Dienstag, 22. Dezember 2015

„Ob Tourist oder Olympia-Sieger stürzt, ist im Grunde egal“

Nach dem schweren Sturz von Matthias Mayer auf der Saslong gingen die Bilder des roten Retters „Aiut Alpin“ um die Welt. Ein vorbildhafter Rettungseinsatz, so die einhellige Meinung. STOL hat mit Windenmann Raffael Kostner gesprochen. Er sagt: Ob der Abfahrts-Olympiasieger oder ein Tourist verletzt auf der Piste liegt, ist im Grunde komplett egal.

Rettung in 37 Minuten: Das Team rund um Raffael Kostner hat am Samstag ganze Arbeit geleistet.
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Rettung in 37 Minuten: Das Team rund um Raffael Kostner hat am Samstag ganze Arbeit geleistet. - Foto: © APA/AFP

Südtirol Online: Herr Kostner, nach dem schweren Sturz von Matthias Mayer wurde Südtirol durch die Bank für den vorbildlichen Rettungseinsatz gelobt. Was macht den perfekten Einsatz am Rennwochenende aus?
Raffael Kostner, Windenmann und technischer Leiter des Aiut Alpin: Bei einem Weltcup-Rennen sollte alles sehr schnell gehen. Die Verantwortlichen wollen schnell weitermachen, vor allem, wenn einer der ersten 30 Starter, die live übertragen werden, zu Sturz kommt. Da geht‘s um Sendezeit, jede Sekunde hat einen wahnsinnigen Wert. Doch ich möchte betonen: Der Verletzte hat absolut Vorrang. 
Deshalb setzen wir seit Jahren auf folgende Organisation: Bergführer Othmar Prinoth koordiniert die Rettungseinsätze. Direkt an der Piste stehen mehrere Ärzte bereit, dazu kommen die Bergrettung Gröden und die Carabinieri. Sollte ein Rennläufer stürzen, übernimmt eine Truppe an der Piste die unmittelbare Versorgung. Diese Truppe muss blitzschnell entscheiden, ob man den Athleten nur von der Piste trägt oder ob er via Helikopter abtransportiert werden muss.
Im Fall von Matthias Mayer hat man gleich gesehen, dass die Lage eher schlimm ist.

ÖSV-Star Matthias Mayer kam auf der Ciaslat schwer zu Sturz. Er brach sich mehrere Wirbel, muss die Saison abschreiben. - Foto: APA

Mayer wurde mit ärztlicher Leitung sofort in eine Vakuummatratze und aufwindbaren Rettungssack eingepackt. Knapp vor Abschluss der ersten Maßnahmen riefen die Retter uns, den Aiut Alpin, zum Einsatz. Für die Dauer des Rennens sind wir im Zielraum stationiert. Mit der Seilwinde beförderten wir den Notarzt des Aiut Alpin und einen weiteren aufwindbaren Rettungssack – damit dem Team an der Piste wieder die nötige Ausrüstung zur Verfügung steht – zum Verletzten. Der Arzt an der Piste übergab den Patienten an unseren Notarzt, wir holten den Verletzten mit der Winde in den Helikopter.

Der Abtransport von Matthias Mayer in den Zielraum der Saslong dauerte keine Viertelstunde. - Foto: APA

Im Zielraum dann noch eine kurze Landung: Der Doktor untersuchte den Patienten genauer – Wirbel waren kaputt. Er beschloss die Einlieferung ins Spital. Othmar Prinoth verständigte die Landesnotrufzentrale, diese schickte den Pelikan 2 nach Gröden, der für die Dauer unseres Fluges ins Krankenhaus unseren Dienst beim Rennen übernahm. 

STOL: Die Zeitspanne der Rettungsaktion?
Kostner: Um 12.49 Uhr ist Matthias Mayer gestürzt. Um 13.01 befand sich Mayer bereits im Zielraum zur zweiten Untersuchung. Um 13.12 Uhr ist der Aiut Alpin in Richtung Bozen aufgebrochen. Um 13.26 Uhr haben wir Matthias Mayer der Ersten Hilfe in Bozen übergeben.

STOL: Etwas mehr als eine halbe Stunde. Beim tragischen Sturz des österreichischen Skirennläufers Matthias Lanzinger 2008 im norwegischen Kvitfjell hat der Abtransport insgesamt sechs Stunden gedauert. Sein Unterschenkel musste amputiert werden.
Kostner: Das ist wahnsinnig. Im Ski-Weltcup ist das ein großes Problem: Von Region zu Region, von Stadt zu Stadt gibt es, was die Rettung anbelangt, gewaltige Unterschiede. Vor 20 Jahren hat die Rettung auch bei uns nicht so gut funktioniert, wie man es sich erwünscht hätte. Auch bei uns gab's Diskussionen, bis wir gesagt haben: „Wenn wir das übernehmen, dann wollen wir auch, dass das funktioniert. Sonst wollen wir mit der Sache nichts zu tun haben.“

 

Im Helikopter daheim: Raffael Kostner - Foto: lm/D

 

STOL: Ist das Gefühl ein anderes, wenn man abhebt und weiß: Da liegt ein Toprennläufer verletzt auf der Piste und die gesamte Skiwelt blickt kritisch auf den Ablauf der Rettung?
Kostner: Nein. Wir machen das nun schon seit über 20 Jahren. Solche Einsätze sind für uns relativ normal. Natürlich muss man konzentriert zur Sache gehen, die Handgriffe müssen sitzen. Nachdenken, was nun zu tun ist, geht in solchen Situationen mit Sicherheit nicht.

STOL: Das heißt: Ob nun ein Tourist oder ein Olympia-Sieger verletzt auf der Piste liegt, ist im Grunde egal.
Kostner: Genau.

STOL: Stichwort Ski-Airbag. Ihre Meinung dazu?
Kostner: Ich glaube, das ist grundsätzlich eine gute Sache.

STOL: Regnet es nach einer Rettungsaktion wie der am Samstag Lob, wie groß ist die Genugtuung?
Kostner: Nun gut, manche haben auch nach diesem Einsatz gefragt: „Warum seid ihr nicht gleich zum Verletzten geflogen?“ Ich sage dann, das bringt nichts. Wir haben ja bereits einen Arzt an der Piste, der sich um den Verletzten kümmert. Wir würden nur unnötig Wind machen. Da ist es besser, wir fliegen erst dann los, wenn der Patient auch wirklich bereit ist.

Wenn alle zufrieden sind, ist das immer bärig. Es gibt Motivation, die Arbeit weiterhin gut zu organisieren und zu absolvieren. Und das wiederum gibt nicht nur uns ein gutes Gefühl, sondern auch den Athleten und jedem anderen, der sich irgendwo auf der Piste verletzt.

Interview: Petra Gasslitter

stol