Mittwoch, 28. Juni 2017

„Nicht die Pfleger sind das Problem, sondern die Politik“

Bereits am ersten Juli-Wochenende hätten die Hausärzte den Wachdienst in der Bozner Notaufnahme versehen sollen, um diese zu entlasten. Daraus wird nun nichts. Warum sich die Hausärzte querstellen? STOL hat nachgehakt.

Warum die Hausärzte mit dem Wachdienst in der Bozner Notaufnahme ini Problem haben, erklärt Dr. Domenico Bossio.
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Warum die Hausärzte mit dem Wachdienst in der Bozner Notaufnahme ini Problem haben, erklärt Dr. Domenico Bossio.

Die Entschärfung der Krise in der Bozner Notaufnahme lässt weiter auf sich warten. Der Dienst, den die Hausärzte ab Anfang Juli dort versehen sollen, wird nicht fristgerecht beginnen. Nicht weil den Ärzten die Krankenpfleger ein Dorn im Auge sind (STOL hat berichtet), sondern weil es sich um einen Schnellschuss der Politik handelt ohne mit den zuständigen Stellen vorher eine Einigung erzielt zu haben. So zumindest sieht es Dr. Domenico Bossio von der Hausärztegewerkschaft FIMMG. Ein Gespräch:

Südtirol Online: In den Streit um die Bozner Notaufnahme haben sich immer mehr Parteien eingebracht – jüngst auch die Krankenpfleger, die sich von den Hausärzten zu Unrecht angeschwärzt fühlen. Was sagen Sie dazu?

Domenico Bossio von der Hausärztegewerkschaft FIMMG: Wir wollten niemanden diskreditieren. Wir als Hausärzte schätzen den Dienst der Krankenpfleger sehr. In der Peripherie verzeichnen wir eine ausgezeichnete Zusammenarbeit und die Dienste der Krankenpfleger sind exzellent. Ich selbst könnte ohne sie nicht arbeiten.

STOL: Aber beim nun geplanten Dienst in der Bozner Notaufnahme wollen Sie diese Art der Zusammenarbeit nicht?

Dr. Bossio:In der Notaufnahme ist dieser Dienst von unserem Vertrag her nicht so vorgesehen. Wir sind bereit, an einem solchen Projekt mitzuarbeiten, aber es muss in Einvernehmen mit Pflegern, Hausärzten und allen Beteiligten überarbeitet und beschlossen werden. Im Interesse von uns allen.

STOL: Warum ist eine Mitarbeit der Hausärzte in der Notaufnahme so ein Problem?

Dr. Bossio: Es gibt einen institutionellen Dienst, der als Wachdienst stattfindet. Er wird in Italien nur von Hausärzten oder Freiberuflern übernommen, die in einer Rangordnung eingetragen sind. Der Vertrag dazu umrahmt mehrere Dienste wie Bereitschafts-, Nacht- und eben auch Wachdienst. Vom Vertrag her ist es vorgesehen, dass der Hausarzt allein die Regie übernimmt und keine Hilfe von den Krankenpflegern in Anspruch nimmt.

STOL: Sie sperren sich also nicht gegen die Pfleger, sondern gegen ein Projekt – einen Schnellschuss der Politik – zu dem Sie Ihre Zustimmung nicht gegeben haben?

Dr. Bossio: Korrekt. Deswegen haben wir das nicht geschluckt. Die Politik ist dafür zuständig. Und sie darf nicht die einen gegen die anderen ausspielen. Unser Nein war ein Schuss gegen die Politik und nicht die Pfleger. Nicht sie sind das Problem. 
Man muss verstehen: Für uns ist es etwas Fremdes, nicht Alltägliches. Wir haben das - was in der Notaufnahme geplant ist - noch nie in so einer Form mit den Krankenpflegern gemacht. Das sieht der Wachdienst nicht vor. Das Triage hat in unserem Normalfall keinen Zwischenfilter. In der Notaufnahme soll es nun anders ein.

STOL: Am Mittwochnachmittag treffen Sie sich mit den Zuständigen um Dr. Paolo Conci (Primar für Basismedizin), um zu einer Lösung zu finden?

Dr. Bossio: Um ein Pilotprojekt zu starten. Immerhin handelt es sich um eine Umstrukturierung eines Dienstes, der normalerweise unter anderen Voraussetzungen läuft. Von mir aus können die Krankenpfleger die Triage auch machen und die Patienten dann zu mir schicken.
Wir möchten Rechtssicherheit nicht nur in unserem Interesse, sondern auch im Interesse des Patienten.

STOL: Das klingt nach längerdauernden Verhandlungen, dabei sollte der Dienst in der Notaufnahme mit Anfang Juli beginnen…

Dr. Bossio: Dass der Dienst Anfang Juli anfangen wird, ist unmöglich. Wir wollen nicht der Bevölkerung schaden, sondern mit dem richtigen Bein starten. Das ganze Paket muss erst im juridischen Sinne verhandelt werden.
Dennoch: Dieses Treffen ist propositiv. Wir sagen nicht vor vornherein Nein. Sondern werden aktiv unsere Weichen stellen, wie man die Erste Hilfe entlasten kann.

STOL: Will heißen, die Hausärzte wollen noch mehr tun, um die Erste Hilfe zu entlasten?

Dr. Bossio: Das einzige, was wirklich funktionieren muss, ist die vernetzte Gruppenmedizin. Wenn ein junger Patient mit Ohrenschmerzen in die Erste Hilfe kommt, ist das ein Witz. Das darf nicht sein.
Wenn ein Hausarzt geschlossen hat, dann muss der Patient im Territorium auf ein Ambulatorium verwiesen werden, das rund um die Uhr offen hat - in einer Gruppe von Hausärzten. 
Dazu braucht es auch detaillierte Informationen, mit welchen Symptomen wohin zu gehen ist und dass die erste Anlaufstelle nicht das Krankenhaus sein darf, sondern die vernetzte Gruppe. Erst wenn es wirklich notwendig ist, dann werden die Hausärzte den Patienten an die Notaufnahme verweisen. 

Interview: Petra Kerschbaumer

stol