Die Szene gleicht einem Stunt in einem Actionfilm: Seilgesichert hängen die Spezialkräfte auf einem Kirchturm, um die Lärchenschindeln mit roter Farbe zu übertünchen, ehe kurz darauf auf der Spitze des schwindelerregenden Dachs der Sockel für das Kreuz fixiert wird. Dieses wird per Helikopter geliefert und fachgerecht montiert. <BR /><BR />Mitunter dürften sich Christoph Watschinger und Christoph Baur sowie einige ihrer Mitarbeiter tatsächlich ein wenig wie James Bond oder Tom Cruise fühlen, wenngleich das nicht ihr Antrieb und schon gar nicht ihre Absicht ist. Die beschriebene Szene ist zwar bloß ihrem Imagefilm entnommen, erklärt aber hinreichend die Besonderheit ihres Berufs. <BR /><BR />Die beiden Pusterer sind landesweit als Spezialisten für Sanierungen und Restaurierungen von Kirchtürmen, Kirchen und Holzglockenstühlen gefragt, dabei bauen sie neben ihren kompetenten Mitarbeitern Josef, Christian, Daniel, Lukas, Johannes und Philipp auf externe Partner wie etwa einem Steinmetz, Glockengießer, Kunstschmied oder auch Historiker. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="937102_image" /></div> <BR /><BR />Momentan bringen sie den Kirchturm in Reischach auf Vordermann, die Großbaustelle in Kiens haben sie soeben abgeschlossen. Dort wurde die imposante Pfarrkirche einer Renovierung unterzogen, dabei das Dach mit insgesamt 120.000 Lärchenschindeln neu eingedeckt sowie aufwändige Restaurierungsarbeiten durchgeführt, eine echte Sisyphusarbeit. Zusammen mit dem Sakralgebäude wurde das gesamte Dorfbild aufgewertet. <BR /><BR />Die Signalwirkung einer schön restaurierten Kirche kann kaum hoch genug eingeschätzt werden. „Tatsächlich wird unserer Arbeit sehr viel Wertschätzung entgegengebracht, was uns mit großer Dankbarkeit und zusätzlicher Motivation erfüllt“, sagt der in Toblach ansässige Christoph Watschinger. Vielfach könnten sich die Leute, die oftmals ihre Arbeiten als halsreckende Zaungäste vom Boden aus verfolgen, nicht vorstellen, wie all das überhaupt machbar ist. Sie sind schlichtweg baff. <h3> Wie haben das die Leute früher bloß geschafft?</h3>Dann aber rückt Christoph Watschinger gerne die Dinge etwas zurecht: „Wir verfügen für die Ausführung unserer Arbeiten über das Wissen von Spezialisten und die technischen Hilfsmittel. Das war früher anders, also vor vielen Jahrhunderten. Es stellt sich oft die Frage, wie es die Leute mit den Mitteln von damals überhaupt geschafft haben, diese Kirchen mit Glockentürmen zu bauen, ja sogar ein Kreuz auf der Kirchturmspitze anzubringen.“ <BR /><BR />In seinen Worten schwingt großer Respekt vor den historischen Bauten mit, in erster Linie gehe es immer darum, die Substanz und den Charakter der Kirchen zu erhalten. Kein Wunder, denn jede Kirche strahlt diese unvergleichliche sakrale Aura aus. Deshalb muss man sich natürlich eingehend mit dem anvertrauten Bauwerk befassen, dabei stets einen Drahtseilakt zwischen notwendigen Arbeiten und Erhaltung des Vorhandenen bewältigen. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="937105_image" /></div> <BR /><BR />„Erhalten was geht, und den Baumaterialien die maximale Lebensdauer gewähren“, erklärt Christoph Watschinger die Maxime. So werde etwa nur jener Teil des Balkens ausgetauscht, der morsch ist, oder aber bei den Dacheindeckungen gezielt Lärchenschindeln mit der höchsten Lebensdauer verwendet. Damit wird gleichzeitig das Thema Nachhaltigkeit am Bau beherzigt, ein Thema, über das der Toblacher viel zu erzählen weiß. <h3> Großer Respekt vor den Sakralbauten</h3>Es liegt auf der Hand, dass bei den Aufträgen stets auch das Landesamt für Denkmalschutz mit eingebunden ist. Als Bauherr fungiert hingegen grundsätzlich die Pfarrei bzw. der jeweilige Pfarrer. Ein gutes Miteinander aller Beteiligten ist die Voraussetzung für das bestmögliche Endergebnis, auch darauf legen die beiden Kompagnons großen Wert. Klarerweise muss dabei auch zwischen ihnen die Chemie passen, damit sich jeder bestmöglich entfalten kann. <BR /><BR />Christoph Baur, wohnhaft in Prags und gelernter Zimmermann, sagt dazu: „Wir haben uns bereits früher von der Bergrettung gekannt und gut miteinander harmoniert. Als er im vergangenen Jahr die Übernahme des Betriebes in Aussicht hatte, kam er auf mich zu, ob ich nicht mitarbeiten würde. Das hat mich gleich gereizt, allerdings habe ich klargestellt, dass für mich nur eine leitende Position in Frage kommt, sodass wir alles durchgegangen sind und folglich zusammen die Firma von den vorigen Inhabern übernommen haben.“ <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="937108_image" /></div> <BR /><BR />Genaugenommen wurde der Betrieb vor 36 Jahren von Eduard Kaiser und Arnold Wolf gegründet, als spezialisierte Firma „Kaiser & Wolf“ mit Sitz in Toblach haben sie landesweit mehr als 400 Sanierungen und Restaurierungen von Kirchtürmen und Kirchen sowie von 50 Holzglockenstühlen, darunter sogar einige Neubauten, durchgeführt. Dieses einmalige Erbe gelte es zu bewahren und weiterzuführen, sind sich die beiden neuen Partner einig. <BR /><BR />Die Ausbildung bei den Bergrettern kommt ihnen nicht nur bei der Sicherung in schwindelerregenden Höhen zugute, sondern grundsätzlich, weil Verlässlichkeit und Vertrauen in dieser Nische von essenzieller Bedeutung sind. „Man muss eingespielt sein und sich blindlings auf den anderen verlassen können, denn in derartigen Höhen kann jeder Fehler tödlich sein“, weiß der gelernte Tischler Christoph Watschinger. <BR /><BR />Zu den interessantesten und zugleich herausforderndsten Aufträgen zählt er die Sanierung der Turmdacheindeckung mitsamt neuem Anstrich an der Pfarrkirche von Schlanders, an den Marmorgesimsen der Frankengiebel wurden Restaurierungen vorgenommen. Mit seinen exakt 90,60 Metern Höhe gilt der Kirchturm als der höchste von ganz Tirol. „Viele Stunden täglich sind wir dort in den Seilen am Turm gehangen. Pünktlich zur Mittagszeit begann der Vinschger Wind kräftig zu blasen, das hat die Arbeit maßgeblich erschwert. Teilweise musste man aufpassen, dass es einem die Materialien nicht aus der Hand reißt“, blickt er zurück. <BR /><BR />Am Turm der alten Pfarrkirche in Algund ist es vorgekommen, dass die Turmspitze zu „singen“ begann, ein klares Zeichen von Blitzschlaggefahr. Auch wenn die Gewitterwolken noch weit weg scheinen, muss dann augenblicklich die luftige Baustelle verlassen werden. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="937111_image" /></div> <BR /><BR />Christoph Baur hat die Arbeiten am Kirchturm von Villanders noch besonders gut in Erinnerung, dieser musste mit Biberschwanzziegeln in unterschiedlicher Farbgebung eingedeckt werden, um ein stimmiges Muster zu ergeben – eine echte Maßarbeit. Ein Höhepunkt war die Montage des 80 Kilo schweren Kreuzes auf der Kirchturmspitze, das mit Hilfe eines Hubschraubers montiert wurde. <h3> „Jede Kirche ist ein einmaliges Bauwerk“</h3>Besondere Sorgfalt ist indessen auch bei der Restaurierung der Glockenstühle geboten. Wenn die tonnenschweren Glocken schwingen, werden enorme Kräfte frei, was dem Mauerwerk der Kirchtürme zusetzt. Hierbei hat sich gezeigt, dass sich die althergebrachten Holzglockenstühle doch besser eignen als die in den 1960er- und 1970er-Jahren eingebauten Stahlglockenstühle. Folglich mussten sie gar einige davon zum Schutz der Gebäude wieder ausbauen. <BR /><BR />„Letztlich ist diese Arbeit auch deswegen so interessant, weil man immer mit anderen Gegebenheiten konfrontiert wird und nie nach einem gewohnten Schema verfahren kann, denn unterm Strich ist jede einzelne Kirche ein einmaliges Bauwerk“, sind sich die beiden Pusterer einig. Gerade diese Einmaligkeit wird dank ihres Fachwissens und ihrer Art zu arbeiten auch für künftige Generationen bewahrt.<BR /><BR />