Dienstag, 17. März 2020

Obdachlose: Bozner Winterhaus verlängert bis Ende April – mit Auflagen

Die Corona-Krise trifft obdachlose Menschen besonders hart. Obwohl die Freiwilligen des Winterhauses in Bozen mit ihrem Engagement und ihrer Kraft am Limit sind, wollen sie die Notschlafstätte in der Carducci-Straße für 50 obdachlose Frauen und Männer bis Ende April noch einmal verlängern. Allerdings stellen sie Bedingungen an die Gemeinde Bozen: Der Nachtdienst könne aufgrund der Corona-Pandemie ab Ende März nicht mehr von Freiwilligen durchgeführt werden.

Die Tür des „Winterhauses“ steht bis Ende April für Obdachlose offen.
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Die Tür des „Winterhauses“ steht bis Ende April für Obdachlose offen. - Foto: © Winterhaus
Die Gemeinde müsse Nacht- und Putzdienst gewährleisten und zwei Notschlafzimmer für erkrankte Menschen bereitstellen, die auf der Straße leben. Gleichzeitig verurteilen die engagierten Freiwilligen die Räumung der Zeltsiedlung von 20 obdachlosen Menschen in der Bozner Trientstraße vor einer Woche. Das sei in dieser schwierigen Zeit ein Affront gegen jede Menschlichkeit und Würde gewesen. Man könne von den Menschen nicht verlangen, zu Hause zu bleiben und obdachlosen Menschen gleichzeitig das Zuhause wegnehmen: mit der fadenscheinigen Begründung, dass die Räumung schon lange geplant und nicht aufzuschieben gewesen sei. Indes wurden und werden Fußballspiele, Beerdigungen und andere Feierlichkeiten viel kurzfristiger abgesagt.

Der Unternehmer Heiner Oberrauch stellt das Winterhaus in der Bozner Carduccistraße seit 10. Dezember für 50 obdachlose Menschen kostenlos zur Verfügung. Mehr als 100 Freiwillige verrichten seither dort den Nachtdienst problemlos und gut abgestimmt. Ursprünglich war geplant, das Haus bis 10. März offen zu halten. Weil Politik und Verwaltung aber keine Alternativen anboten, erklärten sich die Freiwilligen Anfang Februar bereit, den obdachlosen Menschen vor der Märzkälte Schutz zu bieten und das Winterhaus bis 1. April weiterzuführen. Inzwischen hat sich die Situation radikal verändert: Zur Eindämmung der Ausbreitung des Corona-Virus sind alle Menschen verpflichtet, in ihren Wohnungen zu bleiben. „Wo aber sollen Menschen ohne Dach über dem Kopf hin?“, fragt das Kernteam des Winterhauses, zu dem neben Heiner Oberrauch, Paul Tschigg, Caroline Hohenbühel, Federica Franchi und Barbara Bertagnolli gehören. Der Aufenthalt in öffentlichem Raum ist bei Strafe verboten, Tagesstätten sind geschlossen, Essensausgaben arbeiten begrenzt. Das Kernteam des Winterhauses bedankt sich bei den Freiwilligen, die derzeit unter Einhaltung der Hygienevorschriften und zum Schutz der eigenen Gesundheit und jener der Gäste bei den Nachtdiensten Herausragendes leisten. Während des Tages müssen die obdachlosen Menschen das Haus verlassen. Den Tagdienst können die Freiwilligen nicht gewährleisten.

Ein Anker in dieser schweren Zeit

Gleichzeitig sind die Macherinnen und Macher des Winterhauses perplex über die Räumung der Zeltsiedlung unter dem Viadukt der A22 am vergangenen 11. März. 20 obdachlosen Menschen wurde dort der Unterschlupf genommen. „Wie kann es sein, dass der Bürgermeister in Zeiten wie diesen solch menschenverachtende Aktionen veranlasst?“, fragen sie erzürnt. Mit ihrem Zeltdach sei den Obdachlosen auch die letzte Würde genommen worden. In dieser unsicheren Zeit bräuchten sie Anker, an denen sie sich festhalten können. „Menschen ohne Dach über dem Kopf gehören zu den Fragilsten der Gesellschaft, werden in all der Aufregung aber vergessen.“ Zeitgleich mit der Räumung der Zeltsiedlung klopften die Gemeinde-Politiker von Bozen bei den Winterhaus-BetreiberInnen an und baten, die Notschlafstelle in der Carducci-Straße weiter offen zu halten, um nicht inmitten der Corona-Krise Anfang April weitere 50 Menschen auf der Straße zu haben.

Nach intensivem Abwägen und Beraten haben Heiner Oberrauch und die Freiwilligen jetzt entschieden: Mit dem allgemeinen Rückzug in die eigenen vier Wände darf es keinen Rückzug von der Solidarität geben. Das Winterhaus in der Carducci-Straße wird offen bleiben, allerdings mit Auflagen: Die Gemeinde Bozen muss für den Nachtdienst und für die Grundreinigung des Hauses sorgen und bei auftretenden Krankheitsfällen abgeschirmte Zimmer für die Erkrankten zur Verfügung stellen – auch für jene, die auf der Straße leben. Die Freiwilligen werden sich weiterhin mit Rat und Tat einbringen.

Das Winterhaus II im Zeilerhof in Gries bleibt ebenso länger geöffnet. Dort können die untergebrachten Frauen und Familien auch während des Tages bleiben und werden ausschließlich von den Winterhaus-Freiwilligen begleitet.

vs