihütte Nr. 150 / Butzental Nr. 41). <BR /><BR />Nun auf Weg Nr. 41 ins Butzental aufsteigen, der in Richtung Madritschspitze führt, bis zur Abzweigung Mutspitze (Nr. 41A). Hier rechts in nördlicher Richtung über Grasböden den Markierungen und Steinmännchen folgend über zunehmend schrofiges Gelände weiter bis zum Gipfelaufbau der Mutspitze. Die letzten rund 100 Höhenmeter sind etwas steiler, führen jedoch unschwierig hinauf zum breiten Gipfelplateau. Nun nahezu eben weiter bis zu den Überresten der im Ersten Weltkrieg errichteten Steinmauern, die einst als Beobachtungsposten dienten, und weiter zum Gipfelkreuz.<BR /><BR />Aufstieg: 900 Höhenmeter.<BR /><BR />Gesamtgehzeit: 5 Stunden 30 Minuten<BR />(Text: Andy Walder)<h3> Zur Person: Der „Berglouter“</h3><div class="img-embed"><embed id="1333047_image" /></div> <BR />Andy Walder stammt aus Morter bei Latsch und ist geprüfter Wanderleiter. Auf seinem Portal „berglouter.com“ und in den sozialen Netzwerken „Facebook“ und „Instagram“ stellt er verschiedene Wanderungen und Bergtouren vor. Zudem hat er im Jahr 2014 den Wanderführer„Bergwanderparadies Vinschgau“ veröffentlicht. „Den Namen Berglouter gaben mir Freunde, da ich früher viele Bergtouren alleine unternommen habe“, erzählt er. Als „Louter“ bezeichnen Südtiroler einen großen, gewichtigen Mann.