Montag, 09. April 2018

Nördliche und alpine Wälder stärker gefährdet als Regenwald

Klimaschützer blicken vor allem auf Tropenwälder – doch das Ökosystem mit den meisten gespeicherten Treibhausgasen ist noch stärker gefährdet: die Wälder in nördlichen Gefilden (boreale Wälder) und alpine Wälder, erklärte Florian Kraxner der APA am Rande der Generalversammlung der European Geosciences Union (EGU) in Wien. Folgen des Klimawandels und Misswirtschaft bedrohen sie akut.

Alpine Wälder seien stärker gefährdet als der Regenwald.
Alpine Wälder seien stärker gefährdet als der Regenwald. - Foto: © D

„Unser ganzes Augenmerk ist auf die Tropen gerichtet, dort gibt es Programme, um Abholzung zu reduzieren und Aufforstungs-Systeme, aber im Norden schaut keiner hin“, sagte der Experte für Ökosystemmanagement, der am Internationalen Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg bei Wien forscht. Wo keine Beobachter sind, würde oft zumindest fragwürdiges Management betrieben. Dies gelte zum Beispiel für die borealen Wälder in Russland und Kanada.

Risiko der störungsanfälligen Monokulturen 

In den skandinavischen Ländern sorge man sich zwar sehr um die Wälder, aber das dortige Bewirtschaftungssystem ist sehr intensiv und vernachlässigt die Biodiversität (Artenvielfalt), meint er. „Bei uns schneidet man vereinzelt Bäume aus dem Wald, fällt sie über dem Stumpf, gewinnt den wertvollen Schaft und lässt die Äste, die ohnehin kaum einen Ertrag bringen, meist im Wald verrotten“, erklärte Kraxner. Erst wenn nachwachsende, junge Bäume die Löcher im Blätterdach gefüllt haben, holt man andere aus dem Altbestand heraus. „In Skandinavien reißt man aber nach dem Absägen sogar noch den Stumpf mit dem Caterpillar aus, um auch ihn und die dicken Wurzeln zu nutzen“, sagte er. Anschließend entstehen Monokulturen, die anfällig auf Störungen sind.

Diese treten durch den Klimawandel vermehrt auf. „Er bringt verstärkte Extremereignisse wie starke Niederschläge und Stürme, außerdem drohen Borkenkäfer-Ausbrüche, Pilze und Krankheiten, die man vorher nicht gekannt hat, weil die Winter lange und kalt waren, das einst perfekt eingespielte System“, so Kraxner. Durch die milden Winter seien zum Beispiel die Borkenkäfer in Kanada von der Westküste über die Rocky Mountains ins Landesinnere gelangt, und auch in Russland arbeiten sie sich stetig voran. Zurück bleiben zerfressene Bäume und tote Wälder. „Dabei bräuchten wir die Wälder gerade jetzt vermehrt als Kohlenstoffspeicher“, erklärt er.

Im Norden und den Alpen wachsen die Bäume wegen der kälteren Temperaturen viel langsamer nach als etwa in den Tropen. Die Wälder in den Alpen auf etwa 1500 bis 2000 Metern Seehöhe seien sehr gut vergleichbar mit den borealen Wäldern, es ist also von den Klimabedingungen quasi egal, ob man vertikal in die Höhe geht oder die geografische Breite zunimmt.

Auftauen der Permafrostböden 

Während man die Forste aber vor Ort managen und möglichst widerstandsfähige, nachhaltig bewirtschaftete Wälder schaffen kann, ist ein anderes Problem der borealen Zone nur durch sofortige globale Maßnahmen abzuschwächen: das Auftauen der Permafrostböden. Das geschieht aber auch in den Alpen. „In Folge hatten wir in jüngster Zeit fast im Monatsrhythmus Bergstürze, die ganze Dörfer von der Verpflegung und Versorgung abgeschnitten haben, die Bevölkerung und Touristen waren eingeschlossen, und es gibt auch bei Bergsportlern immer mehr Unfälle durch Steinschlag“, berichtete der Forscher.

Während in den borealen Wäldern keine Menschen direkt gefährdet sind, ist ein Auftauen der Permafrostböden dort viel klimarelevanter. In ihnen sind Unmengen von CO2 und Methan gespeichert, und wenn sie freigesetzt würden, wäre eine weitere Spirale der Erwärmung im Laufen. „Wir müssen in diesem Fall genau bei uns ansetzen und eigentlich sofort aufhören, CO2 zu emittieren“, sagt Kraxner. Dazu sollten sämtliche Energiesysteme und Transportmittel so schnell wie möglich „fossilfrei“ funktionieren. Zusätzlich sei es nötig, bereits emittiertes CO2 aus der Atmosphäre zu holen. Dafür gibt es technische Möglichkeiten, aber auch das Aufforsten und richtige Management von Wäldern sei wichtig.

apa

stol