Donnerstag, 15. Oktober 2015

"Nur damit ist es nicht getan"

Da sind einerseits die Frauen, die Haushalt, Kind und Job unter einen Hut bringen sollten, doch an den fehlenden Betreuungsmöglichkeiten und der gläsernen Decke scheitern. Dann sind da andererseits die Männer, die nur am Wochenende ihre Kinder betreuen, wahre Haushaltsmuffel sind und immer noch mehr verdienen, als ihre weiblichen Kollegen. Hat sich nach 25 Jahren Landesbeirat für Chancengleichheit in Südtirol also rein gar nichts geändert? Ein Gespräch mit Präsidentin Ulrike Oberhammer.

Der Mann von heute schaut auf das Kind,... allerdings nur am Wochenende.
Badge Local
Der Mann von heute schaut auf das Kind,... allerdings nur am Wochenende. - Foto: © APA/DPA

Südtirol Online: 25 Jahre Landesbeirat für Chancengleichheit: ein Grund zum Feiern?

Ulrike Oberhammer, Präsidentin des Landesbeirates für Chancengleichheit: Ja, das ist schon ein Grund zum Feiern und ein Anlass, um zurückzublicken. Wir haben in den Gärten von Trauttmansdorff einen Baum - nein, kein Bäumchen – gepflanzt (STOL hat berichtet), um zu verdeutlichen, dass viele Forderungen der Frauen, die im Landesbeirat begannen, heute langsam Früchte tragen.

 

Ulrike Oberhammer, Gabi Strohmer und Martha Stocker beim Pflanzen der Seidenakazie. - Foto: LPA/Maria Pichler

STOL: Auf welche Errungenschaften sind Sie ganz konkret stolz?

Oberhammer: Nun, in Sachen Frauen und Gewalt hat sich viel getan, einiges auch im Bereich Führungspositionen und Politik. Wichtig sind die Unterhaltsvorschussstelle und das Gleichstellungsgesetz. Auch der Equal Pay Day (= internationaler Aktionstag für Entgeltgleichheit zwischen Männern und Frauen) ist in Südtirol zu einer landesweiten Aktion geworden. Wir haben Netzwerke gegründet und sind wie der Baum in den Gärten von Trauttmansdorff in Strukturen eingebettet. In Gemeinden gibt es heute Kommissionen für Chancengleichheit.

STOL: In welchen Punkten ist Ihnen noch immer zum Heulen zumute?

Oberhammer: Wenn es um die Schließung der Lohnschere geht. Es ist heute nicht mehr nachvollziehbar, dass gut ausgebildete Frauen für dieselbe Arbeit weniger verdienen.

Dann gibt es in Sachen Gewalt an Frauen noch viel zu tun. Wir sind nicht das Heilige Land und täglich kommt es zu Übergriffen, Anzeigen, auch noch zu Morden.

Dann ist da die Gendermedizin. In dem Bereich gibt es noch sehr viel zu tun.

STOL: Thema: Frauenquote – Wo soll das hinführen?

Oberhammer: Quote, Quote, Quote: Auch wir selbst können das Wort bald nicht mehr hören. Doch egal, welchen Begriff man wählt, Fakt ist, dass wir in der Politik um jeden Posten kämpfen müssen. Daher ist es notwendig. Es soll dahin führen, dass wir Hälfte Frauen, Hälfte Männer sind.

STOL: Das Bild der Frau vor 25 Jahren – zeichnen Sie es kurz nach?

Oberhammer: Nun, wenn man es sehr reduziert, war das Leben der Mädchen und Frauen vorgezeichnet. Es war nicht selbstverständlich, dass Mädchen ihren Beruf frei wählen konnten, dass sie technische Schulen oder gar technische Berufe für sich wählten. Es war eher nach dem Modell: Erst Schule oder irgendeine Grundausbildung, dann Beruf und anschließend hat alles auf das Sein als Mutter und Hausfrau abgezielt.

STOL: Das Bild der Frau heute?

Oberhammer: Heute ist es selbstverständlich, dass Frauen arbeiten müssen – schon aufgrund der finanziellen Situation. Mädchen können studieren, was noch gar nicht so lange so normal ist. Denn in den Köpfen der Menschen gehen Veränderungen leider sehr viel langsamer vonstatten, als wir es als Landesbeirat gerne hätten.

Das Bild heute ist ein modernes, bis zu einem gewissen Punkt, an dem die Schwierigkeiten nach wie vor beginnen. Nämlich dann, wenn die Frau weniger verdient, wenn sich Familie und Job nicht leicht vereinbaren lassen, weil die Nachmittagsbetreuung schwierig zu organisieren ist und man heute nicht mehr in den Großfamilien lebt, wo die Tante oder Oma aufs Kind schauen kann.

Auch stößt die Frau an die gläserne Decke. Wenn jährlich 600 Frauen in Südtirol ihren Arbeitsplätz aufgrund dieser Schwierigkeiten aufgeben, dann heißt das nichts Gutes und ist eine Verschwendung von Ressourcen.

STOL: Wie sehr hat sich der Mann – auch in seiner Rolle als Kindsvater - geändert?

Oberhammer: Nun, sie schämen sich nicht mehr, einen Kinderwagen zu schieben. Doch nur damit ist es nicht getan. Es gibt immer noch wenige Beispiele von Männern, die in Vaterschaftsurlaub gehen. Auch sie fürchten und spüren negative Konsequenzen – und halten am Rollenbild fest, bei dem die Frau zuhause bleibt. Zudem sind Südtirols Männer wahre Haushaltsmuffel.

STOL: Luis Durnwalder hat noch gesagt, man werde ihn sicher nicht mit dem Kinderwagen unterwegs sehen. Viele junge Väter tragen oder schieben ihren Nachwuchs heute doch sichtbar stolz und ohne Probleme herum: Ist das keine Entwicklung?

Oberhammer: Eine kleine Entwicklung, denn das passiert das Wochenende. Unter der Woche sind es die Mütter, die ihre Kinder betreuen.

STOL: Liegt es auch an Frauen, alles schultern zu wollen und keine Verantwortung abzugeben?

Oberhammer: Ich glaube, viele Frauen wären froh, wenn sie Verantwortung abgeben könnten. Doch wenn die Männer mehr verdienen, ist die Entscheidung, wer zuhause bleibt, schon gefallen. Doch Familie ist nicht nur ein Frauenthema. Wenn wir aber zu einer Veranstaltung in Sachen Familie laden, kommen fast ausschließlich Frauen.

STOL: Haushalt, Kind und Beruf obendrauf: Aus einer Doppel- ist eine Dreifachbelastung geworden. Gilt nicht bezahlte Arbeit einfach nicht als Arbeit?

Oberhammer: Die unbezahlte Hausarbeit ist ein großes Thema. Wenn für Erziehung und Haushalt bezahlt werden müsste, würden so manchen die Augen aufgehen. Doch wenn es ums Geld geht, wird die Diskussion auch innerhalb der Familie schnell schwierig. Ein heikles Thema sind da die Renten – etwa, dass Männer die Renteneinzahlungen für ihre Frauen leisten sollen.

STOL: Was sagen Sie zu Frauen, die sich explizit dafür entscheiden, zuhause bei den Kindern zu bleiben und Hausfrau und Mutter zu sein?

Oberhammer: Wir sind für Wahlfreiheit. Eine Frau sollte entscheiden dürfen, was für sie und für die Familie das Beste ist. Die Frauen dürfen nur nicht vergessen, dass sie in der Zeit nicht für die Rente einzahlen. Auch ist es schwer, wenn man einige Jahre ausgesetzt hat, wieder Anschluss in der Arbeitswelt zu finden. Die Frauen sollten sich dessen bewusst sein, damit sie später nicht an die Armutsgrenze schlittern. Wir plädieren hier an die Eigenverantwortung der Frauen. 

Interview: Petra Kerschbaumer

stol