<b><BR />Herr Moroder, wie beginnt ein typischer Arbeitstag für Sie als Notfallmediziner?</b><BR />Luca Moroder: Wenn ich in der Flugrettung im Einsatz bin, beginnt der Tag immer mit dem Routinecheck der Maschine und der Ausrüstung. Der Techniker und der Pilot überprüfen die Luftfahrzeugtechnik, während Flugretter und Notarzt das medizinische Material, die Geräte und die Rucksäcke auf Vollständigkeit und Funktion testen. Anschließend treffen wir uns zum gemeinsamen Frühstück im Aufenthaltsraum. Dabei führen wir zusammen mit der technischen Crew das tägliche Briefing durch.<BR /><BR /><BR /><b>Was genau wird bei diesem Briefing besprochen?<BR /></b>Moroder: Wir gehen spezielle Einsatzprozeduren durch – etwa das Aussteigen im Schwebeflug oder Windenmanöver – oder besprechen besondere Einsätze der vergangenen Tage nach. Gleichzeitig melden wir uns bei der Landesnotrufzentrale einsatzbereit. Ab diesem Moment kann der Piepser jederzeit losgehen.<BR /><BR /><embed id="dtext86-75681476_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Und dann: Der Piepser ertönt – wie ist das Procedere, wenn der Alarm eingeht?<BR /></b>Moroder: Wir erhalten die wichtigsten Details zum Notfall, den Einsatzort sowie Informationen über weitere alarmierte Kräfte wie Rettungswagen, Feuerwehr, Berg- oder Wasserrettung. Diese Daten bekommen wir direkt aufs Tablet gespielt. Binnen weniger Minuten sind wir in der Luft.<BR /><BR /><BR /><b>Wie bereiten Sie sich während des kurzen Fluges auf den Einsatz vor?<BR /></b>Moroder: Die medizinische Crew geht anhand der vorliegenden Informationen mögliche Szenarien durch und legt einen ersten Behandlungsplan fest. Parallel dazu bereitet sich die technische Crew auf die Landung vor. Wir können nicht überall direkt aufsetzen. Oft landen wir ganz nah am Notfallort oder an einem Treffpunkt mit dem Rettungswagen. In schwer zugänglichem Gelände – etwa in dichtem Wald oder in Steilwänden – bleiben oft nur der Schwebeflug oder die Seilwinde. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1338471_image" /></div> <BR /><BR /><b>Welche Arten von Einsätzen unterscheiden Sie in der Flugrettung?<BR /></b>Moroder: Hauptsächlich unterscheiden wir zwischen Primär- und Sekundäreinsätzen. Primäreinsätze sind akute Notfälle, zu denen uns die Zentrale direkt schickt. Das können internistische Notfälle sein wie Herzinfarkte, Schlaganfälle oder Atemnot, aber auch traumatologische Verletzungen nach Verkehrsunfällen, Sport- oder Bergunglücken. Daneben gibt es Einsätze, bei denen nicht zwingend ein Notarzt nötig wäre, die Bergung aber aufgrund des unwegsamen Geländes – wie auf einem Klettersteig – nur aus der Luft möglich ist. Sekundäreinsätze hingegen sind Verlegungsflüge von intensivpflichtigen Patienten zwischen zwei Krankenhäusern.<h3> „An emotionale Einsätze erinnert man sich lange“</h3><b>Gibt es Jahreszeiten, in denen die Flugrettung besonders gefordert ist?</b><BR />Moroder: Ja, die Sommer- und Wintermonate sind aufgrund des intensiven Bergtourismus und des Skibetriebs deutlich einsatzreicher als das Frühjahr oder der Herbst.<BR /><BR /><BR /><b>Haben Sie das Gefühl, dass bestimmte Unfallarten in letzter Zeit zugenommen haben?</b><BR />Moroder: Rein vom Bauchgefühl her würde ich sagen, dass Freizeitunfälle im Sommer wie im Winter spürbar zugenommen haben. Immer mehr Menschen betreiben Sport in den Bergen, teils auch Risikosportarten. Mit der reinen Anzahl an Menschen im Gelände steigt natürlich auch die Wahrscheinlichkeit von Unfällen.<BR /><BR /><BR /><b>Was ist für Sie persönlich die größte Herausforderung in der Notfallmedizin aus der Luft?</b><BR />Moroder: Es ist die Kombination aus Medizin und Technik unter erschwerten Bedingungen. Eine medizinische Versorgung auf einem schmalen Wanderweg oder im Gelände durchzuführen, ist logistisch und technisch eine ganz andere Aufgabe als in einer Wohnung. Genau dieses Zusammenspiel macht den Beruf aber auch so spannend.<BR /><BR /><BR /><b>Wie gehen Sie mit extremen Belastungen oder dramatischen Schicksalen um?</b><BR />Moroder: Wir kommen oft in Situationen, die für die Betroffenen und deren Angehörige die schlimmsten Momente ihres Lebens darstellen – besonders bei schweren Schicksalsschlägen oder Kindernotfällen. An solch emotionale Einsätze erinnert man sich lange. Wir verarbeiten das, indem wir im Team offen darüber sprechen. An solche Situationen gewöhnt man sich nie völlig, aber das Reden hilft enorm. Am Ende überwiegt glücklicherweise fast immer die Genugtuung, Menschen effektiv geholfen zu haben.<BR /><BR /><BR /><b>Wie schätzen Sie das Notfallnetzwerk in Südtirol insgesamt ein?</b><BR />Moroder: Wir arbeiten auf einem sehr hohen Niveau. Die Landesnotrufzentrale als Dreh- und Angelpunkt koordiniert die Ressourcen effizient. Durch das dichte Netz an Rettungsstellen, Stützpunkten und Hubschraubern haben wir sehr kurze Versorgungs- und Transportzeiten. Die Zusammenarbeit innerhalb der Rettungskette und zwischen den Krankenhäusern funktioniert sehr gut. <BR /><BR /><BR /><b>Was fasziniert Sie persönlich am meisten an Ihrem Beruf?</b><BR />Moroder: Mich fasziniert die enorme Bandbreite meines Fachbereichs – von der Arbeit als Anästhesist im Operationssaal über die Intensivstation bis hin zur Notfallmedizin in der Luft. Was mir aber die meiste Erfüllung gibt, ist das ganz einfache Gefühl am Feierabend, an diesem Tag Menschen in Not geholfen zu haben.<h3> Zur Person </h3><div class="img-embed"><embed id="1338474_image" /></div> <BR /><b>Dr. Luca Moroder</b> (39) stammt aus Deutschnofen. Das Medizinstudium sowie die Facharztausbildung im Bereich Anästhesie, Intensivmedizin und Notfallmedizin absolvierte er in Innsbruck. Heute arbeitet er als Facharzt am Krankenhaus Bozen und ist sowohl in der bodengebundenen Rettung als auch für die HELI-Flugrettung Südtirol im Einsatz.